Nr. 26/2010 vom 01.07.2010

Was heisst «schlitzohrig»?

Interview: Dominik Gross, Foto: Ursula Häne

Rolf Clemens Enzler, Kioskverkäufer: «Der Chef des Arbeitsamtes sagte, das Konzept ­sei super, und er gab mir die 4000 Stutz!»

WOZ: Herr Enzler, wie ich höre, sagen Sie noch «Fräulein» zu Ihren jungen Kundinnen?
Rolf Clemens Enzler: Diese Kundin war ein Fräulein. Sie war keine Frau. Wenn ich ihr «Frau» sage, komme ich mir komisch vor, «Señorita», «Madame» oder «Signorina», ja, das schon, aber «Frau», das geht ja nicht.

«Charme» ist in der deutschen Sprache eben ein Fremdwort.
Das stimmt. Allerdings nehmen die Jungen auch keine Rücksicht mehr auf Höflichkeitsformen. Wir Alten sind uns das so gewöhnt, Fräulein ist Fräulein, Frau ist Frau. Sogar einer alten, unverheirateten Tante hat man «Fräulein» gesagt. Ich finde, «Fräulein» hat nichts Abschätziges, im Gegenteil.

Wie kamen Sie zu Ihrem Kioskstandort? Sie haben ja den letzten Platz vor dem Zürichhorn, den mit der schönsten Aussicht.
Es ist nicht der letzte, es ist der erste! Die Nummer eins.

Also, wie bekamen Sie die Nummer eins?
Das war damals ein Auswahlverfahren. Am Tag X war ich nicht dabei, dann hat man mir diesen Standort hier gegeben, den wollte sonst niemand.

Wie bitte?
Die Plätze weiter unten Richtung Bellevue waren besser besucht. Vor zehn Jahren lief hier oben ja noch nichts.

Wie wurden Sie Kioskverkäufer?
Ich war arbeitslos und hatte nichts zu tun. Einmal war ich am See und habe die Kioskwagen gesehen, da kam ich auf die Idee. Die Bewilligung bekam ich allerdings nicht auf Anhieb. Da habe ich meine Schlitzohrigkeit eingesetzt.

Was verstehen Sie unter Schlitzohrigkeit?
Ich sehe sie als etwas Positives. Wenn du lange in Südamerika gelebt hast, kennst du gewisse Wege, wie du trotz allem zu einer Bewilligung kommst – ohne Korruption!

Wie dann?
Ich habe denen gesagt: Schaut, ich bin arbeitslos, also wenn ihr weiter zahlen wollt, bitte. Aber ich will arbeiten, und ich mache was Gutes draus. Ich habe dann für das Arbeitsamt ein Konzept entworfen, und weil ich aus dem unternehmerischen Bereich kam, ein Profi war, war das auch professionell gemacht.

Wie viel mussten Sie investieren?
Der erste Wagen kostete um die 20 000 Franken, mir fehlten 4000. Dann ist der Chef des Arbeitsamtes gekommen und sagte, er sehe, dass ich so einen irrsinnigen Willen hätte, und das Konzept sei super, und gab mir die 4000 Stutz! Mit dem möchte ich wirklich mal noch nachtessen gehen!

Wie gings weiter?
Ich bewegte mich Ende der neunziger Jahre mit dem Kioskwagen von der Bahnhofstrasse bis hier hinauf. Wenn ich daran denke: durch die ganze Bahnhofstrasse! Ich war damals wirklich zu allem fähig, und es gab noch keine fixen Standplätze und so weiter. Mit dem verdienten Geld konnte mein Sohn sogar ein Restaurant übernehmen.

Die Kioskverkäuferinnen und -verkäufer konnten machen, was sie wollten?
Mehr oder weniger. Hygienisch war das manchmal problematisch. Dafür gab es damals ein paar ganz lustige Wägeli. Heute ist alles gleich, alles reglementiert. Früher wars für Zürich touristisch gesehen attraktiver.

Pause. Ein Kunde kommt und bestellt ein Magnum Gold. Enzler: «Sie dürfen das aber heute noch nicht essen.» Der Kunde ist verdutzt. Enzler: «Der Goldpreis geht heute nämlich noch mal hoch. Morgen hats mehr Wert!»

Herr Enzler, es ist Sommer, aber hier gibts nichts Frisches ...
Ich sag ja, alles reglementiert: Der Wagen darf höchstens drei Meter mal einen Meter gross sein, und alles muss eingepackt sein! Ich wollte damals Sandwichs anbieten, mit frischen Zutaten. Da gäbe es massenweise Möglichkeiten, auch die Kollegen hätten Ideen. Früher hat meine venezolanische Frau auf dem Wagen die Spezialitäten ihres Landes aufgetischt, die Leute waren begeistert!

Stattdessen knabbern wir hier jetzt Bonbons und Chips von Grosskonzernen und schlecken Magnum Gold und Push-Up Shrek ...
Ich werfe das dem Stadtrat vor, politisch habe ich da anderes Blut. In der Stadt Zürich kamen die Entwicklungen in der Gastronomie nie von der Politik aus. Es brauchte immer den Druck der Gastrobetriebe: Etwas wurde verboten, die Wirte und die Hoteliers fluchten, und dann gabs wieder ein Zückerchen. Von einem guten Politiker verlange ich aber, dass er Visionen hat! Dass er sagt, also der See ist da, was können wir daraus machen?

Rolf Clemens Enzler (70) wuchs in Rapperswil auf, lernte Schaufensterdekorateur und Grafiker. Später wanderte er nach Venezuela aus, war Strassenmaler, machte eine Tellerwäscherkarriere bis zum Gastrokönig. Dann kehrte er in die  Schweiz zurück. Seit über zehn Jahren betreibt er in der Sommersaison einen Kioskwagen am Zürichhorn und lebt mit seiner zweiten Frau, einer Venezolanerin, in Zürich Oerlikon.

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