Nr. 40/2010 vom 07.10.2010

«Punkrock Heartland»

Von Bettina Dyttrich

Eine schwule Liebesgeschichte in der Punkszene als Comicroman – das klingt vielversprechend. Tatsächlich hat der Hamburger Andi Lirium in seinem ersten Buch «Punkrock Heartland» einen ganz eigenen Stil entwickelt. Detailliert und mit starken Hell-Dunkel-Kontrasten zeichnet er versiffte Punkschlafzimmer, düstere Gefängnisgänge und schöne junge Männerkörper. Mit rasanten, manchmal etwas verwirrenden Zeitsprüngen und Rückblenden erzählt er die Geschichte des Jungpunks Bass, der in den vier Jahre älteren Zottel verliebt ist. Zottel aber hat ein Problem mit seinen bisexuellen Neigungen und will seine Freundin Heike nicht verlassen. Später kommt Bass in den Jugendknast und erlebt dort weitere sexuelle Abenteuer. Als er entlassen wird, hat Zottel mit Heike bereits Kinder, doch das Hin und Her geht wieder los.

«Punkrock Heartland» ist ironisch und überzeichnet – «Please don’t try this at home» steht am Anfang, und die Gewaltszenen werden genussvoll wie in Splatterfilmen ausgebreitet. Aber bei aller Überzeichnung irritiert die Frauenfeindlichkeit der Figuren. Frauen sind in dieser Geschichte unbedeutende Nebenfiguren (wie es der vierzehnjährigen schwangeren Anne ergeht, erfahren wir nicht) oder «Bitches» wie Heike – dass sie empört ist, als sie ihren Freund Zottel beim (ungeschützten) Sex ertappt, kann Bass offenbar nicht verstehen. Die einzige positive Frauenfigur, die für die Geschichte eine Rolle spielt, ist ein dreijähriges Mädchen, eines der Kinder von Zottel. Dass Mann sich zumindest in der Liebe nicht mit Frauen herumschlagen muss, scheint für Bass einer der grössten Vorteile des Schwulseins zu sein.

Der Gipfel kommt zum Schluss: Da versucht Zottel wieder einmal, Heike zu verlassen, und will einen anderen für sie anheuern: «Wenn ich gehe, braucht Heike einen Mann, und der Junge braucht einen Vater», verkündet er. So entpuppt sich der wilde Punk als grösster Spiesser. Oder wollte Lirium womöglich genau das anprangern?

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