Nr. 37/2010 vom 16.09.2010

Dieses Haus steht im Auge des Hurrikans

Die SVP hat gegen das geplante «Nagelhaus» am Zürcher Escher-Wyss-Platz das Referendum ergriffen. Umstritten ist das Kunstprojekt aber auch bei der Linken sowie unter KünstlerInnen selbst. Am 26. September entscheidet das Stadtzürcher Stimmvolk.

Von Edith Krebs

Noch vor kurzem war der Escher-Wyss-Platz eine der wenigen rauen Ecken der Stadt. Obwohl die Bauarbeiten – Sanierung der Hardbrücke sowie Neugestaltung des Platzes – noch in vollem Gange sind, zeichnet sich ab, dass die Gegend künftig offener, eleganter und damit auch geglätteter daherkommen wird. Der Abschied vom einstigen Unort, potthässlich und fussgängerunfreundlich, fällt nicht schwer. Auf der Strecke bleiben aber die Nischen und Freiräume, die das Entwicklungsgebiet Zürich West für Kulturschaffende und die Clubszene in den letzten Jahrzehnten geboten hatte. Ab 2011, wenn das Tram Zürich West seinen Betrieb aufnimmt, werden hier schicke Läden und Restaurants sowie teure Wohnungen das Ambiente bestimmen.

Chinesisches Vorbild

An diese von Stadt und Investoren forcierte Umwandlung des ehemaligen Industriequartiers in ein Trendviertel sowie die in den siebziger Jahren realisierte Hardbrücke soll in Zukunft das «Nagelhaus» erinnern, ein Zwischending zwischen Architektur und Kunst.

Das Siegerprojekt zur Neugestaltung des Platzes, hervorgegangen aus einem internationalen, Kunst und Architektur kombinierenden Wettbewerb, stammt vom Londoner Architekten Caruso St John und dem Berliner Künstler Thomas Demand. Es umfasst zwei Holzbauten mit unterschiedlichen Nutzungen (Restaurant, Kiosk, öffentliches WC), die eingeklemmt unter die Hardbrücke zu stehen kommen. Als Vorbild diente dem Projektteam ein Haus im chinesischen Chongqing, wo sich die HauseigentümerInnen dem geplanten Bau eines Einkaufszentrums widersetzten; das Bild des einsam inmitten eines Abrissgeländes stehenden Hauses ging damals um die Welt und wurde zum Symbol des Widerstands verklärt.

Nicht das dem Projekt zugeschriebene Widerstandspotenzial des geplanten Baus hat indessen die SVP bewogen, gegen das Projekt das Referendum zu ergreifen, sondern in erster Linie die hohen Kosten. «5,9 Millione für e Schiissi!» lautet die SVP-Parole. Nicht für das «Nagelhaus» erwärmen mag sich allerdings auch die AL (Alternative Liste): Unter dem Motto «Wir Stadtautobahngegner lassen uns nicht kulturell veräppeln» moniert AL-Gemeinderat Niklaus Scherr die ästhetische Verkleisterung der Hardbrücke, die gegenwärtig für hundert Millionen Franken für die nächsten fünfzig Jahre fit gemacht werde: «Das Tüpfli auf dem i ist die Tatsache, dass für diese Form von Kunst am Autobahnbau ausgerechnet das ‹Nagelhaus› als Symbol des Widerstands gegen die Stadtzerstörung kopiert wird.»

Und die Kunstschaffenden selbst?

Eine Diskussion über die künstlerische Qualität des Projekts fand bisher kaum statt. Zwar wird ein Modell des «Nagelhauses» zurzeit an der Architektur-Biennale in Venedig präsentiert, was allein schon als Auszeichnung gilt, doch unter hiesigen Fachleuten ist das Projekt umstritten.

Christoph Schenker, Leiter des Instituts für Gegenwartskunst an der Zürcher Hochschule der Künste, der die Diskussion um Kunst im öffentlichen Raum in Zürich mit seinem Forschungsprojekt «Kunst und Öffentlichkeit» vor einigen Jahren angestossen hat, beurteilt das «Nagelhaus» kritisch: «Das ‹Nagelhaus› ist die Hülle dessen, was die VBZ an ihren Knotenpunkten ohnehin benötigt (Kiosk, Züri-WC, Bancomat etc.), und es steht mit seinem Konsumangebot im Dienst dessen, was in der städtischen Rhetorik ‹Aufwertung› heisst, in der Tat aber ‹organisiertes Verhalten› meint. Das ‹Nagelhaus› – nach dem Bild jenes Hauses in China, das dem Neubau eines Einkaufszentrums trotzte – ist auch (und bloss) Stellvertreter für Widerstand. Es ist ein Stellvertreter dessen, was die ‹liberale Welt› in anderen Kulturen als Bild gutheisst – selbst wenn es die Werte der eigenen Wirtschaft geisselt –, in der eigenen Gesellschaft aber unbarmherzig überrollt.»

