Nr. 01/2011 vom 06.01.2011

Die Freiheit, unzweideutig zu schreiben

Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau: Die Libanesin Joumana Haddad bürstet in ihrem neuen Buch alle Erwartungen über «die» arabische Frau gegen den Strich.

Von Rebecca Hillauer

«Ich war schon immer das, was man ein ‹wildes Mädchen› nennt», bescheinigt Joumana Haddad sich auf den ersten Seiten ihres Buchs selbst. Die 1970 geborene Tochter einer konservativen, christlichen, intellektuellen Familie aus Beirut hat es faustdick hinter den Ohren. Zu ihren lebhaftesten Kindheitserinnerungen gehört, wie sie, von unersättlicher Neugier getrieben, kaum dass die Eltern das Haus verlassen hatten, in die riesige Bibliothek ihres Vaters stürmte, «einen vor die Regale gerückten Stuhl erkletterte und nach dem griff, was in den obersten Reihen verborgen stand».

So entdeckte Joumana Haddad mit zwölf Jahren die Schriften des Marquis de Sade.

In diesen frühen Phasen ihres Lebens, schreibt sie, habe es nur zwei Dinge gegeben, die sie zu tun für wert befand, wann immer sie Gelegenheit hatte, allein zu sein: «Die des Lesens und des Masturbierens. Beide Genüsse bedurften der Einsamkeit, um voll ausgekostet zu werden.»

Was zunächst wie die frivolen Eskapaden eines frühreifen Mädchens anmutet, entpuppt sich als ernst zu nehmende Lebensstrategie. Denn Bücher sind die Komplizen des Teenagers gegen die Schrecken des libanesischen Bürgerkriegs (1975–1990), der sie seit ihrer frühen Kindheit begleitet und all die Jahre andauert, in denen sie eine katholische Mädchenschule besucht. Vor dem Pfeifen der Granaten flieht Joumana in die Welt der Bücher – weg von einem Krieg, der «die Zeit schwer und dick werden liess wie Schlamm».

Die Dinge beim Namen nennen

So sei sie trotz der altmodischen Erziehung und der Furcht, die auf ihr lastete, im ihrem Inneren frei aufgewachsen, schreibt sie. Freiheit, so habe sie später gelernt, «beginnt im Kopf und überträgt sich dort auf das eigene Verhalten und die Entfaltung seiner selbst». Dem ersten Gedicht, das sie mit zwölf Jahren schreibt, gibt sie den Titel «Meine Freiheit». Lesen und Schreiben sind ihr Lebenselixier.

Auch später hält sie mit ihren Ansichten und Gefühlen nicht hinter dem Berg, weder als Journalistin noch in ihren Gedichten oder in dem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch «Wie ich Scheherazade tötete. Bekenntnisse einer zornigen arabischen Frau». Wie zornig die Autorin auch sein mag: Ihr grösster Zorn gilt offenbar der arabischen Welt. Ihr Resümee darüber, was es gegenwärtig bedeute, AraberIn zu sein, fällt vernichtend aus: «Schizophrenie, Herdentrieb, Stillstand – drei finstere Tatbestände, die Männer und Frauen gleichermassen betreffen.»

Veränderung, konstatiert Haddad, sei nun einmal nichts, was man importieren könne. Sie selbst beschliesst früh, das Leben einer – wie sie es nennt – «untypischen» arabischen Frau zu führen. So sehr sie die klischeehafte Vorstellung in der westlichen Welt von «der» arabischen Frau verachtet, gesteht sie doch: Dieses Klischee werde für ihre arabischen Schwestern heute mehr und mehr zum Modell. Joumana Haddad sieht die Zeit gekommen, «die Dinge beim Namen zu nennen». Das tut sie – ohne Rücksicht auf die arabische Gepflogenheit, alles Sexuelle fantasievollendet zu umschreiben. Für eine Frau, die in der arabischen Welt explizit erotische Literatur verfasse, sei Freiheit kein blosser Luxus wie für viele andere AraberInnen, sondern eine Lebensnotwendigkeit. Das heisst, «die Freiheit, unzweideutig zu schreiben und zu schockieren, ebenso wie die Freiheit, es nicht zu tun».

Regelmässige Morddrohungen

Mit ihrer Zeitschrift «Jasad» («Körper»), die sie seit zwei Jahren herausgibt, schockiert Joumana Haddad viele ihrer Landsleute. In dem Hochglanzmagazin versucht sie nicht nur, die Tradition der erotischen Literatur in den arabischen Ländern wiederzubeleben: Sie lässt auch Frauen wie Männer von ihren ersten sexuellen Erlebnissen erzählen.

Als Rechnung für diesen Wagemut erhält sie regelmässig Morddrohungen oder Ankündigungen, man werde sie vergewaltigen oder Säure in ihr Gesicht schütten. Gegen diese selbsternannten Sittenwächter, die Weltliteratur wie Nabokovs «Lolita» mit Abscheu betrachteten, schlägt Joumana Haddad mit Worten zurück: Gar nicht abscheulich fänden sie dagegen «die islamische Praxis der institutionalisierten Pädophilie. Wenn ein erwachsener Mann eine Vierzehnjährige heiratet, gilt das als ganz normal.»

Kann Joumana Haddad in ihrem Tun und ihrer Wortwahl so frei nur sein, weil sie Christin und keine Muslimin ist? Diesem Argument kommt die Autorin mit einem Vergleich zuvor: Der Islam trenne nicht zwischen Staat und Religion. Das Christentum trenne Körper und Seele, was auch nicht besser sei. Die Kernfrage sei und bleibe, ob es einen echten, wesentlichen, grundsätzlichen Unterschied zwischen der Situation muslimischer und jener christlicher arabischer Frauen gebe. Ihre Antwort: «Ich fürchte, den gibt es nicht. Auf muslimischer Seite treten Ungerechtigkeit, Doppelmoral und Vorurteile nur deutlicher zutage.»

Bekenntnisse einer Karrieristin

Mit dieser Einstellung hat Haddad es nicht nur geschafft, als Angehörige der christlichen Minderheit erste Feuilletonchefin der arabischen Welt zu werden. Auch in der selbst erwählten Nische einer arabischen Dichterin hat sie das seltene Kunststück vollbracht, in alle europäischen Hauptsprachen übersetzt zu werden. Die Märchenfigur der Scheherazade aus «1001 Nacht» lehnt sie als Vorbild für sich und andere Frauen strikt ab. Deren List, dem Tod zu entrinnen, indem sie den König mit immer neuen Geschichten einlullt, wertet sie als eine Form der Unterwerfung. «Frauen soll eingeredet werden, sie könnten es im Leben zu etwas bringen, wenn sie nur dem Mann gefällig und zu Diensten sind.»

Trotz solcher Kritik ist Joumana Haddads 125 Seiten starkes Büchlein keine gesellschaftspolitische Analyse – und will es auch nicht sein. Es ist vielmehr der autobiografische Essay einer brillanten Schreiberin und arabischen Karrierefrau. «Glauben Sie mich nun zu kennen?», fragt sie am Ende. Die Antwort erübrigt sich: Joumana Haddad, inzwischen vierzig Jahre alt und Mutter zweier halbwüchsiger Söhne, hat die Scheherazade in sich nicht getötet, um nun in eine andere Denkschublade zu passen. «Nichts ist, wie es scheint», zitiert sie zum Abschluss Franz Kafka: «Wir alle, Araber wie Nichtaraber in Ost und West, müssen ihn endlich beim Wort nehmen.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch