Nr. 42/2010 vom 21.10.2010

Bergtour vor Hausarbeit

Bettina Dyttrich

Unsere Koch- und Hauswirtschaftslehrerin hiess Frau Blum. Der Übername «Blüemli» passte zu ihr: Sie hatte ein rundes, freundliches Gesicht, sagte «rüüdig guet» und kannte das Schulkochbuch «Tiptopf» auswendig.

Das Kochen war immer wieder ein Spass. Zum Beispiel, als meine Freundin irgendwo gelesen hatte, Muskat wirke in hohen Dosen halluzinogen. Sie schüttete so viel Pulver in den Kartoffelstock, dass er braun und grausam bitter wurde. Noch heute wird mir fast schlecht, wenn ich Muskat rieche.

Zum Aufräumen am Schluss der Kochstunde durften wir Musik hören. Als ich eine Kassette der Melvins mitbrachte – dröhnenden Zeitlupen-Metal – fürchtete Frau Blum um unsere psychische Gesundheit. Wir einigten uns auf Bad Religion: schnellen, scheinfröhlichen Punk.

Wirklich ernst nahm ich Frau Blum nicht. Wie konnte jemand freiwillig einen solchen Beruf ergreifen? Kochen und Haushalten war für mich damals eng verknüpft mit einem Leben, das ich ablehnte: zwanzig Jahre sparen für ein Einfamilienhaus, dann den Rest des Lebens Hypothekarzinsen zahlen und aus dem Putzen nicht mehr herauskommen.

Nach einem Jahr wechselte ich ans Gymnasium. Wirklich Haushalten gelernt hatte ich in dieser kurzen Zeit nicht. In der ersten eigenen Wohnung war ich schnell überfordert – weniger mit dem Kochen als mit dem Staub, den Katzenhaaren und den Fettspritzern an den Küchenmöbeln. Und ich bin es manchmal immer noch, denn der Haushalt kommt zuletzt: nach der Erwerbsarbeit, der Politik, den Freundschaften und der Freizeit. Ganz sicher verzichte ich nicht auf eine Bergtour, nur weil die Wohnung wieder einmal wüst aussieht.

Das ist auch gut so. Die Generation meiner Mutter hat sich den Zugang zur Erwerbsarbeit erkämpft. Keine Frau ist heute mehr gezwungen, den Kleinfamilienhaushalt zum Mittelpunkt ihres Lebens zu machen. Aber jemand muss die Fettflecken doch wegputzen, das Katzenkistchen leeren, das Essen kochen. Immer häufiger bezahlen Frauen, die keine Lust mehr auf diese Arbeiten haben, andere Frauen dafür. Das ist nicht per se schlecht, funktioniert aber nur, weil die Arbeit der Putzfrau und Köchin schlechter bezahlt ist als jene, die ihre Auftraggeberin in der Zwischenzeit tut. Sonst wäre es ein Nullsummenspiel.

So hat Geld den Konflikt entspannt, der bis in die neunziger Jahre noch öffentlich ausgetragen wurde. Gelöst ist er nicht: Eigentlich wären nicht schlecht entlöhnte Frauen, sondern Männer zuständig für die Hälfte des Putzens und Kochens, des Pflegens und Sorgens. Inzwischen habe ich gelernt, diese Arbeiten zu respektieren. Es braucht sie auch jenseits des Einfamilienhaustraums. Und es braucht Frau und Herr Blums, die den Jungs genauso wie den Mädchen das Haushalten beibringen.

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