Nr. 02/2011 vom 13.01.2011

Beseelt bei der Arbeit

Der Arzt Peter Frei, ein politisch engagierter Zeitgenosse und Gründer der Zürcher Praxisgemeinschaft Plaffenwatz, verstarb am 26. November 2010 72-jährig an den Folgen eines Unfalls.

Von Bruno Maggi

Am 17. Dezember 2010 war die Beerdigung von Peter Frei im Friedhof Sihlfeld. Neben seiner Familie nahmen gegen 300 Menschen daran teil. Solche, die ihm nahestanden, solche, denen er viel bedeutete, und viele, die ihm vieles verdanken. Ich traf Peter 1976 zum ersten Mal, als ich seinen Partner in der Praxis vertrat. So lernten wir uns kennen. Kurz darauf wollte er mich als Vertreter, und er erklärte mir, was er von einem Vertreter erwarte. Schon damals beeindruckten mich seine Fachkompetenz und seine direkte, aber stets respektvolle Art und sein Engagement für seine PatientInnen.

Einige Monate später befand ich mich in einer Krise und suchte Peter als Patient auf. Er konnte mir gut helfen und engagierte sich mehr, als man von einem Arzt üblicherweise erwarten durfte. Vier Jahre später begann ich neben ihm in der Praxisgruppe Plaffenwatz an der Zürcher Waffenplatzstrasse zu arbeiten. Die­se Gruppe hatte er gegründet, aufgebaut und mit FreundInnen zusammen auch die nötigen juris­tischen und materiellen Voraussetzungen geschaffen.

Von ihm lernte ich viel medizinisches Handwerk und Wissen; wie beispielsweise ambulante Abtreibungen und Vasektomien, aber auch vieles über den Umgang mit randständigen Menschen. Sein Wissen – das einzige Gut, das sich durch Teilen vermehren lässt – teilte er freigebig und unterstützte uns Junge beim Betreten medizinischen Neulands. Peter war ein guter und leidenschaftlicher Lehrer. Uns Jungen lebte er vor, dass ein Arzt neben der fachlichen Kompetenz auch einen menschlichen und vertrauensvollen Kontakt zu seinen PatientInnen haben soll.

Gewisse Situationen verlangten auch ein politisches Engagement und damit eine politische Haltung. Ich erinnere an die «Bewegig» von 1980, als Peter innert weniger Tage die ­«autonome Sanitätsgruppe» gründete und leitete. Diese war an den Demos vor Ort, um Verletzte zu bergen. Der Plaffenwatz war dann die Basis für die weitergehende medizinische Betreuung.

Im Laufe der Zeit hörte ich viele wichtige Sätze von ihm: «Im Leben musst du eine menschliche Karriere machen.» – «Der Begriff Notfall wird durch den Patienten definiert.» – «Mit der Seele bei der Arbeit sein und die Seele des Gegenübers wahrnehmen.» – «Da wo die Angst ist, da musst du hin.» – «Da warten Möglichkeiten der Entwicklung.» – «Ein jeder sei in seinem Innersten wie ein Stein» (Paracelsus). Peter war eine charismatische Persönlichkeit. Es war nicht immer einfach, neben ihm zu bestehen. So hatten wir manche Konflikte auszufechten. Als junger Arzt musste ich mich an ihm reiben und mich gegen ihn behaupten. Die Konflikte waren intensiv, aber immer von gegenseitigem Respekt getragen. Er wollte – visionär – immer weiter schreiten. Dabei zog und drängte er uns. Wir Junge konnten an ihm wachsen, aber ihm nicht immer folgen. Von ihm lernten wir, dass man gewisse Sachen besser auf eine andere Art anpacken sollte, als er es vorlebte.

Dank Peter und seinem Kind Plaffenwatz entstanden direkt oder indirekt viele andere Gruppenpraxen. Ende 1987 löste sich der ­Plaffenwatz als Arztpraxis auf. Das Haus gehörte aber weiterhin der «linken Bewegung», einem linken Aktionariat. Die WOZ mietete die Liegenschaft für einige Jahre und wurde auch Aktionärin. Im Jahr 2009 wurde die Gesellschaft dann liquidiert und der Gewinn verteilt. Er kam verschiedenen Projekten der Linken in Zürich und auch an anderen Orten zugute. Die am Plaffenwatz direkt Beteiligten bekamen kein Geld zu sehen. Das war seit Beginn in den Statuten festgeschrieben.

Die letzten Jahre lebte Peter mit seiner Frau Elisabeth, die auch in der Praxisgruppe gearbeitet hatte und ihn immer unterstützte, kritisierte und förderte, in einer einfachen Genossenschaftswohnung. Peter Frei war ein Proletariersohn, der sich emanzipierte, viel Gutes für die ProletarierInnen tat, ohne sich dabei zu bereichern, und als aufrechter Proletarier starb.

Wir Schüler, die wir mittlerweile auch schon um die sechzig Jahre alt sind, werden ihn für immer in bester Erinnerung behalten. Aber Peter soll das letzte Wort haben – mit einem Gedicht, das er am 27. Oktober, einen Monat vor seinem Tod, verfasste:

Als ich Dann und Wann / zu spüren begann, / da war ich so weit/ und spürte die Zeit.
Die Zeit ist Dein Vermögen. / Die Zeit ist alles, was Du hast. / Doch eines musst Du wissen, / Du bist hier nur zu Gast.

Das Kino Xenix in Zürich zeigt im Gedenken an Peter Frei am Donnerstag, 13. Januar 2011, um 15 Uhr, den Film «Lieber Herr Doktor». Er hatte ihn zusammen mit Hans Stürm als Propagandafilm für die Abstimmung über die Volksinitiative für die Fristenlösung im September 1977 realisiert.

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