Nr. 32/2013 vom 08.08.2013

Altersstille statt Altersmilde

Am 6. August 2013 ist Alexander J. Seiler 85 Jahre alt geworden. Der linke Intellektuelle, Publizist und Filmautor bleibt scharf in seiner Gegenwartskritik. Aber öffentlich äussern mag er sich nicht mehr so vehement.

Von Nina Scheu

Unbeugsam, manchmal polemisch, immer engagiert: Alexander J. Seiler Anfang August 2008 in seiner Zürcher Wohnung im Kreis 4. Foto: Florian Bachmann

Nur kurz beschleicht mich das Gefühl, wir träfen uns am falschen Ort. In den sanften, vom überlangen Frühling saftig grünen Hügeln liegen schwarze und weisse Schafe friedlich im Gras. Bad Ramsach im Baselbieter Jura: Ausgerechnet hier befindet sich Alexander J. Seiler – einer der streitbarsten Intellektuellen des Landes – Ende Juli zur Kur. «Ich habe aus meinem Herzen nie eine Mördergrube gemacht», meint er später im Gespräch. Er hat immer gesagt, was er denkt. Aber publizieren will er es nicht mehr. «Ich habe keine Lust, als einsame Kassandra dazustehen.» Die Welt sei in einem so desolaten Zustand, dass Schweigen die einzige angemessene Reaktion sei, meint er kurz vor seinem 85. Geburtstag.

In Wisen, unweit von hier, hatte die von Seiler und sechs Kollegen 1971 gegründete Produktionsgemeinschaft Nemo Film einst eine Folge der vom Fernsehen in Auftrag gegebenen Spielfilmserie «Die sieben Todsünden» gedreht. Cast und technische Equipe logierten im Kurhotel Bad Ramsach.

Wir sind also doch am richtigen Ort für die Annäherung an eine der wichtigsten Figuren der Schweizer Filmgeschichte. Nicht nur, weil Alexander J. Seiler hier gearbeitet hat oder weil er hier so offen und frei von jeglichen Allüren aus seinem Leben erzählt, sondern auch, weil er einer Hoteliersdynastie entstammt. Der Vater, in seiner Jugend ein «gelber», also christlichsozialer Walliser Grossrat, wurde als Jurist Direktor der Schweizerischen Hotel-TreuhandGesellschaft und später Präsident des Schweizer Hotelier-Vereins. Zusammen mit einem seiner Brüder, dem gelernten Hotelfachmann Joseph A. Seiler, rettete er in den dreissiger Jahren die traditionsreichen Seiler Hotels in Zermatt aus einer Krise und steuerte sie zu neuer Stabilität und bescheidener Blüte.

In die Überzeugung investiert

Das Vermögen, das Alexander J. Seiler 1966 erbte, investierte er in seine Überzeugung. Es ermöglichte ihm seine filmpolitische Arbeit, die Zeit kostete, aber nichts einbrachte: Er war Mitgründer des Schweizerischen Filmzentrums, heute Swiss Films, war Sekretär und Vorstand des Verbands Schweizerischer Filmgestalter und Mitglied der Eidgenössischen Filmkommission; er gehörte zu den Gründern der Solothurner Filmtage, gab mit Bruno Schärer die Zeitschrift «Einspruch» heraus und war jahrelang Chefredaktor der «Gazzetta», der dreisprachigen Halbjahreszeitschrift der Pro Litteris, in deren Vorstand er sich ebenfalls engagierte. Kurz: Die Schweizer Film- und Medienlandschaft sähe ohne ihn heute anders, aber bestimmt nicht besser aus.

