Nr. 43/2010 vom 28.10.2010

Scheitern die 
Verhandlungen?

François Meienberg von der Erklärung von Bern über den Wert 
der Natur in Dollar, lastwagenfahrende Bienen sowie Tomaten, die nicht 
in die Schweiz einreisen dürfen.

Von Esther Banz (Interview) und Ursula Häne (Foto)

François Meienberg: «Die Konsequenzen des Bienensterbens zeigen sich hierzulande noch nicht so direkt wie etwa in den USA.»

WOZ: Geht es nunmehr schon ans Einge­machte an der Konferenz über Biodiversität in Nagoya?
François Meienberg: Ja, aber leider sind wir in den Verhandlungen zum Protokoll gegen Biopiraterie noch nicht dort, wo wir sein sollten. Wenn es so zäh weitergeht, scheitern die Verhandlungen.

193 Staaten feilen an einem gemeinsamen Text – funktioniert so was überhaupt?
Oft spricht ein Vertreter für eine ganze Region. Die afrikanischen Länder beispielsweise werden bei diesen Verhandlungen meist vom Delegierten Namibias vertreten. So sind es noch etwa zwanzig Personen, die am Tisch sitzen. Und dann gibt es die in der zweiten Reihe, Berater der Regierungsvertreter, Vertreter der Industrie oder Leute wie ich, die NGOs vertreten.

Sie haben letzte Woche gesagt, es sei Unfug, den Wert der Biodiversität monetär begründen zu wollen. Aber jetzt wurde im Rahmen der Konferenz eine Studie vorgestellt, die vorrechnet, dass die Menschheit bis 2050 jährlich zwischen 2000 und 4500 Milliarden Dollar an Naturkapital verlieren könnte. Wie beeinflussen diese aktuellen Zahlen die Verhandlungen?
Die ökonomische Studie ist in Auftrag gegeben worden, um mehr Dynamik in die Verhandlungen zu bringen – so was hat ja auch bei den Klimaverhandlungen gewirkt. Noch habe ich in Nagoya keinen direkten Effekt festgestellt. Aber die Leute sehen: Es kostet uns was, wenn beispielsweise die Bienen nicht mehr fliegen. Wenn sich mit solchen Rechnungen im Parlament zusätzliche Ausgaben besser vertreten lassen, dann ist der Zweck erfüllt. Aber gleichzeitig muss auch klar sein, dass wir den Verlust der Biodiversität nicht einfach aus dem Portemonnaie bezahlen können. Wenn die Bienen nicht mehr fliegen, geht es uns ans Lebendige.

Die Schweizer verbringen viel Zeit im Grünen. Macht uns das zu sensibleren Menschen in Bezug auf den Wert der Natur?
Ich denke schon, dass Wanderer die Natur besser verstehen als Menschen, die nie aus der Grossstadt rauskommen und alle ihre Wege im Auto zurücklegen. Trotzdem mache ich auch hier die Erfahrung, dass die Leute, wenn ich ihnen vom Bienensterben erzähle, fragen: «Ja und?» Viele verstehen nicht, dass unsere Nahrungsmittel von der Bestäubung durch Insekten abhängig sind.

Oder sie zweifeln an der Dringlichkeit, weil bei uns keine direkten Auswirkungen zu sehen sind. Auf unseren Märkten gibts ja keine Apfelknappheit, obwohl auch bei
Die Konsequenzen des Bienensterbens zeigen sich hierzulande tatsächlich noch nicht so direkt. In den USA ist es sichtbarer: Bienen werden in Lastwagen von Ort zu Ort gefahren, um Pflanzen zu bestäuben. Die ehemals gratis von der Natur geleistete Dienstleistung ist jetzt eine, für die man bezahlen muss. Abgesehen davon: Wir kennen noch längst nicht alle Dienstleistungen und Heilkräfte der Natur. Beispiel Krebs: Heute stammen fünfzig Prozent der Krebsmedikamente aus natürlichen Stoffen. In Zukunft werden weitere natürliche Heilmittel entdeckt werden – die zu quantifizieren, ist natürlich schwierig.

Das könnten wohl am ehesten die Pharma­multis, die die Wirkstoffe aus Pflanzen patentieren.
Ja, oder Agrokonzerne, die mit Patenten auf Pflanzen, die unter den künftigen extremen Bedingungen noch funktionieren, zu Profiteuren des Klimawandels werden. Viele Gene, die zur Dürreresistenz beitragen, sind schon patentiert.

Wird in Zukunft mehr und mehr patentiert?
Patente auf Pflanzen gibt es in Europa ja erst seit 1998 – und bereits über 1500 sind so «geschützt». Aber sogar Züchter stehen jetzt auf und sagen: «Halt! Das Patentieren zerstört die Innovation!» Das ist verrückt.

Weshalb ist das verrückt?
Weil das Patentieren ja mit dem Argument eingeführt wurde, es fördere die Innovation. Es sollte ein Ansporn sein. Jetzt haben aber viele Züchter gemerkt, dass sie wegen dieser Patente keinen Zugriff mehr haben auf Pflanzen, die sie zum Züchten brauchen. Deshalb gibt es jetzt auch in Europa eine starke Bewegung, die sich gegen Patentierungen wehrt, Bauernorganisationen ebenso wie Züchter. Und sogar die deutsche Regierung. In deren Koalitionsvertrag steht: keine Patente auf Leben!

Wer besitzt denn all die Patente?
Die drei, vier grössten Agrokonzerne der Welt. Sie sind mittlerweile die Einzigen, die noch für die Patente kämpfen. Kein Wunder, verdienen sie doch viel Geld damit. Ausserdem können sie über den Import und Export «ihrer» Pflanzen und allenfalls gar der Produkte bestimmen. Früher sagte die Schweiz beispielsweise: Im Herbst importieren wir keine Äpfel, denn dann haben wir selber frische. Das ist von der Welthandelsorganisation WTO verboten worden. Gleichzeitig hat die WTO das Patent gestärkt, ein Patentinhaber kann jetzt sagen: «Nein, diese Tomate kommt nicht in die Schweiz.»

Weshalb haben Sie eigentlich noch kein Buch über Patente geschrieben?
Ich schreibe lieber Wanderbücher.

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