Nr. 47/2010 vom 25.11.2010

Der Ort, die Zeit, das Wort

Die Abstimmung über die Ausschaffungsinitiative und den Gegenvorschlag von diesem Wochenende hat viele KünstlerInnen mobilisiert. Kunst+Politik hat dazu einen «Aufruf der Hundert» veröffentlicht.

Von Adrian Riklin

Ein Jahr ist vergangen, seit sich die Mehrheit der Schweizer StimmbürgerInnen für das Minarettverbot ausgesprochen hat. Der vorläufige Höhepunkt von Verschärfungen in der Ausländerpolitik hat zu einer ausserparlamentarischen Opposition geführt. So etwa haben sich neben dem Club Helvétique, der sich für eine Stärkung der Demokratie (und die Rechte von Minderheiten) einsetzt, unter dem Namen Kunst+Politik Schriftstellerinnen und Künstler zusammengetan: Sie wollen sich mit ihren Mitteln in die öffentliche Diskussion einbringen und so der ausländerfeindlichen Stimmung eine Kraft entgegensetzen (siehe WOZ Nr. 38/10).

Die drohende Annahme der Ausschaffungsinitiative (oder des Gegenvorschlags) hat zusätzliche Kräfte mobilisiert. Die drei von Kunst+Politik lancierten Kurzfilme «Vor die Tür» des Filmemachers Micha Lewinsky haben eine Beachtung gefunden, die die Erwartungen weit übertroffen hat. Das gilt auch für die mediale Präsenz einer von Kunst+Politik organisierten Veranstaltung im Zürcher Theater Neumarkt vor zwei Wochen – mit AutorInnen wie Erica Pedretti, Ruth Schweikert, Melinda Nadj Abonji, Franz Hohler oder Peter Stamm.

Pflichtliteratur – Pflichtlektüre?

Tief blicken liess die Diskussion dazu auf «Tagesanzeiger Online» – oder eher: die überwältigende Zustimmung zur zynischen Onlineberichterstattung. 180 LeserInnen taten ihre Meinung kund, drei Viertel entpuppten sich als glühende BefürworterInnen der menschenrechtsfeindlichen Initiative. Zum Ausdruck brachten sie einmal mehr den Hass auf «Intellektuelle». Ein weiteres Beispiel dafür, wie breitensporttauglich das Bashing geworden ist – und wie es von Medienkonzernen angeheizt wird.

Ein direkter Zusammenhang zwischen intellektuell und kriminell wurde noch nicht hergestellt: Und doch sieht sich der nachdenkliche Künstler bei solchem Zeitgeist mit der Frage konfrontiert, ob es nicht besser wäre, sich auf die eigentliche Arbeit zu konzentrieren (unter der Voraussetzung, dass es sich dabei um Auseinandersetzungen mit menschlichen und also gesellschaftlichen Verhältnissen handelt) – statt sich im Aktivismus zu verausgaben. Will heissen: die handwerkliche Aufgabe auf sich zu nehmen und an Gedanken, Satzgebilden und Sprachbildern zu arbeiten, die sich nötigenfalls auch noch in fünfzig Jahren einsetzen liessen. Wie jener Satz von Max Frisch aus dem Jahre 1955: «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.»

Ansonsten kann die voreilige Funktionalisierung des Wortes im Dienst einer politischen Sache umgehend im Flachgebiet gut gemeinter Parolen enden. Solche sind auch im «Aufruf der Hundert» auf der Website von Kunst+Politik zu finden. Zuweilen hat man den Eindruck, man lese Arbeiten von LiteraturstudentInnen, die dazu geprügelt wurden, ein paar originelle Sätze zum vorgegebenen Thema zu verfassen.

Was auf die Pflichtliteratur folgt, liegt auf der Hand: Pflichtlektüre. Doch ist Literaturkritik fehl an diesem Platz. Hier geht es nicht um einen Talentwettbewerb. Es geht um Recht. Kommt hinzu: Der Fluch der Schriftstellerin, die sich öffentlich zu Wort meldet, um ihre Haltung zur politischen Situation kundzutun, besteht zunehmend darin, dass sie zunächst als Fotomodell wahrgenommen (und bewertet) wird, dann als Autorin – und erst viel später, wenn überhaupt, als Citoyenne.

Realpoetisches Einleuchten

Vielleicht besteht die Kunst unter solchen Bedingungen darin, auf möglichst alle äusseren Erkennungsmerkmale der Kunst zu verzichten: nicht also im künstlerischen Kleid aufzutreten, sondern überhaupt erst den Ort und den Zeitpunkt für das passende Wort zu finden und den Ton. Wer sucht, der findet solche Worte auch im «Aufruf der Hundert»: Sätze, die auch noch in fünfzig Jahren in einem Schulbuch stehen könnten. Zeitlos aktuelle Sätze, die vor den Abstimmungen auf grossen Plakaten geschrieben stehen sollten – und auch in den Tagen und Jahren danach. Texte, die nicht pseudopolitisch blenden, sondern realpoetisch einleuchten. Zum Beispiel Franz Hohlers «Gegenvorschlag»:

«Die Bundesverfassung wird wie folgt geändert: / Art. 121 Abs. 3–5 (neu) / I / 3 im Wissen darum, dass ohne sie / a) weder Häuser, Strassen noch Tunnels gebaut würden, / b) weder Spitäler, Alters- und Pflegeheime, Hotels und Restaurants betrieben würden, / c) weder Abfall, Reinigung, Verkehr und Informatik bewältigt würden, / bedankt sich die Eidgenossenschaft bei allen Ausländerinnen und Ausländern, die hier arbeiten. / Sie gibt ihrer Freude darüber Ausdruck, dass sie mit ihrer Tätigkeit das Leben in unserem Lande ermöglichen und heisst sie als Teilnehmer dieses Lebens willkommen. / 4 Sie hofft, dass es ihnen gelingt, sich mit den hiesigen Gebräuchen vertraut zu machen, ohne dass sie ihre Herkunft verleugnen müssen. / 5 Sollten sie straffällig werden, unterliegen sie denselben gesetzlichen Bestimmungen wie die Schweizer Bürgerinnen und Bürger. / II / Übergangsbestimmungen: / Dieser Gegenvorschlag bedarf nicht der Volksabstimmung. Er tritt für jedermann vom Moment an in Kraft, da er dessen Richtigkeit erkannt hat.»

Nach der Abstimmung ist vor der Abstimmung. Oder frei nach Max Frisch: Jetzt nur die Wut nicht verlieren – und die Sprache.

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