Nr. 27/2010 vom 08.07.2010

Mögen Sie keine Feste?

Interview: Dominik Gross, Foto: Ursula Häne

Rolf Clemens Enzler, Kioskverkäufer: «Tolle Kunden, die Seefeldleute. Sehr viele Deutsche, aber sehr anständige!»

WOZ: Herr Enzler, wie lief das Züri-Fäscht?
Rolf Clemens Enzler: Katastrophal.

Weshalb?
Am Freitag umsatzmässig: Viel zu viele Stände, vor allem am Zürichhorn. Am Samstag der Regen am Abend. Gut verkauft hat man erst nach dem Feuerwerk. Und dann kam für mich morgens um eins noch ein Problem dazu: Wenn alle besoffen sind und Bier verlangen, tut mir das weh. Alle diese jungen Mädchen Anfang zwanzig, halb besoffen: «Bier, Bier her.» Das ist nicht mein Fall, da hab ich den Laden zugemacht und bin verreist.

Haben Sie etwas gegen Feste?
Überhaupt nicht! Aber das sind doch entwürdigende Szenen. Nicht für mich, für diese Leute. Mir tut es einfach weh, das ist mein persönliches Ding. Ich bin in meinem Leben nie, obwohl ich manchmal ganz unten war, in den Alkohol gefallen oder in Drogen. Als ich Chef eines Klubs in Caracas war, habe ich während der Arbeit konsequent keinen Alkohol angerührt. Da gab es manchmal ganz lustige Szenen. Irgendeiner sagte: «Komm, bring wieder mal eine Runde Dom Perignon und für den Clemens ein Glas Milch!» Und ich trank konsequent meine Milch. Das hatte einen grossen Vorteil, weil die Leute mir vertrauten: Wenn sie alle besoffen waren, wussten sie, der Clemens schaut schon, dass für sie unten am Eingang noch ein Taxi wartet.

Hat sich das Publikum am Zürichhorn verändert in den letzten Jahren?
Das ist ein heisses Eisen, aber ich möchte sagen: Ja. Heute kommen andere Leute an den See runter als früher. An den Sonntagen kommen viele aus der Agglomeration. Während der Woche bin ich aber froh da oben. Tolle Kunden, die Seefeldleute. Sehr viele Deutsche, aber sehr anständige! Was mich beeindruckt: Als ich angefangen habe, sagte mir alles «du». Am Anfang hat mich das zwar irritiert, aber es war positiv gemeint, nie respektlos.

Heute ist das nicht mehr so?
Es ist anders. Der Grossteil sagt «Sie». Es ist schlicht eine andere Kundschaft, von dreissig an aufwärts.

Wir werden alle älter.
Ja, andersrum kommen jetzt auch viele Kinder. Das ist für mich das eindeutig Schönste am See, deshalb mache ich es immer noch: Es gibt so viele Kinder, die ich noch im Bauch drin kennengelernt habe, und heute hötterlen sie dahin und holen ihr Glace. Dann zupfen sie am Hosenbein, zeigen auf ein Bild, nehmen das Glace und rennen ganz stolz wieder zur Mama. Ich bin froh, dass ich diese Kinderaugen noch wahrnehmen kann, nach allem, was ich durchgemacht habe. Die Freude an diesen Kleinigkeiten bedeutet, dass ich noch nicht ganz verdorben bin.

Ein Kollege von Enzler ruft an, zuerst reden sie über das Züri-Fäscht. Enzler erwartungsgemäss: «Du los, ich bin einfach froh, dass dieser Seich vorbei ist.» Dann erkundigt sich der Kollege nach Enzlers Meinung zu den Wetterprognosen.

Enzler: Meine Konkurrenten fragen bei mir immer nach dem Wetter, alle zusammen. Das ist immer sehr schwierig mit dem Wetter, weil die offiziellen Prognosen in der Schweiz katastrophal sind.

Ist das Wetter in der Schweiz vielleicht unberechenbarer als anderswo?
Ich nehme es an. Wegen der Berge und des Windes. In Deutschland oder Frankreich können sie es irgendwie besser voraussagen. In der Schweiz haben wir anscheinend sehr grosse Schwierigkeiten. Und jetzt, wo der Kachelmann auch noch fehlt ...

Aber Sie haben doch jahrelange Erfahrung mit dem Seewetter.
Man kann sich aber immer täuschen. Ich bin ein gebranntes Kind. Es kommt manchmal sehr schnell, sehr gewaltig, mit wahnsinnigen Böen! Letztes Jahr war ich einmal dabei, den Wagen zusammenzupacken, als genau hinter mir ein riesiger Ast herunterfiel. Die kleinen Zweige streiften mich noch. Wenn der mich erwischt hätte, wärs fertig gewesen. Das war nicht das erste Mal!

Sie machen einen gefährlichen Job ...
Nein, nicht wirklich – aber diese Böen! Das war schon phänomenal: Vor drei, vier Wochen, als es so heiss war und stark gewindet hat, konnte man an der Stelle, an der ich stand, nichts mehr halten. Ich musste schliessen – zehn Meter weiter war es windstill.

Rolf Clemens Enzler (70) betreibt seit 1997 einen Kioskwagen am Zürichhorn. In jungen Jahren war er erfolgreicher Haute Couturier in Zürich mit eigenem Geschäft, der «Blick» feierte ihn als Schweizer Modezar. Die Sache wuchs ihm über den Kopf, er flüchtete nach Venezuela und stieg auf bis zum Hotelier auf der Isla de Margarita in der Karibik.

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