Nr. 38/2010 vom 23.09.2010

«Wir müssen jetzt eine Judo-Strategie fahren»

Die Biologin Florianne Koechlin engagiert sich seit über zwanzig Jahren gegen Gentechnik. Sie ist Teil des europäischen Netzwerkes Koalition der gentechfreien Regionen, das für eine kleinräumige, selbstbestimmte Landwirtschaft kämpft. Und gegen die Übermacht der grossen Agrarkonzerne.

Von Franziska Meister

WOZ: Florianne Koechlin, Sie kommen eben aus Belgien zurück, von der Konferenz der gentechfreien Regionen Europas, die Sie mitorganisiert haben. Der Auftakt der Konferenz fand im Europaparlament in Brüssel statt. Worum ging es da?

Florianne Koechlin: Wir suchten die direkte Begegnung mit den Parlamentsvertretern, weil wir die Verbindung stärken wollten zwischen der Bewegung von unten und den Politikern oben. Denn nur so kommen wir weiter in unserem Kampf für ein gentechfreies Europa. Im Verlauf der Debatte hat dann die Umweltministerin von Brüssel ihre Stadt zur gentechfreien Region ausgerufen – und das in einem Land, das bislang zu den hartnäckigsten Gentechbefürwortern gehörte.

Ist das denn mehr als ein Lippenbekenntnis?

Natürlich findet sich in Brüssel kaum noch ein Bauernhof. Und die Stadtregierung kann auch keine Gentechlebensmittel verbieten, das ist belgische Gesetzeshoheit. Aber die Umweltministerin aus Brüssel kann Einfluss nehmen auf Schul- und Spitalküchen. Dort will sie gentechfreie Nahrungsmittel durchsetzen. Und sie hat versprochen, sich mit Kampagnen und öffentlichen Veranstaltungen für unser Anliegen starkzumachen.

Sie gehört jetzt also zur Koalition der gentechfreien Regionen?

Sicher. Wir sind ein loses Netzwerk von Aktivistinnen und Aktivisten aus ganz Europa, zu uns zählen aber auch Bauernverbände und Regierungen wie jene der Region Toskana oder des Staates Ungarn. Eigentlich sind wir eine sehr gemischte und ziemlich wilde Gruppe. Und wir werden immer grösser. Unter den gut 250 Konferenzteilnehmenden fanden sich viele Beamte, die neu zum Netzwerk gestossen sind. Was mich aber besonders gefreut hat, waren die vielen ganz Jungen unter den neuen Gesichtern. Viele von ihnen sind militante Aktivisten, Feldbefreier, die sich in Frankreich «Faucheurs» nennen und in Deutschland «Gendreck weg».

Regierungsbeamte und Feldbefreier ziehen am selben Strick?

Ich glaube, der Grund für unser starkes Wachstum, der Grund dafür, dass an der Konferenz vom Wochenende sowohl Militante als auch konservative Bauern und viele Wissenschaftler teilgenommen haben, ist, dass es nicht nur um Gentechnik geht. Es geht um die grundsätzliche Frage, welche Art von Landwirtschaft wir wollen. Der Kampf gegen Gentechnik ist im Kern ein Kampf gegen eine Landwirtschaft à la USA mit ihren riesigen Monokulturen. Es geht um Lebensmittelsouveränität, um Saatgutsouveränität, um Biodiversität – es geht darum, dass Bauern wieder selber bestimmen können, was sie anbauen wollen. Heute wird die EU-Landwirtschaft von internationalen Konzernen dominiert. Vierzig Prozent des Gemüsesaatgutes in Europa stammen von Monsanto – und wir reden hier von konventionellem Saatgut.

Was hat Ihre Koalition denn der Macht der Grosskonzerne entgegenzusetzen?

Zum Beispiel dies: An der Konferenz sprach ich mit einer Lehrerin aus Lettland. Sie hat den Film «Monsanto – mit Gift und Genen» gesehen und sich über die Machenschaften dieses Konzerns so aufgeregt, dass sie gemeinsam mit Freunden Flugblätter geschrieben hat und quer durch das Land gereist ist, um auf die Problematik aufmerksam zu machen. Mittlerweile haben 84 von 109 Distrikten in Lettland beschlossen, gentechfrei zu bleiben. Den Ländern des ehemaligen Ostens kommt in unserm Netzwerk eine ganz besondere Bedeutung zu.

Warum?

Länder wie Polen, Bulgarien oder Rumänien dienen den Gentechkonzernen als Einfallstore, als trojanische Pferde sozusagen, auf dem Weg zur Eroberung von Europa. Mit der rumänischen Bewegung sind wir bereits länger vernetzt. Die haben dort eine tolle Kampagne auf die Beine gestellt und es geschafft, den Gentechanteil der Landwirtschaft auf ein Sechstel des vorherigen Wertes zu schrumpfen. Jetzt hat Rumänien einen neuen Umweltminister, der ein ehemaliger Monsanto-Mann ist. Die Grosskonzerne setzen enormen Druck auf.