Als «Einheit» empfindet Seiler seine filmische, politische und publizistische Arbeit, die auch in zahlreichen Zeitungen und Zeitschriften ihren Niederschlag fand. In der Themenwahl ebenso wie in seiner Haltung: unbeugsam, manchmal polemisch, immer engagiert. Gegen Intoleranz, Ausbeutung und Fremdenhass, für die Rechte der ArbeiterInnen und der Frauen oder auch gegen den militärischen Zivilschutzdienst, für dessen Verweigerung der ehemalige Leutnant der Festungsartillerie zehn Tage Haft im Gefängnis absass. Es waren Filme und Texte, die Diskussionen auslösten und zum Weiterdenken anregten. Und die so nicht nur zu einem Stück Schweizer Kulturgeschichte, sondern auch zu Dokumenten der Schweizer Sozialpolitik wurden.

Deren berühmtestes ist zweifellos «Siamo italiani / Die Italiener» von 1964, ein Zeitbild von der Existenz der italienischen FremdarbeiterInnen in der Schweiz. Der damals vor allem ihnen geltenden Fremdenfeindlichkeit setzte Seiler Eindrücke vom täglichen Leben der Einwanderer entgegen. Der für ihn wichtigste Film aber, Seiler zögert keine Sekunde mit der Antwort, ist «Die Früchte der Arbeit» (1977). Entstanden in fünf Jahren akribischer Recherche, wegen einer Bemerkung von Francis Reusser am Filmfestival von Locarno 1968. Die von Jiri Menzel präsidierte Jury (zu der Seiler gehörte) war, uneinig hinsichtlich der Teilnahme sowjetrussischer Filme am Wettbewerb, geschlossen zurückgetreten. Da meinte der Regiekollege aus der Romandie: «Man sollte einen Film über die Geschichte der Schweizer Arbeiterbewegung machen.» Seiler machte in der Folge weit mehr als einen Dokumentarfilm. Es entstand eine Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen, eine geradezu musikalische Reflexion über unsere Wahrnehmung von Geschichte. Überhaupt sind Seilers Filme, so verschieden sie auch sind, immer rhythmische Kompositionen von Bild, Schnitt und Ton.

Ein Misserfolg

Die Frage, welcher seiner Filme sein bester sei, beantwortet Seiler mit einem Schuss Resignation: sein letzter. «Geysir und Goliath», ein «Selbstporträt» des Bildhauers, Zeichners und Fotografen Karl Geiser, abgeschlossen 2010, erwies sich als grandioser Misserfolg. Niemand schien sich für den Schöpfer des «Denkmals der Arbeit» am Zürcher Helvetiaplatz zu interessieren. «Vielleicht», meint Seiler, «liegt das auch an Geisers Pädophilie», die der Film offen thematisiert.

Nächste Woche werden am Filmfestival von Locarno die von der Cinémathèque Suisse restaurierten Fassungen von «Ludwig Hohl. Ein Film in Fragmenten» und «Palaver, Palaver» zu sehen sein. Ersterer ist ein intimes Porträt des publikumsscheuen Schriftstellers und Freundes aus dem Jahr 1982. Letzteres ist als «Schweizer Herbstchronik 1989» eine Dokumentation der politischen Debatte um die Volksinitiative zur Abschaffung der Schweizer Armee. Sie wird verbunden mit Szenen von der Erarbeitung des Bühnenstücks «Jonas und sein Veteran» von Max Frisch durch den Regisseur Benno Besson in je einer deutsch- und einer französischsprachigen Version – also «Politik als Theater, Theater als Politik».

Natürlich wird Seiler für die Aufführungen ins Tessin reisen. Doch sonst hat er sich aus dem Festivalrummel zurückgezogen. Der Tanz um das Goldene Kalb ist ihm zuwider. Er drehte seine Filme, weil er von der Wichtigkeit der Themen überzeugt und von der Suche nach der dazugehörigen Form fasziniert war. Selbst seine Auftragsfilme konnte er stets nach eigenem Konzept realisieren, sodass er heute mit Stolz behauptet: «Ich musste nie einen Film machen, den ich nicht hätte machen wollen.»

