Nr. 42/2010 vom 21.10.2010

War Niklaus ein Onkel wie jeder andere?

Der 45-jährige Biodiversitätsexperte François Meienberg über seinen berühmten Onkel Niklaus, dessentwegen er einst eine Wohnung nicht bekam, und darüber, warum er Wanderbücher über ­Regionen schreibt, die ihm selber neu sind.

Von Esther Banz (Interview) und Ursula Häne (Foto)

François Meienberg: «Ich bin ein grosser Freund des Kopfreisens. Aber man muss dann ja doch mal raus und schauen, wie es in echt aussieht.»

WOZ: Sie sind mittlerweile im japanischen Nagoya eingetroffen, wo bis Ende Monat die Biodiversitätskonferenz stattfindet. Ist diese Stadt besonders «grün», oder weshalb findet die Konferenz ausgerechnet dort statt?
François Meienberg: Auf den ersten Blick erscheint Nagoya eher wie ein Moloch, der auch Geburtsstätte von Toyota war. Aber die Japaner haben die Möglichkeiten und das Geld, um ­solch eine Konferenz durchzuführen.

Ohne Geld kein Erhalt der Artenvielfalt. In Nagoya wird sich zeigen, wie viel er den einzelnen Regierungen wert ist. Hat denn unser Bundesrat schon eine schöne Summe zugesichert?
Nach Ansicht der offiziellen Schweiz sind die Kostenevaluationen noch nicht vorhanden, die zur Ermittlung der Bedürfnisse erforderlich sind.

Der Bundesrat will zuerst wissen, wie viel die Biodiversität ökonomisch wert ist. Können Sie ihm das vorrechnen?
Es ist Unfug, die Biodiversität auf das Monetäre zu beschränken. Aber wenn wir nicht darum herumkommen, dann müssen wir erst mal Folgendes klarstellen: Bei den Ausgaben für den Erhalt der Biovielfalt handelt es sich nicht um Kosten, sondern um Investitionen. Investitionen, die zehn bis hundert Mal kleiner sind als der Nutzen, den wir daraus ziehen.

Sie fürchten bereits, die Konferenz könnte scheitern. Welche Rolle wird die Schweiz spielen?
Die Schweiz ist im Vergleich zu anderen Industrieländern bei den Verhandlungen ziemlich fortschrittlich. Aber bei der nationalen Umsetzung der Konvention hapert es auch bei uns. Wir haben immer noch keine Biodiversitätsstrategie, und auch bei uns können Firmen, die beim Zugang zu genetischen Ressourcen die Konvention missachten, mit dem gestohlenen Material noch fette Gewinne einfahren.

Letzte Woche erwähnten Sie Niklaus Meienberg. Sie waren 28 Jahre alt, als er sich das Leben nahm. Wie erlebten Sie den jüngeren Bruder Ihres Vaters?
Zuerst einmal war er einfach ein Onkel, mit dem man an Weihnachten «Tochter Zion» sang und der auch an anderen Familienfesten auftauchte.

Wie? Ein Onkel wie jeder andere?
Nun ja, nicht ganz. Natürlich wurde ich oft auf Niklaus und seine Arbeit angesprochen und war auch ein wenig stolz darauf, einen solch wortgewaltigen Onkel zu haben – selbst dann, als ich einmal eine Wohnung nicht gekriegt habe, weil der Vermieter keinen Meienberg im Haus haben wollte.

Identifiziert man sich als Meienberg mit diesem Namen, ist man automatisch etwas selbstbewusster?
Irgendwie schon, ja. Aber das hat weniger mit Niklaus zu tun als mit dem ganzen Clan. Mit der starken Grossmutter, aber auch mit meinem Vater, der oft sagte: «Du bist ein Meienberg, denk daran!» Vielleicht kommt von daher dieses Grundvertrauen, das ich durchaus habe.

Ein Vertrauen, dass alles schon gut kommt?
Ja. Und dass mich so schnell nichts umbringen kann. Dieses Urvertrauen hat vielleicht auch damit zu tun, dass ich mich als Kind beinahe selbst erhängt habe. Mit einem Strick. Aus Versehen. Ich war lange nicht bei Bewusstsein, schrammte knapp am Tod vorbei, aber ich überlebte. Mir kommt das Leben oft wie ein Geschenk vor, wie eine Zugabe sozusagen – das hat vielleicht mit diesem frühen Erlebnis zu tun.

So engagieren Sie sich nicht nur für entwicklungspolitische Fragen, sondern schreiben auch Wanderbücher, zuletzt übers Rätikon an der Grenze zu Österreich. Wie wählen Sie eigentlich «Ihre» Regionen aus?
Mit dem Bewusstsein, dass es überall schön und spannend ist, wo man genauer hinschaut. Das Rätikon kannte ich nicht, ich war nie dort gewesen, bevor ich mich an das Wanderbuchprojekt machte. Auch das Entlebuch und das Glarnerland kannte ich vor den Buchprojekten kaum.

Wandern ist sehr en vogue. Was fasziniert Sie persönlich an dieser langsamen Fortbewegung?
Ich fing damit an, weil ich Landkarten so gerne mag, ganze Wanderungen und Radtouren im Kopf machte, schon als Jugendlicher. Ich bin ein grosser Freund des Kopfreisens. Aber man muss dann ja doch mal raus und schauen, wie es in echt aussieht. Wandern kann meditative Qualität haben, manchmal muss man auch Ängste überwinden, etwa bei Gipfelbesteigungen. Vor allem befriedigt es diesen Urgwunder, die Frage: Was liegt wohl hinter der nächsten Kurve? Und auch: Wie lebten die Leute hier einst? Weshalb haben sie um diese Wiese gestritten? Wie planen sie die Zukunft? Auch beim Wandern gilt: mehr wissen, mehr sehen.

Geht ein neugieriger Mensch unbeschwerter durchs Leben?
Vielleicht, wenn er nicht zu sehr über die Endlichkeit des Lebens nachdenkt. Denn mir scheint: Je neugieriger jemand ist, desto härter trifft ihn das Bewusstsein um die Begrenztheit des Lebens.

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