Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

Eine Mine in der Stadt, zuviel Blei im Blut

Der Schweizer Konzern Glencore betreibt in Cerro de Pasco eine der ältesten Bergwerke im Andenstaat Peru. Die Kinder, die dort aufwachsen, leiden unter den Folgen des Bergbaus – unter ihnen Esmeralda Martín, die auf eine Knochenmarktransplantation angewiesen ist.

Von Hildegard Willer, Lima

Zuerst war das Nasenbluten, das nicht mehr aufhören wollte. Simeón Martín und seine Frau Carmen schleppten ihre Tochter Esmeralda von einem Arzt zum anderen. Schliesslich die Diagnose: aplastische Anämie. Esmeraldas Rückenmark produziert keine weissen und roten Blutkörperchen mehr. Das war vor drei Jahren, Esmeralda war sieben Jahre alt. Das jüngste Kind der fünfköpfigen Familie.

«Der Arzt meinte, die Heilungsaussichten seien schlecht. Das Einzige, was ich tun könne, sei, Esmeraldas Leben so schön wie möglich zu gestalten», sagt Simeón Martín, ein grosser, kräftiger Mann mit schwarzen Locken. Er richtete seiner Tochter ein Zimmer wie aus einem Werbeprospekt für junge Mädchen ein: Auf dem Bett und den Fenstersimsen stehen Plüschtiere und Barbie-Puppen, die Wände sind pink gestrichen, rosa Gardinen zieren die Fenster, über dem Bett hängt ein Baldachin. Martín holt ein Foto von seiner Kleinen hervor, als sie noch gesund war und keck in die Kamera schaute. Esmeralda ist derweil zur Behandlung in der peruanischen Hauptstadt Lima.

Giftiger Staub

Der 46-Jährige weiss, dass er Esmeralda zwar ein hübsches Zimmer einrichten, das Zimmer selbst aber nicht in eine gesündere Gegend verlegen kann. Er geht auf das Dach seines halb fertig gebauten Hauses und zeigt auf die Abraumhalden, die in allen Tönen von Braun bis Rot schimmern. Wenn der Wind weht – und er weht hier oft auf 4300 Metern Höhe –, dringt der Staub in alle Häuser. Die Familie wohnt in Cerro de Pasco, Perus ältester Minenstadt. «Das», sagt Martín, «hat meine Tochter krank gemacht» und zeigt mit dem Finger auf die in nächster Nähe aufgetürmten Schlacken und Erdreste.

Die 70 000-Menschen-Stadt Cerro de Pasco liegt in Zentralperu. Seit gut hundert Jahren wird hier industriell Zink, Silber und Blei abgebaut. Hundert Jahre, in denen Abraumhalde um Abraumhalde wuchs. In denen zu den unterirdischen Stollen schliesslich eine gigantische offene Abbaugrube mitten in der Stadt hinzukam. In denen es weder den Unternehmen noch dem Staat gelang, für sauber aufbereitetes Trinkwasser zu sorgen. Hundert Jahre Umweltverschmutzung, für die niemand verantwortlich sein will.

Die Mine von Cerro de Pasco gehört dem Konzern Volcan, dem grössten Zinkproduzenten Perus. 1999 hatte die Familie Letts die damals noch staatseigene Mine gekauft – zum Schnäppchenpreis von 61  Millionen US-Dollar plus 19,5  Millionen für eine Altlastensanierung. Glencore war bereits Minderheitsaktionär von Volcan, im November 2017 erwarb der Rohstoffkonzern weitere 37  Prozent und ist mit 55  Prozent aller Aktien seitdem Mehrheitsaktionär: 733  Millionen Dollar zahlte der in der Schweiz ansässige Multi an die bisherigen Anteilseigner.

Für Esmeraldas Grossvater war Cerro de Pasco noch die Stadt seiner Träume. Anfang der fünfziger Jahre verliess der Bauernsohn Ascensio Martín sein Heimatdorf Dos de Mayo. Er hoffte auf einen besseren Verdienst in der Mine. Seine Hoffnung erfüllte sich: Nach sechs Monaten wurde der damals Sechzehnjährige fest angestellt – als Bergmann im Untertagebau. Ascensio heiratete, wurde Vater von sieben Kindern, baute ein Haus und machte eine bescheidene Karriere als Vorarbeiter. Die Arbeit war hart, aber die Bezahlung gut und der Job sicher. «2500 Soles hat mein Vater damals verdient», erinnert sich Sohn Simeón Martín, das jüngste der sieben Geschwister. 2500 Soles entsprächen heute in etwa 740  Franken. Mitte der achtziger Jahre ging Ascensio Martín mit einer guten Abfindung und einer Monatsrente von umgerechnet rund 230  Franken in den Ruhestand.