Welche Rolle spielt dabei die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit Efsa?

Sie spielt eine eigentliche Schlüsselrolle, denn sie urteilt abschliessend über die Sicherheit von Gentechpflanzen. Das wirklich Üble an der Efsa aber ist, dass sie nach dem Drehtürenprinzip funktioniert: Vertreter von internationalen Grosskonzernen und Beamte der Efsa wechseln zwischen Industrie und Politik hin und her. Die Behörde ist mit gentechfreundlichen Personen besetzt und stützt sich bei ihren Einschätzungen und ihrem Urteil nur auf die Daten der Industrie, also etwa auf Sicherheitsstudien von Monsanto.

Kann die Bewegung für ein gentechfreies Europa dem überhaupt etwas entgegensetzen?

Wir haben an der Konferenz eingehend darüber diskutiert, wie man Druck auf die Efsa ausüben kann. Die radikalste Position innerhalb des Netzwerks vertritt wohl der französische Bauernführer José Bové: Er ist überzeugt, dass man die Efsa komplett umkrempeln und in diesem Zug auch die Sicherheitsbestimmungen neu festlegen muss. Deshalb lehnt er auch den Vorschlag von John Dalli, dem EU-Kommissar für Gesundheit und Verbraucherschutz, radikal ab.

Was hat Dalli denn beantragt?

Dalli hat im Juli vorgeschlagen, die einzelnen EU-Länder sollen selber bestimmen können, ob sie gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen wollen oder nicht. Und sie sollen auch ein Verbot aussprechen dürfen.

Damit hat er ja eine der absolut zentralen Forderungen der Koalition der gentechfreien Regionen aufgegriffen – ist das denn nicht ein toller Erfolg?

Nun, im Prinzip schon. Bloss hat das Ganze einen Pferdefuss: Er liegt in der Formulierung des Vorschlags. Darin heisst es nämlich, die EU-Länder können zwar ein Verbot aussprechen, müssen dieses aber begründen. Und die Begründung darf sich nicht auf Gesundheits- oder Umweltbedenken stützen. Denn ob Gentechpflanzen aus wissenschaftlicher Sicht gesundheits- oder umweltschädlich sind, entscheidet allein die Efsa. Und wenn die Efsa beispielsweise erklärt, die Amflora-Kartoffel sei sicher, dann kann kein Land mehr etwas dagegen sagen.

Also ist der Vorschlag von Dalli eine reine Farce? Die Länder erhalten Kompetenzen zugesprochen, die sie in der Praxis gar nicht ausüben können ...

Nein, das nicht ... Gewisse Punkte bringen schon eine Verbesserung. Aber es ist eine vertrackte Sache. Juristen der Umweltorganisationen Greenpeace und Friends of the Earth haben den Vorschlag geprüft. Ihre erste Schlussfolgerung ist: Wenn ein Land aus moralischen oder sozioökonomischen Gründen den Anbau von Gentechpflanzen ablehnt, dann wird die Industrie dagegen klagen – und so, wie die Gesetzeslage ist, wird sie wohl Recht bekommen.

Was wird die Koalition jetzt unternehmen?

Für die Bewegung bedeutet das schon eine gewisse Zerreissprobe: Die einen sagen: «Super – jetzt haben wir, was wir wollen.» Andere wie Bové sind total gegen den Vorschlag. Das auszudiskutieren braucht noch Zeit.

Und was finden Sie?

Ich finde, man muss den Vorschlag von Dalli zumindest aufnehmen. Immerhin haben wir über zehn Jahre lang dafür gekämpft, dass die einzelnen Nationen selber bestimmen dürfen – so wie die Schweiz. Jetzt soll dies verwirklicht werden, und wir sollten deshalb schauen, wie wir von hier aus weitergehen können. Ein Greenpeace-Vertreter formulierte es so: Wir müssen nicht eine David-gegen-Goliath-Strategie fahren, sondern eine Judo-Strategie – den Fuss in der Tür behalten, Verbesserungsvorschläge formulieren und dafür im Parlament lobbyieren. Und parallel dazu eine Moratoriumsforderung einbringen.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Wie wird die EU-Landwirtschaft in zehn Jahren aussehen?

Das kann ich nicht sagen. Ich bin aber einigermassen hoffnungsvoll. Und das hat mit einer Geschichte zu tun, die ich vor mehr als zehn Jahren erlebt habe: An einer Podiumsdiskussion damals hat der Präsident von Nestlé gesagt, es sei lächerlich zu meinen, in fünf Jahren sei nicht die Hälfte aller Lebensmittel genmanipuliert.

Und heute? Heute haben wir kein einziges gentechnisch verändertes Nahrungsmittel in der Schweiz. Für mich heisst das, dass dank der Gentechnik eine starke, europaweite Bewegung entstanden ist, die für die eigene Souveränität einsteht. Noch nie haben sich so viele Menschen über Kulturgrenzen hinweg für die eigene Landwirtschaft eingesetzt. Das macht mir Mut.