Nr. 32/2010 vom 12.08.2010

Flügeli auch für Erich

Der Klischeetürke Müslüm hat mit einem Lied für die Berner Reitschule einen Hit gelandet. Ein Gespräch mit Müslüm und seinem Erfinder oder Manager Semih Yavsaner.

Von Dinu GautierMail an AutorIn

Wer ist der Mann, der einen rosaroten Armani-Anzug und einen struppigen Schnurrbart trägt? Der Mann heisst Müslüm, zur Begrüssung jault er auf, gestikuliert, zieht Grimassen, redet von «Adrenalin», «Aggressione» und «Schlegele».

Dennoch hat man das Gefühl, der würde keinem Lämmli etwas zuleide tun. Falsch: Müslüm ist 0ausgebildeter Metzger. In die Schweiz ausgewandert, musste er erfahren, dass sein Diplom hierzulande wenig wert ist. Bei der Polizei wollte man ihn nicht anstellen. Er geriet auf die schiefe Bahn. Arbeitslosigkeit, Alkohol- und Spielsucht. Für die Gehilfenschaft bei einem Tankstellenüberfall sass er gar vier Jahre im Gefängnis. Heute sagt er: «Roulette, Roulette, du hasch mini Lebe kaputt gemacht.» Müslüm ist verheiratet mit Roswitha, einer Schweizerin. Auf die Frage nach der Anzahl Kinder weicht er aus: «Da fühl ich mich ein birrebitzeli wie ein Meterolog, der unsicher isch, wie das Wetter denn morge isch.»

Müslüm sei keine real existierende Person, behaupten böse Zungen. Semih Yavsaner, in Bern geborener Sohn türkischer MigrantInnen, habe die Figur im Rahmen seiner Sendung im alternativen Lokalradio Rabe erfunden, um Telefonscherze zu produzieren.

Dort isch de Subchultur

Gegenüber der WOZ bestreitet Müslüm diese Darstellung: «Semih hat mich zwar erschaffen, er isch aber eher eine Art Manager von mir.» Momentan ist Müslüm sein eigener Erfolg wichtiger: Noch muss er sich daran gewöhnen, auf der Strasse von Fremden erkannt zu werden. Vor einer Woche veröffentlichte er im Internet den Videoclip zu seinem ersten Song «Erich, warum bisch du nid ehrlich?». Es ist seither über 70 000 Mal angeschaut worden – ein Selbstläufer. Das Lied mit Hitpotenzial wirbt für ein Nein zur zigsten SVP-Initiative für eine Schliessung des alternativen Kulturzentrums Reitschule (siehe WOZ Nr. 31/10). SVP-Jungspund Erich Hess hatte die Initiative lanciert, Müslüm zeigt ihm im Videoclip, wie richtige Lokalpolitik funktioniert, wie man die Massen für skurrile Vorstösse begeistern kann.

Müslüm zur WOZ: «Die Politiker wollen die Reitschule schliesse, dort isch de Subchultur. Aber die Kasino und die Rotlichtmilieu isch geöffnet. Wo gehen denn unsere Chinder häre, nach zehn Uhr, wenn der Mehmet sein Döner nicht mehr verchouft und der Hansueli seine Käserei schon lange zu hat?»

Die Leute in der Reitschule seien nicht wie der Lokalpolitiker Hess «mit seine wunderschöne Haarfrisur», der sich nicht getraue, «füdeliblutt auf eine grosse Haufe zu liege und Liebe zu mache». Müslüm vertritt ein der SVP radikal entgegengesetztes politisches Programm: «Generell sind wir für die Friede, für die Liebe, für die Vielfalt, für das wir alle in einem Boot sitze. Auch wenn der Erich Hess rausfliegt, werden wir ihm eine Schwimmflügeli hintenacheschiesse und sage: ‹Erich chomm, für dich hat es auch eine Plätzli!›»

Plötzlich ist Müslüm verschwunden und Semih Yavsaner sitzt da. Von der einen auf die andere Sekunde verwandelt sich die Sprache, die Tonlage, die Gestik, der Blick. Yavsaner spricht Berndeutsch, spricht schnell und mit grosser Ernsthaftigkeit. Der Schalk aus Müslüms Augen ist weg, nicht aber die rhetorische Energie.

