Nr. 23/2012 vom 07.06.2012

In siebzig Geschichten durch ein Leben

Von Zürich Aussersihl über Sent, Paris, New York und Südfrankreich zurück ins Zürcher Seefeld. Der Schweizer Bildhauer, Maler und Autor Gottfried Honegger feiert am 12. Juni 2012 in Hohenems seinen 95. Geburtstag.

Von Fredi Bosshard

«Mit neunzig hat man nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu gewinnen. Zurzeit denke ich über das Aufhören nach (…) Ich kann meine Arbeiten nicht mehr sicher beurteilen. Vielleicht falle ich morgen früh tot um, und der Fall ist erledigt. Vielleicht höre ich mit der Malerei auf und schreibe nur noch. Schreiben kann ich, weil ich daran nicht so hohe formale Ansprüche stelle. Ganz aufhören kann ich nicht, weil ich dann krank werde, wie alle alten Leute», sagte Gottfried Honegger in einem Interview vor fünf Jahren (WOZ Nr. 23/07).

Honegger hat seitdem aber nicht aufgehört, sondern auf allen Ebenen weitergearbeitet. Und jetzt feiert der Bildhauer, Maler und Autor gleich doppelt. Nach der vorgezogenen Feier in Zürich folgt am 12. Juni 2012, an seinem 95. Geburtstag, die Ehrung im vorarlbergischen Hohenems. Der Otten Kunstraum präsentiert Honeggers neues Buch und zeigt Werke aus seiner jüngsten Schaffensperiode.

Honeggers Buch mit dem Titel «34 699 Tage gelebt» versammelt in knappen Worten Erinnerungen aus beinahe hundert Jahren. Es sind locker hingetupfte Sätze, die gedichtartig und in konsequenter Kleinschreibung auf der linken Seite stehen und meistens mit illustrierenden Fotos oder Bildern auf der rechten Seite zusammengehen. Honegger nennt das Buch «Eine autobiografische Skizze», die er spontan schrieb, «um so meinem Lebensweg nachzugehen, ihn zu werten und zu verstehen». So sind siebzig kurze Geschichten aus einem reichen Leben zusammengekommen, die ohne Anspruch auf Vollständigkeit und «Gründlichkeit» nicht exakt chronologisch den Jahren entlangmäandern. Es ist eine subjektive Auswahl, die angenehm zu lesen ist und voller Assoziationen steckt. Die Episoden halten die Stationen fest, die den Lebensweg eines politisch denkenden Menschen und Künstlers geprägt haben.

Aufbruch an der Kirchgasse

Honeggers Geschichten erzählen von den ersten Erinnerungen an die Eltern, an die bescheidene Wohnung in Zürich Aussersihl und den Teil der Kindheit, den er mit der Nona im romanischsprachigen Unterengadin in Sent verbracht hat. Sie künden schon an, wie stark ihn der Gegensatz zwischen Stadt und Land ein Leben lang prägen wird und wie er versucht, in einem Atelier, das er mit Max Frisch in Gockhausen teilt, die Natur der Bergwelt in Stadtnähe zu bringen.

Honegger zeichnet aber auch nach, wie er früh mit der Arbeiterbewegung in Kontakt kam, aber nie Teil «einer ideologie sein» wollte. Auf die Berufslehre als Dekorateur beim Lebensmittelverein folgten die Kunstgewerbeschule und dann die Lehr- und Wanderjahre als freischaffender Gestalter, was ihn zusammen mit der Grafikerin Wanja Lavater nach Paris, später nach New York führen sollte. In Paris begann Honegger 1939 im Stillen zu malen, musste dann aber wegen des Kriegs zurück in die Schweiz und verbrachte «sechs jahre in uniform» – eine Zeit, die im Buch keine Spuren hinterlässt, dafür aber in einer späteren Plakatgestaltung für die GSoA sichtbar wird.

Nach dem Krieg folgt der Aufbruch. Honeggers Atelierwohnung an der Zürcher Kirchgasse wird zum Treffpunkt. Le Corbusier, Max Bill, Max Frisch und andere sind am «jour fixe» anzutreffen. Es wird mit grosser Lust debattiert, und in diesem Zusammenhang schreibt Honegger: «genau das fehlt heute / aus dem WIR von einst / ist heute ein ICH geworden / die intellektuellen / schweigen». Seine kleinen Episoden enden oft mit einem Blick in die Gegenwart; dabei schleichen sich oft wehmütige Erinnerungen mit einer pessimistischen Note ein. So bestimme «l’art pour l’art» das Klima, «und heute / bestimmen die / einschaltquoten / die kultur der museen», schreibt er, als er sich an seinen Lehrer Johannes Itten, den damaligen Direktor der Kunstgewerbeschule, und an Alfred Barr jr., den Gründer des Museums of Modern Art in New York, erinnert.

Unerbittlich in der Kritik

Wenn es hingegen um die künstlerischen Arbeiten von anderen KünstlerInnen geht, kann Gottfried Honegger leicht grantig werden. Da bleibt er angriffig, der konkreten Kunst eng verbunden, oft etwas ungerecht und spart nicht mit Kritik. Besonders, wenn es um Kunst im öffentlichen Raum geht, mischt er sich gerne ein. So bezeichnete er das «Nagelhaus», das für den Escher-Wyss-Platz gedacht war und als Siegerprojekt aus einem Wettbewerb hervorging, und auch den «Hafenkran» am Limmatquai, um den immer noch gestritten wird, gerne als «infantile Dummheiten». In einem Interview in der «Weltwoche» von vergangener Woche hat er die Arbeiten von KünstlerInnen, die ihre Ateliers in der Roten Fabrik haben (von denen einige Anfang Mai total ausgebrannt sind) pauschal und nicht gerade sensibel als «Gaggalari-Züüg» bezeichnet.

Das mindert aber nicht den Genuss an «34 699 Tage gelebt». Mit dem Text «die skulptur am bellevueplatz» versöhnt sich Honegger am Ende etwas mit Zürich: «wie ein empfang / in meiner heimat». Er bietet damit einen atmosphärischen Rückblick auf das 20. Jahrhundert. Und wenn sich Honegger über «das abseitsstehen / der schweiz» aufregt und sich Sorgen um das 21. Jahrhundert, die Kunst und die digitalisierte Jugend im Allgemeinen macht, zeigt das eigentlich nur, dass er engagiert bleibt – und mit ihm weiterhin zu rechnen ist.

Ausstellung bis 30. November 2012. www.ottenkunstraum.at

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