Digitale Welt : «Es wird nicht besser oder schlechter, nur anders»

Nr.  45 –

Zwei Ausstellungen in Lenzburg und Bern beschäftigen sich mit der Digitalisierung unserer Gesellschaft. Die WOZ hat beide besucht und Fragen mitgenommen. Der Kulturwissenschaftler Klaus Schönberger hat sie beantwortet: eine Kritik an der populärwissenschaftlichen Betrachtungsweise des Digitalisierungsprozesses – und ein Aufruf, nicht nur Gefahren, sondern auch Möglichkeiten zu sehen.


WOZ: Die Ausstellung «Home» im Stapferhaus in Lenzburg zelebriert die digitale Welt als Zuhause. Die BesucherInnen erhalten Finkensocken für ihren Rundgang, sie sitzen auf Polstergruppen, vor ihnen flackert ein Kaminfeuer – digitalisiert natürlich. Ist die digitale Welt tatsächlich unser Zuhause geworden?

Klaus Schönberger: Momentan erscheint uns die digitale Welt noch als eigene Welt. Doch in absehbarer Zeit werden alle diese technischen Geräte so selbstverständlich sein, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Sie werden omnipräsent und veralltäglicht. So wie das bereits mit Geräten wie dem Telefon und der Wasch- oder Spülmaschine geschehen ist. Insofern werden diese elektronischen Geräte in jedem Haushalt künftig so präsent sein, dass wir sie gar nicht mehr als Technik identifizieren.

Die Unterscheidung in eine digitale und eine analoge Welt macht bald keinen Sinn mehr?

Es gibt zunehmend Zweifel an dieser Trennung, weil sich immer mehr die Erkenntnis durchsetzt, dass das Analoge in das Digitale hineinreicht und umgekehrt. Das hat Folgen. Es stellt sich die Frage, in welcher Weise wir bestimmte Medienformate nutzen und wofür wir sie nicht nutzen. Ist es künftig möglich, per Mail zu kondolieren? Was kann man über E-Mail, Facebook oder Handy kommunizieren und was nicht? Was wird auch in Zukunft von Angesicht zu Angesicht besprochen?

Diese Fragen stellen sich im Wissen, dass bei der rein schriftlichen Kommunikation – im Vergleich zur mündlichen – Emotionen entfallen und viele Dinge, die schriftlich fixiert sind, ganz anders wirken als mündlich. Der Ausspruch «Ach, du bist doch ein Spinner!» kann auch sehr liebevoll gemeint sein. Deshalb schicke ich einen Smiley per SMS. Schreibe ich das einfach so, hört sich der Spruch plötzlich ganz anders an. Andererseits hatten wir in einer empirischen Untersuchung bei einem geschiedenen Paar sehen können, dass es digital auf einmal vernünftig kommunizieren konnte, weil der ironische Unterton oder die Kälte nicht mehr mitschwang. Zusammenfassend geht es darum, eine angemessene Kulturtechnik des Kommunizierens mit den neuen Medienformaten zu entwickeln.

Neben der Unterscheidung in eine digitale und eine analoge Welt gibt es im Zusammenhang mit der zunehmenden Digitalisierung unserer Gesellschaft eine zweite populäre Unterscheidung: In «digital natives», Personen also, die mit digitalen Technologien aufgewachsen sind, und «digital immigrants», die erst im Erwachsenenalter damit in Berührung kamen. Ist diese Unterscheidung sinnvoll?

Kaum. Meiner Erfahrung nach spielt nicht das Alter, sondern etwa das Lebensführungskonzept eine weit grössere Rolle für den Umgang und die Kommunikation mit digitalen Technologien. Wir konnten beispielsweise in unseren Untersuchungen zeigen, dass Frauen im selben Alter, die aus der gleichen sozialen Schicht kommen, digitale Technologien völlig unterschiedlich nutzten. Aus dem einfachen Grund, weil eine davon eine Familie hatte und die andere nicht.

Natürlich sind der Computer, das Internet oder das Handy für die heutigen Kids etwas so Alltägliches, dass sie wissen, welche Knöpfe sie drücken müssen. Aber wenn gewisse sprachliche Fähigkeiten fehlen, ein Jugendlicher beispielsweise nicht weiss, dass man statt Bankraub auch Banküberfall oder statt Auto auch Pkw schreiben kann, dann kommt er auf dem Netz nicht so weit wie andere. Dass jemand ein «digital native» ist, nützt ihm nichts. Es braucht trotzdem noch das sprachliche Wissen von Begriffen, um ein gutes Suchergebnis zu erzielen. Das sind Qualifikationen, die ausserhalb der Technik liegen. Kinder brauchen keinen Laptop in der Schule, sie brauchen eine gute sprachliche Bildung, die sie befähigt, Sprache als Werkzeug am Computer und auf dem Netz einzusetzen.

Der Bildungsgrad, die Schichtzugehörigkeit, das jeweilige Lebensführungskonzept und das soziale Milieu, in dem man sich bewegt, haben einen viel grösseren Einfluss darauf, wie wir mit den digitalen Technologien umgehen und diese nutzen, als das Alter.

