Nr. 44/2007 vom 01.11.2007

Wie läuft das Geschäft?

Interview: Benjamin Shuler

WOZ: Seit Mai gibt es in der Deutschschweiz keine Buchpreisbindung mehr. Wie hat sich das in Ihrem Buchladen Rapunzel ausgewirkt?
Maya Itin: Bis jetzt habe ich den Eindruck, dass wir uns selber beinahe mehr Druck machen, als von aussen kommt. Wir überlegen uns ständig: Müssen wir handeln, sollen wir abwarten? Konkret haben wir lange Gespräche mit unserer grössten Kundin geführt, der Kantonsbibliothek Basel-Landschaft. Denn kurz nach Aufhebung der Buchpreisbindung schickte Orell Füssli allen grösseren 
Bibliotheken in der Schweiz eine Offerte mit zehn Prozent Rabatt auf den empfohlenen Ladenpreis. Bis zur Aufhebung der Preisbindung waren fünf Prozent erlaubt. Aber da haben wir nun eine Lösung gefunden.

Welche?
Die Details kann ich nicht verraten.

Wie hat sich das Konkurrenzumfeld in Liestal verändert?
In Liestal ist Ex Libris die grösste Buchhandlung, die bieten dreissig Prozent Rabatt auf Bestseller an und fünfzehn Prozent auf das gesamte Buchsortiment. Dafür haben sie auch gross Werbung gemacht. Wir hatten vor allem Sorgen wegen der Bestseller aus dem Bereich Schweizer Literatur, die wir bis anhin sehr gut verkauft haben. Aber bis jetzt sind die Umsätze stabil geblieben.

Ist also alles halb so schlimm?
Die langfristigen Auswirkungen sind natürlich noch unklar. Wenn die Leute permanent bombardiert werden mit Sonderangeboten von den grossen Ketten, wird sich mit der Zeit zeigen, wie preissensibel sie sind.

Der Bundesrat lässt die Auswirkungen der Liberalisierung untersuchen und wird allenfalls ein neues Buchpreisbindungsgesetz erarbeiten lassen. Setzen Sie darauf Ihre Hoffnung?
Natürlich. Aber wir müssen uns mit der Tatsache auseinandersetzen, dass es aktuell keine Buchpreisbindung gibt. Wir können nicht zwei Jahre vor uns hinwursteln und hoffen, dass dann wieder irgendwas kommt. In zwei Jahren wird man sehen, welche Auswirkungen es auf die kleinen Buchhandlungen gehabt hat. Vielleicht kommt das neue Gesetz dann für einige zu spät.

Wohin entwickelt sich in den nächsten Monaten und Jahren der Buchmarkt?
Was sich jetzt bereits abzeichnet, ist, dass die grossen Ketten die Rabatte auf den Bestsellern bei den anderen Büchern kompensieren. Das heisst Bücher, die nicht auf der Bestsellerliste stehen, auch Sachbücher, werden teurer. Bis anhin konnte man mit Bestsellern diejenigen Bücher, welche sich nicht ganz so gut verkaufen, quersubventionieren. Das wird kaum mehr möglich sein. Über kurz oder lang wird sich jedes Buch finanziell selber tragen müssen. Das wird die Vielfalt im Sortiment ausdünnen.

Dass Sie als Genossenschafterin eines kleinen Buchladens gegen den Wegfall der Buchpreisbindung waren, leuchtet ein. Aber für mich als Kunden bringt eine Liberalisierung doch vor allem Vorteile?
Nicht unbedingt. Bis jetzt konnte man in Gstaad in einen Buchladen gehen oder in Basel, und überall waren die Bücher gleich teuer. Wenn man jetzt ein Buch kauft, hat man das Gefühl: Oh, vielleicht hätte ich das anderswo günstiger gekriegt. Es gibt einen Druck, die Preise zu vergleichen, und das ist ja nicht nur angenehm. Schliesslich sollte man schon ständig die Natelpreise vergleichen und die Krankenkassenprämien und jetzt also auch noch die Buchpreise. Ich bin mir nicht sicher, ob die KundInnen das wirklich wollen. Aber klar, für Leute, die vor allem Bestseller kaufen und für die der Preis im Zentrum steht, bringt der Wegfall der Buchpreisbindung schon Vorteile.

Nach dem Motto: Konkurrenz belebt das Geschäft?
Es ist ja nicht so, dass es vorher keine Konkurrenz gab. Aber das lief nicht über den Preis, sondern über die Dienstleistung. Deshalb hat der Buchhandel einen viel besseren Service als andere Branchen. In vielen Buchhandlungen kann man bis um 17 Uhr ein Buch bestellen, und am nächsten Tag ist es abholbereit. In welcher anderen Branche wird das geboten? Früher haben halt diejenigen, welche viele Bestseller gekauft haben, Nischenprodukte ein wenig subventioniert. Das fällt nun weg. Es ist vielleicht eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung, dass wir davon wegkommen, gemeinsam etwas zu machen oder solidarisch zu ein. Vielleicht ist das eine Tendenz, die man bis zu einem Grad auch einfach annehmen muss.

Maya Itin (27) ist Genossenschafterin des Literaturbuchladens Rapunzel in Liestal.

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