Nr. 02/2011 vom 13.01.2011

Revolte ist noch kein Programm

Zehn Jahre nach den Protesten in Davos und Genua wird ein anonymes französisches Buch heiss diskutiert. Könnte es als Anleitung für eine neue Bewegung dienen?

Von Bettina Dyttrich

Vor zehn Jahren war das Wort «Wutbürger» noch nicht erfunden. Aber Wut war genug da in jenem Januar, als die Polizei vor dem World Economic Forum (Wef) Davos abriegelte. Einheimische mussten stundenlang warten, NGO-VertreterInnen wurden durchsucht, sogar einige Wef-TeilnehmerInnen blieben stecken. Die DemonstrantInnen, die aus dem Burgund und der Toskana, aus Hamburg und Wien angereist waren, kamen sowieso nicht durch. Zur Demo in Davos schafften es nur einige gut verkleidete SkifahrerInnen. Der Rest blockierte in Landquart die Autobahn, anschliessend gab es Krawalle in Zürich. Dafür hatte sogar die Boulevardpresse ein gewisses Verständnis: Der «Blick» schrieb von «Polizeiputsch».

Nach den konsumfixierten neunziger Jahren schien es um die Jahrtausendwende plötzlich wieder möglich, über Politik zu sprechen. Über globale Gerechtigkeit zum Beispiel. Vielleicht, so die Hoffnung, liesse sich die Globalisierung der Wirtschaft mit einer Globalisierung des Widerstands bekämpfen.

Karawanen quer durch Europa

Und heute? In Italien demonstrieren sie gegen Silvio Berlusconi, in Britannien gegen Bildungsabbau, in Deutschland gegen ein überdimensioniertes Bahnhofsprojekt, in Griechenland gegen alles. Nur in der Schweiz ist es ruhig, aber sie ist schliesslich auch, wie der Philosophieprofessor Oliver Marchart kürzlich zu «Tages-Anzeiger/Newsnetz» sagte, «mit den neoliberalen Veränderungen lange Jahre sehr gut gefahren». Es ist eine Ironie der Geschichte: Heute ist zwar alles noch ein bisschen globalisierter als vor zehn Jahren, die griechischen Renten hängen von Deutschland und die deutsche Konjunktur von China ab – aber die Proteste sind wieder national geworden. Was wohl einfach daran liegt, dass es überall so viel gibt, wogegen man sich wehren muss.

Was zurzeit von Protest zu Protest reist, sind nicht Menschen, sondern ein Buch: «L’insurrection qui vient», 2007 anonym in Frankreich veröffentlicht, via Internet international verbreitet. Geschrieben wurde es also noch vor der Finanzkrise. Berühmt ist das Buch geworden, weil die französische Regierung es mit Sabotageakten an TGV-Linien in Verbindung brachte und darum vor zwei Jahren neun Personen verhaften liess. Der als Autor verdächtigte Julien Coupat blieb mehr als ein halbes Jahr in Haft (siehe «40 Exemplare Aufstand», WOZ Nr. 8/09). Vergangenen Herbst erschien «Der kommende Aufstand» in der Hamburger Edition Nautilus auf Deutsch und löste heftige Diskussionen in deutschen Feuilletons aus.

Ein halbes Jahr nach dem «Polizeiputsch» von Davos durchquerten unzählige Velo-, Bus- und Eisenbahnkarawanen Europa, um in Genua gegen den G8-Gipfel zu protestieren. Es waren lange Abenteuerreisen, in deren Verlauf sogar Häuser als Zwischenstützpunkte besetzt wurden. 300 000 Menschen kamen nach Genua. Die Demonstrationen und Blockadeversuche dauerten drei Tage. Polizisten verletzten viele DemonstrantInnen schwer und quälten Verhaftete im Gefängnis Bolzaneto. Während einer Strassenschlacht erschoss ein Carabiniere den jungen Aktivisten Carlo Giuliani.

«Die Gegenwart ist ausweglos»

Das «unsichtbare Komitee» wird auch dabei gewesen sein. Die anonymen Autoren beziehen sich zwar stärker auf die Unruhen in den französischen Banlieues von 2005. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie selber daran beteiligt waren. Das Buch ist ebenso sehr ein Echo auf die Antiglobalisierungsbewegung.

