Nr. 42/2010 vom 21.10.2010

Bücher verkaufen in der argentinischen Provinz

Vergangene Woche endete der argentinische Auftritt an der Frankfurter Buchmesse. Die WOZ hat eine Buchhändlerin und einen Buchhändler in der Provinzhauptstadt Salta zu ihrem Berufsalltag befragt.

Von Jürgen Vogt, Salta

«Sonderangebote laufen schlecht bei mir. Ein Buch für acht Pesos verkauft sich schlechter, als wenn ich es für zwanzig anbiete», sagt Sara Malamud, die in Salta seit 1994 die Buchhandlung Plural Libros führt. In Buenos Aires wüssten die Leute mehr über Bücher und was ein Schnäppchen ist. «In Salta glauben die Menschen, ich will ihnen etwas andrehen.» Hier gebe es zwar Leute, die viel lesen – vor allem aber viele, die wenig lesen.

Salta ist mit über einer Million EinwohnerInnen eine der grössten Provinzen Argentiniens. Etwas weniger als die Hälfte der Bevölkerung lebt heute im Grossraum der gleichnamigen Provinzhauptstadt. Auch bei TouristInnen steht die 1250 Kilometer nordwestlich von Buenos Aires gelegene Stadt hoch im Kurs. Sie trägt den Beinamen «La Linda» – die Schöne.

Sara Malamud kennt sich aus in der Szene: «Es gibt gerade noch zwei Buchhandlungen in der Stadt, die ein ähnliches Angebot führen wie ich – und dann noch eine im Shoppingcenter, die vor allem Bestseller anbietet.» Die Buchhändlerin zielt vor allem auf StammkundInnen. «Selbst wenn ich mal einen Bestseller habe, verkaufe ich nur zwei oder drei Exemplare.»

Täglich ein Galeano

Es gehört zu ihrem Beruf, immer wieder Nachhilfeunterricht zu Büchern zu geben: «Wenn ich den Kunden sage: ‹Das Buch ist vergriffen›, fragen sie nach, wann ich es wieder reinbekomme. Wenn ich dann sage, dass das Buch beim Verlag vergriffen ist, muss ich ihnen erklären, dass es ein Verlag ist, der die Bücher produziert.» Gelegentlich kann sie einen Titel von einem anderen Verlag günstiger anbieten. «Dann bekomme ich zu hören: ‹Das Buch hatte aber einen gelben Einband›.» Malamuds Stimme ist frei von Ironie. Sie kennt ihre KundInnen.

Plural Libros liegt zwar nur zwei Strassen vom Zentrum entfernt: «Aber zu uns kommen auch sehr viele arme Leute aus den umliegenden Dörfern. Die wollen nicht bis ins Stadtzentrum gehen.» Meist hätten sie nur einen Zettel dabei, auf dem die Tochter oder der Sohn – oftmals schwer lesbar – den Namen des Buches notiert habe, das gerade in der Schule gebraucht werde. «Dann raten wir gemeinsam.» Die Buchhändlerin freut sich, wenn die KundInnen zufrieden aus dem Laden gehen und später wieder kommen.

Probleme hat sie vor allem mit importierten Büchern. «Ich arbeite mit einem Grosshändler in Buenos Aires zusammen, bei dem ich viel bestelle. Dieses Jahr hatte er keines der Bücher vorrätig, die auf der Liste der hiesigen Universität stehen.» Schuld seien vor allem die gestiegenen Wechselkurse von Dollar und Euro. Bis 2002, als der Peso noch eins zu eins an den Dollar gebunden war, waren Importe sogar günstiger als die im Land produzierten Bücher.

Ihre KundInnen suchen aber auch nach zeitgenössischen argentinischen AutorInnen, zum Beispiel Guillermo Martínez oder Federico Andahazi. Gefragt sind auch Ernesto Sábato und Marcos Aguinis, ein Autor aus Córdoba, der schon seit Jahrzehnten erfolgreich Romane und Essays veröffentlicht. «Aber Jorge Luis Borges und Julio Cortázar verkaufen sich bei Jung und Alt immer noch am besten.»

AutorInnen aus anderen lateinamerikanischen Ländern sind ebenfalls beliebt – so etwa Mario Benedetti und Eduardo Galeano aus Uruguay oder Gabriel García Márquez aus Kolumbien. «Von ihnen wird beinahe täglich ein Buch gekauft.» Auch die grossen Schriftsteller der Provinz Salta wie etwa der Lyriker Manuel Castilla (1918–1980) oder der Dichter, Dramatiker und Erzähler Juan Carlos Dávalos (1887–1959) verkaufen sich gut. Doch mit diesem Sortiment kommt Sara Malamud wirtschaftlich nicht über die Runden. Zwar sind die Mieten und übrigen Kosten in Salta nicht so hoch wie in Buenos Aires: «Dort müsste ich täglich mindestens 5000 Pesos Umsatz machen. Hier kommen wir nicht einmal auf 1000 Pesos pro Tag, und das ist knapp. Meine Rente als ehemalige Schullehrerin sichert mich ab.»

Gleicher Meinung ist Eduardo Benedetti: «Buenos Aires ist eine andere Welt.» Seine nach einem Roman von Cortázar benannte Buchhandlung Rayuela liegt gleich um die Ecke von Plural Libros. Und noch etwas ist in Buenos Aires anders als in Salta: «In der Metropole haben sich viele Buchhandlungen auf Architektur, Psychologie, Film oder Kunst spezialisiert. Das funktioniert in Salta nicht.»

Sein Bruder Mario – «Mario Benedetti aus Salta, was für ein Zufall» – begann vor 32 Jahren im Buchhandel. In den letzten Jahren haben als Folge der Wirtschaftskrise im Jahr 2000 vier Buchläden im Zentrum von Salta aufgegeben.

Bücher auf Pump

Noch immer können die KundInnen auf Pump kaufen – besonders StudentInnen machen davon Gebrauch. «Also haben wir eine kleine Kartei angelegt und lassen sie ihre Bücher in Raten abzahlen», sagt Benedetti. Das Angebot nutzen heute noch immer rund 300 KundInnen, früher waren es bis zu 2000. «Die Kreditkarte bietet neue Möglichkeiten», meint er.

«Die Hälfte unserer Kundschaft besteht aus Studenten oder Professoren der zwei Universitäten von Salta. Die Übrigen sind Stammkunden aus der Stadt.» Diese fragen vor allem nach den neusten Romanen, nach politischen und journalistischen Büchern von internationalen und argentinischen AutorInnen.

Lange Zeit konzentrierten Benedetti und seine MitarbeiterInnen ihr Sortiment auf Handbücher und Nachschlagwerke für Geisteswissenschaften. Der Schwerpunkt liegt denn auch weiterhin bei Philosophie, Geschichte und Literatur. Die Tendenzen der Buchhandlungen wiesen in den Provinzen aber in eine allgemeinere Richtung, sagt Benedetti: «Inzwischen führen wir fast alles – von Romanen und Architektur bis zu Kochbüchern und Lebenshilfe.»

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