Yavsaner erzählt von einer «sehr schönen Kindheit» im Berner Wylerquartier, von seinen Eltern, die als Saisonniers in die Schweiz gekommen und hier geblieben sind. Die Mutter, die für die Spitex arbeite, der Vater, der diverse Abwartsstellen kombiniert und bis zu sechzehn Stunden am Tag gearbeitet habe, bis er vor ein paar Jahren einen Herzinfarkt erlitt. Semih Yavsaner spielte Fussball, war beim Nachwuchs der Young Boys, die Schule sei ihm weniger gelegen. Er habe rebelliert, das sei nicht einfach gewesen, seinen Eltern gegenüber. Sie, die so hart gearbeitet hätten, und er, der ihnen sagte, er wolle es als Künstler, als Schauspieler versuchen.

Wenn die SVP über Ausländer oder IV-Bezüger herziehe, mache ihn das richtig wütend. Mit seiner Figur Müslüm teilt er die Abneigung gegen das Gleichgeschaltete, gegen die «Robocops», die alle wie ferngesteuert in eine Richtung gingen, sich nie berührten. «Es kann nur Leben entstehen, wenn man durcheinander geht, auch einmal aufeinanderprallt.» Er selber habe viel Party gefeiert, auch mal «Scheisse gebaut», langweilige Gelegenheitsjobs gemacht. Ein Handelsschuldiplom erlangte Yavsaner dann doch noch. Es folgten ein paar Jobs in der Telekommunikationsbranche.

1998 war Semih Yavsaner zum ersten Mal am Berner Kulturradio Rabe zu hören. «Ich bin hingestanden und habe irgendetwas erzählt. Mein Prinzip war: Nicht überlegen, machen!» Die Sendung wurde abgesetzt. «Ich war wohl ein bisschen zu primitiv», sagt Semih heute. Neun Jahre danach kehrte er zurück. «Semih Supreme Show» hiess die Sendung. Hier wurde Müslüm geboren, zunächst noch als namenlose Stimme. Müslüm machte Telefonscherze, der wohl beste ist im Internet zu finden: Müslüm ruft bei der Kantonspolizei Bern an: «Personaldienst, Kündig.» Müslüm: «Guten Tag Frau Kündig, bitte nid kündigen, i wott frage für Arbeit.» Es folgen sechs Minuten skurriler Dialog mit einer zunehmend irritierten Frau Kündig, die, als sie vom Tankstellenraub (mit Toten!) hört, sagt: «Dir heit haut scho grad öppis e chli Schlimms gmacht.»

Müslüm for President

Das Zürcher Privatradio «105» warb Yavsaner ab. «Müslüm – der Mann mit dem Telefonscherz» ging täglich auf Sendung, über 150 Mal. «Eine Leidenschaft wurde zur Arbeit.» Mit dem Druck umzugehen, jeden Tag einen Telefonscherz hinzubekommen, der auch noch lustig sein muss, sei nicht einfach gewesen. «Das Schlimmste für einen Komödianten ist es, wenn er sein eigenes Material nicht lustig findet und es trotzdem ausgestrahlt werden muss», so Yavsaner. Seit Juni arbeitet er nicht mehr für das Radio. In diesen Tagen hat sich eine neue berufliche Perspektive für den Vater eines kleinen Kindes aufgetan: «Es haben sich Plattenfirmen bei mir gemeldet, die den Videoclip gesehen haben.»

Plötzlich ist Müslüm wieder da. Er gibt «anatolische Weisheite» von sich: «Die Lebe isch wie eine Fussballspiel, wenn du in der erste Halbzeit hinten liegsch, dann musst du in der zweiten Halbzeit viele Tore schiesse – auch ohne Georges Bregy.» Eine letzte Frage an den Mann, der wohl bald die Charts stürmt: Wie ernst ist es ihm mit seinem Slogan «Müslüm for President»? Schielt er auf die frei werdenden Bundesratssitze? Müslüm: «Motivitation isch gross, aber ich habe mich gar nicht informiert über das. Darum am beste i gehe mal in de Internet, und dann schau ich mal an.»

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