Das schliesst an Ihre Kritik am ebenfalls populären Begriff der «Digitalen Revolution» an, den Sie in Ihrem Beitrag der Publikation zur «Home»-Ausstellung formulieren: Die sozialen Strukturen und damit auch die Machtstrukturen und Hierarchien bleiben trotz neuer digitaler Technologien bestehen, sie setzen sich dort fort: Aus linker Sicht ist das eine ernüchternde Einschätzung.

Es geht mir vor allem um eine Zurückweisung des Technikdeterminismus. Es greift viel zu kurz, die Technik als zentralen Faktor zu beschreiben, der eine Gesellschaft ändert oder gar revolutioniert. Die Technik bewegt sich ja nicht ausserhalb von sozialen Strukturen, politischen Machtsystemen oder kulturellen Normen und Praktiken – das sind komplexe Verhältnisse. Nur wenn all diese Faktoren und Aspekte berücksichtigt werden, ist eine Gesellschaftsanalyse im Kontext der Digitalisierung möglich.

Bezüglich meiner Feststellung, dass sich das Bestehende in den neuen Medienformaten fortsetzt, gibt es aus linker Sicht allerdings auch Gegenbeispiele: Wenn man früher eine Demonstration organisiert hatte, musste man Infostände in den Fussgängerzonen aufbauen, Plakate kleben, Flyer verteilen, und um zwölf Uhr war die Lust verflogen. Man war weg und damit auch die Informationen. Im Netz ist die Organisation einfacher geworden, der Infostand ist viel nachhaltiger, jederzeit abrufbar. Auf der Ebene der Repräsentation hat sich also schon etwas verändert.

Und es gibt auch Erfolgsgeschichten. Ein aktuelles Beispiel ist Stuttgart 21. Da konnten Amateurvideos, auf die alle Zugriff hatten, deutlich aufzeigen, wie die Gewalt von der Polizei ausging. In den Videos, die die Polizei zur Verfügung stellte, sah das ganz anders aus, die Bilder wurden manipuliert. So konnten alle sehen, was tatsächlich los war. Die entscheidende Frage ist also, weshalb hat es in Stuttgart funktioniert? Welche Faktoren haben dazu beigetragen? Das gilt es zu analysieren und daraus Lehren zu ziehen.

Noch ist nicht alles verloren?

Es ist wichtig, neben den Gefahren und Problemen auch die Möglichkeiten zu sehen, die sich auftun. Der Ausspruch «Es wird nicht besser und nicht schlechter, sondern nur anders» trifft meine Grundhaltung ganz gut. Man muss sich mit diesen Veränderungen auseinandersetzen. Fragen stellen: Wie und weshalb funktioniert etwas? Unter welchen Umständen setzt sich etwas durch oder eben nicht? Wer profitiert davon und wer nicht? Wie können wir uns organisieren?

Sowohl in Lenzburg als auch in Bern, wo im Museum für Kommunikation aktuell die Ausstellung «Wo bisch?» zum Thema Handy läuft, ist deutlich geworden, dass wir in Zukunft «always on» sein werden, immer erreichbar. Hat Mark Zuckerberg, der Chef von Facebook, recht, wenn er behauptet, dass das Privatleben eine überholte Konzeption ist?

Vermutlich liegt er nicht falsch. Irgendwann wird dieses dauernd «On»-Sein nicht mehr als Problem oder als Zwang angesehen.

Zum Glück arbeite ich bei der WOZ, wo es keinen Chef gibt. Sonst könnte ich schon bald von diesem nachts um zwei Uhr, wenn ich im Bett liege, angerufen werden.

Uns erscheint das jetzt noch ungeheuerlich und furchtbar. Aber wenn man sich das historisch vor Augen führt, dann musste die heute so völlig selbstverständliche Trennung in Arbeit und Freizeit – diese Form der Alltagsdisziplinierung, das Leben nach der Uhr  – in der Anfangszeit der Industrialisierung erst einmal durchgesetzt werden. Interessanterweise stammen die ersten Versuche einer Verschmelzung von Arbeit und Privatleben aus dem alternativen und kooperativen Bereich. In den siebziger und achtziger Jahren entstanden Betriebe, wo es darum ging, die Trennung von Arbeit und Freizeit aufzuheben. Heute erleben wir diese Trennung in einer ganz anderen und umfassenderen Form: In einem neoliberalen, flexibilisierten Kapitalismus, wo wir aber eben nicht mehr die Rahmenbedingungen bestimmen können. So ändern sich die Zeiten und Entwicklungen.



«Home – Willkommen im digitalen Leben» in: Lenzburg Stapferhaus, noch bis 27. November 2011. www.home.stapferhaus.ch

«Wo bisch? – Handy macht mobil» in: Bern Museum für Kommunikation, noch bis 3. Juli 2011. www.mfk.ch/wobisch.html