Nr. 40/2010 vom 07.10.2010

Wer sind die Biopiraten?

François Meienberg kämpft für biologische Vielfalt. Diesen Monat reist der 45-Jährige für die Erklärung von Bern an die Weltkonferenz über Biodiversität nach Japan. Künftig sollen auch Schweizer Konzerne keine «gestohlenen» Ressourcen mehr patentieren dürfen.

Von Esther Banz (Interview) und Ursula Häne (Foto)

François Meienberg will auch persönlich Vielfalt: «Ich weigerte mich strikte, die Akropolis anzuschauen, und besuchte stattdessen zweitklassige Stätten.»

WOZ: Während sich andere Nichtregierungsorganisationen (NGOs) intensiv mit dem Klimawandel beschäftigen, setzt die Erklärung von Bern (EvB) bei der Biodiversität einen Schwerpunkt. Warum?
François Meienberg: Die Vielfalt der Pflanzen, Lebensräume und Arten ist existenziell für uns alle – ich denke dabei an Nahrung, aber auch an die Medizin. Wenn der Schutz scheitert, verlieren wir alle. Ob dieser Schutz gewährleistet werden kann, hängt davon ab, ob wir vom Norden und die Vertreter des Südens einen gemeinsamen Weg finden.

Weshalb braucht es die Kooperation zwischen Nord und Süd?
Weil es vor allem in Ländern des Südens noch eine Vielfalt gibt, die unbedingt geschützt werden muss, in Zentral- und Südafrika, Indonesien und Brasilien beispielsweise. Und weil die Industrie des Nordens diese Vielfalt nutzt, bislang ohne sich an Regeln zu halten.

Ähnliches gilt fürs Klima, und je nachdem, wie sich dieses entwickelt, leidet auch die Biodiversität.
Das ist richtig. Aber sehen Sie: An die Klimakonferenz in Kopenhagen reisten Tausende von NGO-VertreterInnen, und viele von ihnen wurden nicht einmal reingelassen. Bei anderen Konferenzen, an denen auch sehr wichtige Entscheide gefällt werden, sind die Vertreter der Zivilgesellschaft hingegen ein kleines Grüppchen. Ich finde das erschreckend.

Da hinzugehen, wo niemand sonst hingeht – ist das typisch für die EvB oder für Sie persönlich?
Glücklicherweise für beide. Ich erinnere mich an einen Griechenlandbesuch, wo ich mich strikte weigerte, die Akropolis anzuschauen, und stattdessen zweitklassige Stätten aufsuchte. Ich habe eine grosse Skepsis gegen­über allen Modetrends.

Im japanischen Nagoya, wo diesen Monat über den Erhalt der Biodiversität verhandelt wird, vertreten Sie die Schweizer Zivilgesellschaft. Wie kommen Sie zu diesen Ehren?
Die Ehre ist so gross nicht. Es ist schlicht so, dass es vonseiten der NGOs nur ganz wenige gibt, die sich über Jahre intensiv mit den internationalen Verhandlungen zur Biodiversität beschäftigen. Beim Thema der Biopiraterie ist dies besonders ausgeprägt. Manchmal ist es sogar schwierig, die wenigen Sitze, die uns bei Verhandlungen zur Verfügung stehen, überhaupt zu besetzen.

Wie wichtig ist diese Konferenz in Nagoya?
Die Konvention über biologische Vielfalt wurde bereits 1992 verabschiedet, an demselben Gipfel in Rio, an dem auch die Klimakonvention verabschiedet wurde. Und seither leidet sie unter einem – ich sag mal – Vollzugsnotstand. Dieser muss nun behoben werden. Dazu kommt ein Minderwertigkeitskomplex. Denn anders als über die Klimakonvention weiss die Öffentlichkeit praktisch nichts davon.

Die meisten tun sich sogar schwer damit, den Begriff «Biodiversität» zu erklären, wie eine Umfrage in diesem Uno-Jahr der Biodiversität ergeben hat ...
Genau, das ging richtig hinten los. Besonders besorgniserregend ist, dass die Mehrzahl der Leute meint, sie sei vom Verlust der Biodiversität nicht betroffen.

Was sind denn die Ziele der Konvention?
Erstens: der Schutz der Biodiversität. Zweitens: ihre nachhaltige Nutzung. Und drittens: die gerechte Aufteilung des Nutzens, der sich aus der Anwendung der Biodiversität ergibt.

Welcher Nutzen konkret?
Zum Beispiel jener, den die Industrie mit diesen Pflanzen generiert. Novartis etwa, wenn sie Produkte mit der Heilwirkung von Pflanzen verkauft.

Oder Nestlé. Da gab es doch dieses Jahr den Fall von Rooibos und Südafrika ...
Genau. Das ist ein typischer Fall von Biopiraterie, den die Erklärung von Bern aufgedeckt hat: Nestlé will die Verwendung von Rooibos gegen Entzündungen und für kosmetische Zwecke patentieren. Doch der Schweizer Konzern hat in Südafrika nie die notwendige Erlaubnis eingeholt, um überhaupt mit diesen dort heimischen Pflanzen forschen zu dürfen. Nestlé hätte im Rahmen dieser Genehmigungen auch einen Vertrag aushandeln müssen, in dem geregelt ist, wie viel Ertrag oder Wissen aus dieser Forschung ins Land zurückfliesst. Damit hat die Firma sowohl gegen das südafrikanische Recht als auch gegen die Biodiversitätskonvention verstossen. Wenn nun auch noch ihre Patentanträge gutgeheissen werden, bedeutet das, dass Südafrika dieselben Produkte mit Heilkräften ihrer ureigenen Pflanzen nicht eigenständig verkaufen dürfte, auch wenn diese dort selber hergestellt werden könnten.

Also ist klar, dass Nestlé die «Erfindungen» nicht patentieren lassen kann?
Keineswegs. Es kann durchaus sein, dass das Patentamt den Antrag gutheisst.

Das verstehe ich nicht.
Man kann in den Industriestaaten immer noch ungestraft «gestohlene» Ressourcen patentieren und kommerzialisieren. Die Konvention über Biodiversität ist nicht ausreichend in den Gesetzen der jeweiligen Länder verankert, auch in der Schweiz nicht. Das ist einer der grossen Missstände, die es diesen Monat in Japan zu beheben gilt.

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