Nr. 31/2010 vom 05.08.2010

«Erich, hast du keine Herzeli?»

Wieder einmal müssen die Berner StimmbürgerInnen über die Zukunft des autonomen Kulturzentrums abstimmen. Ein rechtsbürgerliches Bündnis will es an den Meistbietenden verkaufen.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Sie tun es also wieder: Alle paar Jahre versucht ein rechtsbürgerliches Bündnis in Bern den «Schandfleck von Bern», die Reitschule, irgendwie loszuwerden. Und dies stets erfolglos: Seit 1990 hat sich das Stimmvolk viermal gegen die Ideen der bürgerlichen Rechten gestellt, die Reitschule umzufunktionieren oder gar zu schliessen. Und trotzdem versuchen sie es wieder.

Am 26. September müssen die Berner StimmbürgerInnen erneut über die Zukunft der Reitschule abstimmen. Präsident des überparteilichen Komitees zur Initiative «Schliessung und Verkauf der Reitschule!», die am 1. April 2009 dem Gemeinderat eingereicht wurde, ist der notorische Reitschule-Gegner Erich J. Hess. Der Kampf gegen die Reitschule scheint für den Lastwagenführer, Grossrat, Stadtrat und Präsidenten der SVP/JSVP-Stadtratsfraktion zu einer Herzensangelegenheit geworden zu sein: «Ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass die Reitschule weg muss», sagte Hess in einem Artikel im «Bund» vor drei Jahren und lancierte gut ein Jahr später seinen neusten Coup.

«Eigentlich haben wir genug Kultur»

«Verkauf der Berner Reitschule im Baurecht (Baurechtdauer 99 Jahre) auf den 31. März 2012 an den Meistbietenden. Die Liegenschaft ist bis zum 31. Dezember 2011 zu räumen, damit sie nutzungsfrei übergeben werden kann», lautet der Initiativtext. Vorschläge, was in der Reitschule künftig Platz finden soll, bringt das Initiativkomitee auch gleich: «Kultur, die für jeden zugänglich ist», wie zum Beispiel eine Parkanlage mit integriertem Restaurantbetrieb als Treffpunkt für Jung und Alt, ein Museum oder ein Hallenbad mit Wellnessbereich. Wobei das mit der Kultur für Hess selber, der gemäss eigenen Aussagen noch nie einen kulturellen Anlass in der Reitschule besucht hat, nicht zwingend ist. «Wir haben eigentlich genug Kultur in der Stadt Bern, wir sind auf die Reithalle nicht angewiesen», sagt er der WOZ. Bezüglich der Abstimmung zeigt er sich zuversichtlich: «Ich hoffe, dass das Berner Stimmvolk endlich einsieht, dass die Reitschule ein Übel ist vom Dreck, von den Drogen, vom Chaos, das wir in der Stadt Bern haben. Denn von der Reitschule aus werden alle Demonstrationen organisiert, und rund um die Reitschule ist immer ein Chaos.»

Während der bleiche junge Mann, der mit seiner Igelfrisur eher wie ein pubertierender Mofafahrer als wie ein polternder Jungpolitiker aussieht, verbissen in den Abstimmungskampf steigt – er bezeichnet die Reitschule-BesucherInnen gerne auch als Terroristen –, haben die BetreiberInnen der Reitschule unter dem Slogan «Die Reitschule bietet mehr!» lustvoll eine originelle Gegenkampagne lanciert. Dazu gehören professionell gemachte Werbespots, in denen unter anderem bekannte SchauspielerInnen wie Gilles Tschudi, Esther Gemsch oder Andreas Matti mitspielen, und öffentliche Führungen durch die Reitschule; auch wird Kampagnenmaterial wie ein Badetuch oder Fahnen angeboten.

Berner Musikschaffen

Ausserdem erscheint diesen Donnerstag mit «Reitschule beatet mehr» eine CD zur Abstimmung. Darauf sind 22 Stücke von Berner MusikerInnen versammelt, sechzehn davon sind exklusive, bisher unveröffentlichte Tracks. Einerseits bietet die CD einen Einblick in das vielseitige Musikschaffen der Hauptstadt – zu hören sind unter anderen Züri West, Patent Ochsner, Stiller Has, Filewile, Reverend Beat Man, Steff la Cheffe –, andererseits hat es auf der CD ein paar sehr witzige, extra für die Gegenkampagne geschriebene Stücke. «Dr Erich wott für alli Shopping-Halligalli», singt das Trio Tomazobi, «Hey Erich, i frage mi, wohär du die Zueversicht nimmsch, hesch du würklich s’Gfühl, dass du die Abstimmig gwinnsch», rappt Churchhill, und Müslüm singt in einem orientalisch angehauchten Song: «Erich, warum bist du so, hast du keine Herzeli, hast du keine Liebe übercho?»

Den Auftakt der CD macht Pedro Lenz, musikalisch begleitet von Paed Conca. In «Dr Buebli-Troum» erzählt Lenz von der Versteigerung der Reitschule: «Wer am meischte het, cha se ha.» Dummerweise kommt es nicht so, wie sich dies die «stramme Buebli» mit «de chline Äugli, wo so wenig wit gseh o so schlächt luege» vorgestellt haben: Der Käufer der Reitschule eröffnet in Pedros Traum auf dem Areal nämlich eine Koranschule.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch