Kunst + Politik : «Ein Wahlkampf ganz ohne Plakate, das wäre meine demokratische Vision»

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Schriftstellerin Melinda Nadj Abonji ist Spitzenkandidatin auf der Nationalratsliste von Kunst + Politik. Warum sie sich für die Kandidatur entschieden hat, obwohl sich Macht und Kunst an sich nicht vertragen.

Melinda Nadj Abonji will die Interpretation der Wirklichkeit nicht den PolitikerInnen überlassen. Foto: Ursula Häne

WOZ: Melinda Nadj Abonji, Sie kandidieren diesen Herbst für den Nationalrat. Sie stehen auf dem ersten Platz der Nationalratsliste Kunst + Politik, gefolgt von 34 weiteren Zürcher Kulturschaffenden wie Ruth Schweikert, Mona Petri oder Stefan Zweifel. Warum zieht es Sie ins Parlament?
Melinda Nadj Abonji: Als mich die Initiantinnen Ruth Schweikert und Johanna Lier und der Initiant Hans Läubli anfragten, ob ich kandidieren wolle, habe ich mir das gut überlegt. Die Liste ist keine Partei – das hat mich überzeugt. Wir haben kein Parteiprogramm, doch es gibt einen Minimalkonsens in der Haltung, die wir haben, und den Positionen, die wir vertreten.

Worin besteht dieser Konsens?
Wir stehen ein für das Völkerrecht, die Menschenrechte, die Meinungsäusserungsfreiheit, Bildung und Kultur. Kultur wird in der gesellschaftlichen und politischen Diskussion meist auf Subventionen, auf das Geld reduziert. Dabei zeichnen die Kultur die geistigen Räume aus, die sie schafft, letztlich die Imagination. Menschen, die künstlerisch tätig sind, haben viel zu sagen zu gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen. Aber wie viele Kulturschaffende gibt es im Parlament? Praktisch keine. Ich finde es sehr wichtig, dass man die Interpretation der Wirklichkeit nicht einfach den Politikern überlässt.

Repräsentiert Ihre Liste von Kulturschaffenden nicht einfach eine weitere Gruppe von Lobbyisten wie die Bauern oder die Pharmavertreter, die im Parlament ihre Eigeninteressen durchsetzen wollen?
Nein, dazu hat niemand von uns die Macht. Ruth Schweikert hat gesagt: «Unsere Schwäche ist unsere Stärke.» Niemand von uns ist mit einflussreichen Leuten aus Politik, Wirtschaft und Medien verbandelt, wie das sonst bei vielen Politikern der Fall ist. Der Kernpunkt liegt darin, dass sich Kunst und Macht grundsätzlich gar nicht vertragen. Max Frisch sagte, Kunst könne keine Gegenmacht sein, sondern sei immer eine Gegenposition zur Macht. Das finde ich sehr treffend.

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Wenn Sie für einen Sitz im Nationalrat kandidieren, streben Sie aber Macht an.
Ja, das ist ein Widerspruch in sich, von dem ich noch nicht weiss, wie ich damit umgehen könnte – allerdings hätten ich und meine Mitstreiterinnen und Mitstreiter auch im Parlament nur eine minimale Macht. Als Künstlerin schöpfe ich viel aus meiner Individualität und Zurückgezogenheit. Als Politikerin würde es mir darum gehen, mit meiner künstlerischen Haltung den eingefahrenen politischen Diskurs aufzumischen.

Warum machen Sie als Künstlerin nicht Kunst, mit der Sie politisch etwas bewirken können, sondern wollen direkt auf der politischen Ebene Einfluss nehmen?
Ich verstehe mich selber von jeher als politische Künstlerin. Und falls ich gewählt werde, bleibe ich im Hauptberuf auch Künstlerin. Wir haben in der Schweiz ja ein Milizsystem, in dem alle Politiker noch fünf, sieben, zehn andere Dinge machen. Warum also nicht auch Kunst? Das Problem ist doch, dass die Kunst einen völlig marginalisierten Wert in unserer Gesellschaft hat. Man hat sich daran gewöhnt, dass sie etwas für den Feierabend ist. Kunst wird mehr und mehr zum Dekor, zu einem «nice to have». Da wird vielleicht mal ein Satz von einem Schriftsteller zitiert, das ist ja gerade bei Bundesräten sehr beliebt, aber das ist es dann auch schon.

Wenn Sie sagen, Kunst habe einen marginalisierten Stellenwert, warum wirken Sie dem nicht als Künstlerin entgegen?
Das mache ich so oder so. Aber der politischen Landschaft fehlt es gegenwärtig an Visionen, die tonangebende Partei schunkelt rückwärts in die Zukunft. In dieser geistigen Atmosphäre der plumpen Angstmacherei und des Ökonomismus braucht es künstlerische Interventionen, Menschen, die sich für mehr Imagination und Solidarität einsetzen. Meine Arbeit als Schriftstellerin würde ich also auf anderer Ebene fortsetzen.

Ihr Arbeitsinstrument als Autorin ist die literarische Sprache. Im Parlament müssten Sie eine ganz andere Sprache sprechen. Macht Ihnen das nicht Angst?
Das kann ich nicht sagen, da ich ja noch keine Erfahrung als Politikerin habe. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass ich mir die Haare raufen würde. Die Phrasendrescherei kommt ja in der Politik nicht zu kurz. Wörter wie «Transparenz», «Effizienz», «Dichtestress» oder «Integration» – ich kann es nicht mehr hören. Die Schönheit und die Wahrhaftigkeit der Worte sollten sich nicht auf die Literatur beschränken.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie gewählt werden, ist sehr klein. Ist die Liste Kunst + Politik mehr als nur ein symbolischer Akt?
Im Vorfeld ist sie sicher ein symbolischer Akt. Man sagt, wir schliessen uns zusammen, nehmen nicht den üblichen politischen Weg, sondern wollen gleich in den Nationalrat. Diese selbstbewusste Haltung, diese Intervention, die ja auch schon viele Diskussionen ausgelöst hat, ist mir wichtig. Allerdings nur, wenn sie über das Symbolische hinausgeht und auch in der Realität greift.

Machen Sie nun Wahlkampf?
Zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Wir haben ja gar kein Geld. Doch gerade dass wir so frei sind von jeglicher Verflechtung von Ökonomie, Politik und Medien, gibt uns Narrenfreiheit.

Nehmen wir an, Sie würden doch gewählt, was wären die Themen, für die Sie sich im Parlament einsetzen würden?
Ein Land, das nicht am europäischen Projekt beteiligt ist, sollte grundsätzlich über Begriffe wie «Neutralität» und «Demokratie» diskutieren. Und wenn man dies tut, soll man nicht gleich angeschwärzt werden. Man könnte beispielsweise den Begriff «Neutralität» auch polemisch kontrastieren mit dem Begriff «Indifferenz». Dann müsste man natürlich über die Finanzierung der Parteien reden: Ist das eine Demokratie, in der die Finanzierung nicht offengelegt wird? Ich möchte vielmehr darüber diskutieren, ob eine demokratische Schweiz vorstellbar wäre, in der es keine politische Werbung gibt. Man weiss, es ist Wahlkampf, aber es gibt keine Plakate. Nirgends. Das wäre für mich eine echte demokratische Vision.

Melinda Nadj Abonji schaffte 2010 mit dem Roman «Tauben fliegen auf» den literarischen Durchbruch. Das Buch wurde mit dem Deutschen und dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Nadj Abonji kam 1968 in Becsej, einer Stadt in der serbischen Provinz Vojvodina, zur Welt, ihre Familie gehörte zur ungarischen Minderheit. Die Eltern kamen als Gastarbeiter in die Schweiz, Nadj Abonji reiste als Fünfjährige nach.

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