Beziehungsnetze

Dafür gab es Preise, viel kritische Anerkennung und immer wieder Fördergelder für Projekte. Dazwischen liegen reich erfüllte Jahrzehnte mit seiner vor drei Jahren verstorbenen Lebens- und Arbeitspartnerin June Kovach – mit der er auch nach der Trennung verbunden blieb –, mit den beiden Töchtern, mit der heutigen Lebenspartnerin und einem weit gespannten Kreis kreativer MitstreiterInnen; dazu gehörten aber auch immer wieder heftige Auseinandersetzungen auf intellektueller und politischer Ebene.

Das unersättliche Streben nach quantitativen Werten, die Rastlosigkeit und der Absolutismus eines Managertums, das für nichts mehr Zeit habe, würden wieder verschwinden, ist Seiler überzeugt. Aber er stellt auch fest, dass er sich oft wie ein Relikt fühlt, wie ein Fremder in unserer Zeit: «In den vergangenen zwanzig Jahren ist die Linke quasi ausgestorben», bedauert er, «ich bin bald überall der Älteste.» Und im Alter sei man ja nicht nur sozial allein, sondern auch in seiner Art zu denken und zu erleben. Doch irgendwie passe das wohl auch: «Heimat und Fremde waren Grundthemen in meinem Leben und Werk.» Altersmilde klingt das nicht, wohl aber nachdenklich mit leisem Humor. Und das passt tatsächlich am besten zu Alexander J. Seiler.

Seiler als Publizist

Glanz und Elend der Öffentlichkeit

Eine Gewerkschaft, hat Alexander J. Seiler einmal gesagt, bezeichne «die Verbindung jener, die am Werk sind, die eine Idee, eine Erfindung, einen Plan, ein Vorhaben durch ihre Arbeit umsetzen, verwirklichen».

Es ist eine schöne Definition. Seine eigenen Ideen und Vorhaben richteten sich auf die Öffentlichkeit. Vor fünf Jahren ist ein Sammelband mit Artikeln von ihm aus fünfzig Jahren erschienen: einfühlsame Porträts von KünstlerInnen. Stellungnahmen zur Filmpolitik (vgl. «Altersstille statt Altersmilde»). «Fünf Minuten für ein Bild» im alten «Tages-Anzeiger-Magazin», «Zeit-Wörter» als Sprachkritik. Der Titel des Buchs, «Daneben geschrieben. 1958–2007», ist ein leicht kokettes Understatement. Sie waren nicht nebenher verfertigt, sie gehörten zur öffentlichen Auseinandersetzung, genau und eingängig geschrieben.

Seiler hat einmal einen Versuch unternommen, Öffentlichkeit so herzustellen, wie sie seines Erachtens aussehen sollte. 1987 startete er zusammen mit Bruno Schärer die Zeitschrift «Einspruch». Im Angesicht einer zerfallenden Öffentlichkeit sollte sie zweimonatlich, im Hochformat mit sechzig Seiten, kritische Essays und Literatur liefern. Das Unterfangen scheiterte, die Zeitschrift musste auf Ende 1991 eingestellt werden. Eine Auflage von knapp 2000 Exemplaren war auf die Dauer finanziell und politisch nicht tragfähig. Was er versuchte, die Form des engagierten Essays neu zu lancieren, hat es auch heute wieder, oder immer noch, schwer.

Alexander J. Seiler blieb trotzdem bei der Sache, in verschiedenster Hinsicht. Wenn ihm ein Artikel fehlerhaft schien oder er etwas darin vermisste, dann meldete er sich entschieden beim Autor oder bei der Autorin. Das ist auch eine Art öffentliches Gespräch.

Mit wiederholten Erfahrungen gibt es eine Tendenz, wiederkehrende Wellen des Niedergangs zu beklagen. Dagegen sind wir alle nicht gefeit. Wenn Alexander J. Seiler sich jetzt mit 85 Jahren als «Relikt» vorkommt und er nicht mehr so richtig mag, so ist das persönlich verständlich. Für uns Nachgeborene wäre es bedauerlich.
Stefan Howald

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