Das ursprünglich US-amerikanische Unternehmen Cerro de Pasco Corporation war in den siebziger Jahren ins Eigentum des peruanischen Staates übergegangen – die Militärjunta unter General Juan Velasco Alvarado liess es verstaatlichen. Die Diktatur dauerte sieben Jahre. Auch danach blieb die Mine staatlich, ehe sie von der neoliberalen Regierung Alberto Fujimoris 1998 wieder privatisiert wurde. Das peruanische Unternehmen der Familie Letts – das bis dahin nur zwei kleine Minen in Zentralperu besessen hatte – verpasste der Mine in Cerro de Pasco einen neuen Namen: Volcan. Im Bergbauboom nach der Jahrtausendwende baute das Familienunternehmen die Mine zum viertgrössten Zinkproduzenten weltweit aus. Und brachte es nebenbei zum Bergbauunternehmen mit den meisten Verstössen beim peruanischen Umweltamt OEFA.

Acht Stunden Fahrt zum Arzt

Simeón Martín hatte keine Chance mehr auf einen guten Posten in der Mine. «Vielen Festangestellten wurde gekündigt, die Neuangestellten bekamen Zeitarbeitsverträge mit viel schlechterer Bezahlung», erzählt er. Die Bedingungen im Bergbau verschlechterten sich rapide. «Mein Schwiegersohn arbeitet heute als Helfer bei den Sprengungen und bekommt dafür den Mindestlohn von 900  Soles», umgerechnet knapp 270  Franken. Martín begann, auf dem Bau zu arbeiten, er wurde Maurer. Seine Frau arbeitete als Lehrerin im Staatsdienst. Kein Leben im Wohlstand, aber man kam zurecht. Bis Esmeralda krank wurde.

Das Leiden der Tochter krempelte das Familienleben um. In Cerro de Pasco ist eine angemessene Versorgung für Esmeralda nicht möglich, sie muss für Untersuchungen und Bluttransfusionen nach Lima fahren – acht Stunden Busreise über einen 5000 Meter hohen Pass. Esmeraldas Mutter hat ihre Arbeit inzwischen aufgegeben, auch ihr Vater hat seine festen Aufträge als Maurer abgegeben, um für die Tochter zu sorgen.

Esmeralda ist nur eines von vielen Kindern aus Cerro de Pasco, die viel zu hohe Belastungen an Blei, Arsen und weiteren Schwermetallen aufweisen. Bereits 1996 deuteten Blutproben von Jugendlichen aus Cerro de Pasco auf eine hohe Schwermetallbelastung hin. Danach führten staatliche Stellen sowie nationale und internationale NGOs immer wieder Untersuchungen durch. Alle kamen zum selben Ergebnis: Die Kinder haben einen Schwermetallcocktail im Blut, der internationale Grenzwerte weit überschreitet.

Zuletzt wies der italienische Biologe Flaviano Bianchini in den Haaren von über achtzig Kindern aus Cerro de Pasco enorm erhöhte Schwermetallwerte nach: «Nicht nur Blei, sondern praktisch alle Schwermetalle zeigten viel zu hohe Werte an.» Jedoch blieben diese Erkenntnisse lange folgenlos. Erst 2015 – auf Initiative eines Provinzbürgermeisters – schlossen sich Eltern zusammen und marschierten fünfzehn Tage lang die 290  Kilometer nach Lima, ketteten sich dort vor dem Gesundheitsministerium an – und erreichten so die Ausrufung des Notstands für Cerro de Pasco. Die Kinder wurden in andere Städte umgesiedelt, mussten bald aber wegen Geldmangel wieder zurückkehren. 36  Eltern von 50  Kindern haben sich inzwischen zusammengeschlossen, um direkt mit dem Gesundheitsministerium zu verhandeln.

Der Mediziner Daniel Koc fühlt sich sichtlich unwohl während des Interviews. Unzählige Anrufe hat es gebraucht, bis ihm das Gesundheitsministerium die Erlaubnis erteilte, mit der Presse zu reden. Der leitende Kinderarzt des Nationalen Kinderkrankenhauses in Lima betont, dass es sich bei den schwermetallverseuchten Kindern um ein politisches und nicht um ein medizinisches Problem handelt. Medizinisch sei nämlich alles klar: «Die Kinder dürfen nicht mehr zurück nach Cerro de Pasco.» Mittlerweile werde jede Schwermetallbelastung bei Kindern medizinisch als bedenklich angesehen. Bei vielen Kindern aus Cerro de Pasco äusserten sich die hohen Bleiwerte in auffälligem Verhalten, Konzentrationsstörungen und mangelndem Wachstum.

Esmeralda Martín sei ein besonders tragischer Fall, sagt Koc: «Ihr hilft nur noch eine Knochenmarktransplantation, und auch damit hat sie nur eine zwanzigprozentige Chance auf Genesung». Esmeralda hat zu viel Arsen im Körper. In der Fachliteratur wird die aplastische Anämie mit erhöhten Arsenwerten in Verbindung gebracht. Es ist sehr gut möglich, dass die Erkrankung durch ihre Kindheit in der Nähe von Schlacken und metallhaltigem Wasser ausgelöst wurde. Eine direkte Kausalkette lässt sich aber nicht nachweisen. Und genau dies macht die Frage so schwierig, wer für Esmeraldas Krankheit aufkommen muss.

«Die Verantwortung für die Sanierung der Bergbaualtlasten in Cerro de Pasco obliegt dem peruanischen Staat», sagt der Bergbauminister Francisco Ísmodes. Wie fast alle seine Amtsvorgänger hat er jahrelang für grosse Bergbaufirmen gearbeitet. Obwohl Volcan vor knapp zwanzig Jahren die Mine zum Schnäppchenpreis kaufte, hat damals der Staat die Verpflichtung übernommen, die grössten Altlasten selbst zu sanieren.

Die ÄrztInnen sind sich einig: Kinder mit hohen Schwermetallwerten dürften nicht nach Cerro de Pasco zurückkehren. Die juristische Grundlage dafür gibt es längst: Vor zehn Jahren verabschiedete das Parlament ein Gesetz zur Umsiedlung von Cerro de Pasco. «Zuerst wurde eine Kommission unter Beteiligung aller Ministerien gebildet. Dann landete das Gesetz beim Bauministerium – seitdem hat man nichts mehr davon gehört», sagt Juan Aste, der als Referent der linken Abgeordneten Gloria Ramos das Gesetz auf den Weg gebracht hatte. «Im Gesetz steht, dass sich die Minenunternehmen und der Staat die Kosten einer Umsiedlung teilen müssen.» Für Juan Aste ist dies ein Grund, warum dieses Gesetz nie umgesetzt worden ist: «Volcan würde das teuer zu stehen kommen.»

Das Unternehmen Volcan dagegen sagt, dass es die Bergbautätigkeit in der Stadt selber nicht ausbauen werde und deshalb eine Umsiedlung nicht notwendig sei. Seit 2015 werde in der offenen Grube in der Stadt Cerro de Pasco nicht mehr abgebaut, heisst es vonseiten Volcans.

Ein Spender für Esmeralda

Simeón und Carmen Martín haben für die Gesundheit ihrer Tochter gekämpft. Im Sommer 2018 erklärte sich das Gesundheitsministerium bereit, die Kosten für eine Knochenmarktransplantation in Argentinien zu übernehmen. Es wurde ein kompatibler Spender für Esmeralda gefunden. Doch dann verstrichen abermals Monate. Aus Protest ketteten sich Esmeraldas Eltern im September vor dem Gesundheitsministerium fest. «Für Esmeralda läuft die Zeit ab», sagte Simeón Martín damals. «Ich habe noch keinen Pass, kein Visum, gar nichts.» Im Dezember 2018 flogen Esmeralda und ihre Eltern endlich nach Buenos Aires. Kurz vor Weihnachten begann die Behandlung, seitdem kämpft die Zehnjährige darum, dass ihr Körper das fremde Knochenmark annimmt.

Volcan verweist darauf, dass der peruanische Staat für die Altlasten in Cerro de Pasco zuständig sei und der Konzern ein gewissenhaftes Umweltmanagement betreibe. Mit dem Bergbauministerium zusammen wolle man einen Fonds einrichten, unter anderem, um die medizinische Versorgung der kontaminierten Kinder sicherzustellen.

Der Weltmarktpreis für Zink stieg 2017 um 29  Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Bergbau sei der Motor der Entwicklung Perus, doch der Staat würde dies mit exzessiven Steuer- und Umweltvorgaben behindern, schreibt der Vorstandsvorsitzende von Volcan im Jahresbericht 2017. Esmeralda und die anderen schwermetallbelasteten Kinder von Cerro de Pasco werden darin mit keiner Zeile erwähnt.

Korrigendum vom 27. Februar 2019: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion wurde Cerro de Pasco im Titel des Artikels fälschlicherweise als Dorf bezeichnet.

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