«Unter welchem Blickwinkel man sie auch betrachtet, die Gegenwart ist ausweglos.» «Der kommende Aufstand» beginnt mit einer düsteren Beschreibung des heutigen Alltags in Frankreich. «Bis dahin hab ichs im Griff. Die Selbstsuche, meinen Blog, meine Wohnung, den neusten Schwachsinn, der gerade Mode ist, die Paar-, die Sexgeschichten ... was man an Prothesen braucht, um ein Ich aufrechtzuerhalten!» – «Die Arbeit hat restlos über alle anderen Arten zu existieren triumphiert, genau in der Zeit, als die Arbeiter überflüssig geworden sind.» Der Staat ist vor allem präsent in Klatschgeschichten über seine «Eliten». Und in der Polizei. Der Raum ist zu einer riesigen Agglomeration geworden, aber «gerade weil ihr Verschwinden sich vollendet, wird die Stadt jetzt als Geschichte fetischisiert.»

Es ist ein radikal subjektiver Text, und manchmal trifft diese Subjektivität den Punkt: «Man hat unsere Väter angestellt, um diese Welt zu zerstören, jetzt will man uns an ihrem Wiederaufbau arbeiten lassen, und dass dieser dazu noch rentabel sei.» – «Um die Uniformität der Umgebung zu überleben, ist die einzige Option, sich unaufhörlich seine innere Welt zu rekonstruieren wie ein Kind, das überall die gleiche Hütte wieder aufbauen würde.» Empfindsam und verloren wirken sie, wie manche FlugblattautorInnen der Achtzigerbewegung in Zürich: «Das soziale Verhalten besteht jetzt aus tausend kleinen Nischen», wo man «damit beschäftigt ist, zusammen zu zittern».

Aber Subjektivität wird auch schnell entlarvend. Zum Beispiel dort, wo die Autoren eine halbe Seite lang aufzählen, wer «den Westen» repräsentiere: vom GI im Irak über den verirrten Touristen in der Mongolei bis zum «Spanier, dem die politische Freiheit scheissegal ist, seitdem man ihm die sexuelle Freiheit versprochen hat». Alle Erwähnten sind männlich, haben entweder einen Beruf oder eine Nationalität – bis auf «die junge Frau, die ihr Glück in Klamotten, Typen und Feuchtigkeitscremes sucht». Nur ein Detail?

Richtig problematisch wird es dort, wo es um den Aufstand geht. Die poetische Sprache ist sehr hilfreich, um Widersprüche zu verstecken: Sie lehnen alle Organisationen ab – «Das Versprechen, das in der Begegnung enthalten ist, wird sich nur ausserhalb der Organisation und notwendigerweise gegen sie verwirklichen können» –, aber schwärmen davon, wie gut organisiert die Selbsthilfe in New Orleans nach dem Hurrikan Katrina gewesen sei. Sie schnöden über die «Milieus» «mit ihren flexiblen Strukturen, ihrem Tratsch und ihren informellen Hierarchien», aber verklären zugleich «die Kommune», die diese Probleme scheinbar nicht hat. Sie schreiben: «Die Macht konzentriert sich nicht mehr an einem Punkt der Welt, sie ist diese Welt selbst.» Obwohl drei Seiten weiter vorne steht: «Wenn die Macht im Rinnstein liegt, genügt es, sie niederzutreten.»

Ja, gegen Ende des Buches wird die Sprache richtig hässlich. «Verführerisch schön» («Süddeutsche Zeitung») ist da gar nichts mehr – ausser für Kriegsgurgeln. Das Buch erwähnt dauernd revolutionäre Situationen, am liebsten die Pariser Kommune von 1871, fragt aber nie danach, warum sie scheiterten. «Für einen Aufstand ist die Frage, wie er sich unumkehrbar machen kann», heisst es zwar. Das sei erreicht, «wenn man gleichzeitig die Autoritäten und das Bedürfnis nach Autorität, gleichzeitig den Besitz und den Geschmack am Besitztum, gleichzeitig jede Hegemonie und den Wunsch nach Hegemonie besiegt hat». Wie das gehen soll und ob es überhaupt möglich ist, daran wird kein Gedanke verschwendet.