Bereits im vergangenen November am Symposium mit dem symptomatischen Titel «Ruhestörung», organisiert von der Stadtzürcher Arbeitsgruppe Kunst im öffentlichen Raum (Kiör), sprach sich der deutsche Kunsttheoretiker Bazon Brock vehement gegen das «Nagelhaus»-Projekt aus – und gegen Kunst im öffentlichen Raum ganz allgemein. Brillant spielte er die Rolle als Advocatus Diaboli und wies bissig darauf hin, dass Zürich West bereits über ein «Nagelhaus» verfüge – ein altes ArbeiterInnenwohnhaus an der Turbinenstrasse, das in der Tat inmitten der total sanierten Umgebung wie ein Relikt aus einer anderen Zeit anmutet.

Zu den BefürworterInnen des Projektes gehört Philip Ursprung, Professor für moderne und zeitgenössische Kunst an der Universität Zürich. Seiner Meinung nach gelingt es Caruso St John immer wieder, die Prozesse der urbanen Transformation zu artikulieren, während die Wucht der Globalisierung den meisten Künstlerinnen und Architekten die Sprache verschlagen habe: «Im ‹Nagelhaus› erhalten die rohen Kräfte der räumlichen Veränderung, denen wir alle ausgesetzt sind, ein Gesicht. Gleichsam im Auge des Hurrikans von Aufbau und Abriss schafft das ‹Nagelhaus› einen Ort für Individuen, welche den Lauf der Geschichte nicht nur beobachten, sondern auch mitgestalten möchten.»

Auch Gabriela Christen, Rektorin der Hochschule für Design und Kunst Luzern und Mitglied der Arbeitsgruppe Kiör, kann dem «Nagelhaus» nur Gutes abgewinnen: «Mit dem ‹Nagelhaus› erhält die Stadt Zürich ein aussergewöhnliches Kunstwerk an einem ungewöhnlichen Ort. Nur die Kunst macht es möglich, unter der Brückenkonstruktion aus einem Unort einen Treffpunkt und Beobachtungsposten zu machen. Von hier aus gewinnt man einen neuen Blick auf die Menschen auf dem Escher-Wyss-Platz und auf den Stadtteil Zürich West, der sich mit ungeheurer Dynamik entwickelt. Das ‹Nagelhaus› ist ein künstlerisches Symbol und ein Denkmal für die Entwicklung von Quartier und Stadt.»

Widersprüchliche Anforderungen

Kunst im öffentlichen Raum ist grundsätzlich einer Überforderung ausgesetzt, sobald sie sich nicht mit einer reinen Behübschung der Örtlichkeit begnügt. Nirgendwo sonst durchdringen sich die politische und künstlerische Sphäre stärker als in diesem Bereich. Dieses Spannungsfeld hat sich noch intensiviert, seit kommunale Stellen vonseiten der Kunstschaffenden «kräftige Präsenz», «gesellschaftliche Relevanz», «Teilnahme am globalen Kulturaustausch» sowie «internationale Ausstrahlung» einfordern, um nur einige der im Studienauftrag zum Escher-Wyss-Platz publizierten Kriterien zu zitieren. Neben diesen Grundanforderungen kommt beim Siegerprojekt noch eine weitere wichtige Qualifikation ins Spiel. Nach Ansicht der Jury gelingt es dem Projektteam, «die Aufenthaltsqualität, Sicherheit und Orientierung an diesem Ort massgeblich zu verbessern».

Zwei, nein, eigentlich drei völlig konträre Aufgaben hat das «Nagelhaus» also künftig zu erfüllen: Durch den Bezug zum chinesischen Vorbild fungiert es als Symbol des Widerstands, in einer offeneren Lesart reflektiert es städtische Umbauprozesse generell und spielt schliesslich selbst im Aufwertungsprozess eine tragende Rolle, indem der 24-Stunden-Betrieb des geplanten Restaurants sowie die verspielte Lampionbeleuchtung die Sicherheit erhöhen.

Das Erstaunliche am Projekt von Caruso/Demand ist, dass es trotz dieser widersprüchlichen Anforderungen, die eigentlich einer Vereinnahmung künstlerischer Kritik gleichkommen, eine widerständige Dimension zu wahren weiss. Dies gelingt dem «Nagelhaus» vor allem dadurch, dass es bei aller Funktionalität auf seinem Charakter als Fremdkörper besteht, einerseits durch die eingezwängte Lage unter der Hardbrücke, andererseits durch seine ungewohnte Holzarchitektur mit dilettantisch wirkender Bemalung, die eine gewisse Schäbigkeit ausstrahlt und sich dadurch der ihm zugedachten Aufwertungsrolle entzieht. Prägnanter und präziser als andere Projekte in Zürich – beispielsweise der geplante «Hafenkran» am Limmatquai, der einem überdimensionierten Lausbubenstreich gleicht – bringt es das politische und städtebauliche Spannungsfeld, in dem es sich situiert, zum Ausdruck.

Genuin politisch ist das «Nagelhaus» aber eigentlich nur genau jetzt, im Moment vor der Abstimmung, indem es eine öffentlich geführte Kontroverse auslöst – über Kunst, über Stadterneuerung, über Aufwertungsprozesse und Strategien der Entpolitisierung generell. Egal, ob die Vorlage abgelehnt oder die «Schiissi» schliesslich gebaut wird, seine vorrangige und vornehmere Aufgabe hat das «Nagelhaus» bereits erfüllt.

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