Nr. 41/2010 vom 14.10.2010

Wie kamen Sie in Franz Hohlers Buch?

Der 45-jährige Biodiversitätsexperte François Meienberg über Kirschen, die nicht fallen, wenn man den Baum schüttelt, über Streitgespräche mit der Pharmaindustrie und darüber, wie ein politischer Bubenstreich die grossen Parteien alt aussehen liess.

Von Esther Banz (Interview) und Ursula Häne (Foto)

François Meienberg: «Die Beschäftigung mit Patentfällen, die Beteiligung an Einsprachen, Prozessen, Verhandlungen ist die beste Schule.»

WOZ: Arten sterben aus – das gabs immer schon. Weshalb eigentlich die ganze Aufregung um die Biodiversität und Artenvielfalt?
François Meienberg: Das Artensterben, das wir heute beobachten, ist durch den Menschen verursacht und somit nicht vergleichbar mit beispielsweise dem Aussterben der Dinosaurier.

Was ist konkret der Nutzen von Vielfalt in der Natur?
Ein Beispiel aus der Landwirtschaft: Wir haben in der Schweiz Kirschbäume. Aus den Früchten produzieren wir unter anderem Schnaps. Weil die Kirschen schnell verfaulen, wenn sie auf den Boden fallen, züchtete man während Jahrzehnten Sorten, die länger hängen bleiben. So ist der Ernteertrag grösser. Jetzt hat man aber herausgefunden, dass wir wirtschaftlich nicht konkurrenzieren können, wenn wir auf die Leiter steigen müssen, um die Früchte herunterzuholen, das ist allzu zeitintensiv. Also schüttelt man nun die Bäume. Doch jetzt bräuchte man wieder jene Eigenschaft der Kirsche, die sie früher hatte: dass sie sich schnell löst und runterfällt.

Das scheint mir allerdings ein Luxusproblem zu sein.
Natürlich geht es bei der Artenvielfalt auch um anderes, um unsere ganze Ernährung vorab und um die Medizin. Fünfzig Prozent unserer Krebsmedikamente enthalten Wirkstoffe aus Pflanzen. Es geht um ökologische Dienst­leistungen, um reine Luft. Ach, es geht um alles – um das Leben auf Erden schlechthin.

Ist der Anteil natürlicher Heilstoffe in der Pharmazie denn immer noch so hoch?
Ja! Die Pharmaunternehmen melden zwar oft, sie könnten jetzt dieses oder jenes Molekül selber herstellen, aber es wird immer noch mit Naturstoffen geforscht, auch bei Novartis. Der Wirkstoff des Malariamedikamentes Coartem beispielsweise wird aus dem einjährigen Beifuss gewonnen – das Wissen über die Wirkung stammt aus der traditionellen chinesischen Medizin. Es gibt Hunderte solcher Beispiele.

Sie waren früher Schauspieler. Woher haben Sie eigentlich Ihr Wissen zu Pflanzen und Patenten?
Das habe ich mir mehr oder weniger selber angeeignet. Dadurch, dass ich mich mit Patentfällen beschäftige, an Einsprachen, Prozessen, Verhandlungen und so weiter beteiligt bin. Das ist die beste Schule.

Aber ein gewisses Grundwissen brachten Sie schon mit, bevor Sie anfingen, sich mit Patenten auf Pflanzen zu beschäftigen?
Ich habe ursprünglich eine Lehre als Chemielaborant gemacht, aber die nützt mir nur beschränkt. Ich staune ja manchmal selber, dass ich mich als Exschauspieler getraue, in öffentlichen Streitgesprächen gegen hohe Tiere der Pharmaindustrie anzutreten – etwa als es um die Patentgesetzrevision ging. Aber die kochen auch nur mit Wasser.

Verdienen tun die allerdings einiges mehr als Sie bei der Erklärung von Bern. Als Chemie­laborant hätten Sie ja auch in der Industrie bleiben können …
Nein, da war schon früh ein gewisses politisches Bewusstsein. Schon in jungen Jahren habe ich mit Kollegen eine Partei gegründet, die Neue Idee Opfikon, kurz NIO.

Ein Bubenstreich?
Einer, aus dem dann plötzlich ernst wurde, denn wir waren wider Erwarten sehr erfolgreich. Ich hatte die Partei zusammen mit zwei ebenfalls zwanzigjährigen Kollegen, Christian Götz und David Hähne, gegründet – und wir sind alle drei in den Gemeinderat gewählt worden, 1986 war das. Nach vier Jahren waren wir die stärkste Partei in Opfikon, wir hatten alle anderen – FDP, SP und auch SVP – überholt. Wir hatten sieben Sitze, aber nur fünf Mitglieder.

Wie lösten Sie dieses Problem?
Indem wir eine Annonce aufgaben und die Interessierten vorsprechen liessen.

Wie war so ein Erfolg damals überhaupt möglich?
Die anderen Parteien waren einfach eingeschlafen, schauten nicht mehr genau hin. Was sicher geholfen hat, war ein Projekt auf dem Oberhauserriet: Diese grosse Wiese beim Fernsehstudio sollte überbaut werden, 15 000 Arbeitsplätze waren geplant – ein gigantisches Projekt. Opfikon selber hatte damals gerade mal 12 000 Einwohner. Das Verrückte war: Im Dorf wurde gar nicht über diese Überbauung gesprochen! Wir haben dann, 1988, mit einer Volksinitiative gefordert, dass auf diesem Gebiet eine Reservezone geschaffen wird.

Die Initiative wurde dann jedoch nicht angenommen …
Aber das Projekt radikal geändert. Wir hatten erreicht, dass sich die Bevölkerung überhaupt erst mit der Entwicklung ihrer Kleinstadt auseinandersetzte.

Im Buch «Der Neue Berg» von Franz Hohler, das er in den achtziger Jahren geschrieben hat, kommen junge Menschen vor, die in einer Vorortsgemeinde von Zürich erfolgreich eine neue Partei gegründet hatten.
Ja, da waren wir wohl ein Teil der Inspiration. Franz Hohler hat dann gemeinsam mit ­Niklaus Meienberg auf dem Oberhauserriet auch mal eine Lesung gehalten.

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