Schön ist der Bürgerkrieg

Auf der letzten Seite skizzieren die Autoren dann ihren Traum vom Aufstand. Da erschiesst ein Manager seine Kollegen, eine Kaserne wird niedergebrannt, und «Listen, die die persönlichen Adressen aller Polizisten und Gendarmen sowie der Angestellten der Gefängnisverwaltung enthalten, sind gerade durchgesickert» – eine Aufforderung zur Selbstjustiz. Gleichzeitig herrscht friedliches Treiben: «Grössere Menschenaufläufe auf den Boulevards diskutieren ernsthaft», und «in die alte Bar-mit-Kramladen bringt man den Überschuss, den man produziert, und besorgt sich, was man braucht». So stellt sich der westeuropäische Revoluzzer also den Ausnahmezustand vor: Die Guten sind immer noch nett zueinander, wenn die Gewalt beginnt, und alle wissen ganz genau, wer die Bösen sind.

Die Rezensenten der deutschen linken Zeitungen prangerten vor allem die Demokratiefeindlichkeit des Buches an. Da heisst es: «Entscheiden ist nur in Notsituationen lebensnotwendig, in denen die Ausübung der Demokratie sowieso gefährdet ist. Für den Rest der Zeit ist der ‹demokratische Charakter des Beschlussfassungsprozesses› nur für Fanatiker der Prozedur ein Problem.»

Das sind tatsächlich grausliche Sätze. Aber den direkten Bezug zu Martin Heidegger und zum Nazi-Juristen Carl Schmitt, den «taz»- und «Jungle World»-Autor Johannes Thumfart hier sieht, gibt es nicht. Überhaupt ist der Text nicht an Deutschland orientiert. Der französischsprachige Raum hat seine eigene Tradition von romantischen Revolutionären: vom Dichter Lautréamont bis zu den Surrealisten und Situationisten (beides fast reine Männerklubs). Die situationistische Sehnsucht nach der Revolte prägte den Pariser Mai 68 mit. In seinem «Handbuch der Lebenskunst für die junge Generation» (1967) schrieb der belgische Situationist Raoul Vaneigem Sätze, die aus «Der kommende Aufstand» stammen könnten: «Keine vergeblichen Streitereien, keine müssigen Diskussionen, kein Kolloquium, kein Forum, keine Woche für marxistisches Denken! Wenn du zuschlagen musst, um dich wirklich zu befreien, schlage zu, um zu töten!»

Action, los jetzt!

Auch wenn es die Verfasser wohl nicht beabsichtigten: Wie Vaneigem, Jean Genet oder André Breton lässt sich «Der kommende Aufstand» als Literatur lesen. Viele tun das auch. Ein begeisterter deutscher Blogger schreibt: «Kein Film kann so schnell sein wie der innere Monolog, der dir aus diesem Text entgegenspringt. Er rückt der Welt auf den Leib wie ein Irrer, der den ärztlichen Befund seiner Verrücktheit als Lizenz begrüsst.»

«Der kommende Aufstand» hat versucht, aus der romantischen Revolte ein politisches Programm zu machen – und damit gezeigt, wie wenig sie als solches taugt.

Beim Schreiben über Demokratie dachte das «unsichtbare Komitee» wohl weniger an Staaten und Parlamente als an Vollversammlungen. Etwa an die langen Diskussionen rund um die Gipfelproteste, die Versuche, möglichst alle einzubinden. Das «unsichtbare Komitee» vertritt die Arroganz jener, die diese Versuche verachteten: Hört auf zu schwafeln, Action, los jetzt!

In einem neueren Communiqué heisst es: «Die Bullen, die Gewerkschaften und andere informelle Bürokratien brauchten nicht mehr als drei Jahre, um die kurzlebige ‹Antiglobalisierungsbewegung› zu entschärfen. Sie zu kontrollieren. Sie in verschiedene ‹Kampfgebiete› zu trennen, jedes so profitabel wie steril.» Wie das zu verhindern gewesen wäre, schreiben sie nicht. Dass es die Bewegung heute nicht mehr gibt, hat viele Gründe (siehe «Die grosse, nützliche Illusion», WOZ Nr. 29/08). Mehr Militanz hätte jedenfalls nichts verbessert: Direkte Konfrontationen gewinnt immer die Polizei.

Eine andere Welt bleibt nötig. Aber dieses Buch hilft da nicht weiter.

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