Nr. 04/2011 vom 27.01.2011

Selbstjustiz und Sicherheit

Von Bettina Dyttrich

Neulich im Kino: «Die Waffe gehört nicht ins Zeughaus! Die Waffe gehört zum Soldaten!» Der Mann im Kinosessel ereifert sich. «Was denken Sie, wenn das so weitergeht mit der Zuwanderung? Dann muss irgendwann die Armee eingreifen!» Die Frau neben ihm, die er offenbar gerade erst kennengelernt hat, bringt keine Gegenargumente. Sie lacht nur ungläubig über das Szenario, das er entwirft. Wie stellt er sich das wohl vor? Wird die «Zuwanderung» in gut organisierten Horden die Schweiz überrennen? Und wird die Schweiz dann gerettet, weil jeder Wehrmann sein Gewehr aus dem Schrank holt und möglichst viele von denen erschiesst?

Offiziell bekämpft die SVP die Initiative mit dem Argument der bedrohten Schweizer Schützentradition. Doch damit überzeugt sie wohl nicht einmal die SchiesssportlerInnen unter ihren Mitgliedern. Diese wissen, dass die Initiative Jagd und Schiesssport nicht gefährdet – Mitglieder von Sportschützenvereinen, die eine Lizenz haben, dürfen die Waffe zu Hause behalten. Was viele Männer offenbar fürchten, ist etwas anderes: das Gefühl zu verlieren, selber für «Recht und Ordnung» sorgen zu können. Die «Waffenmonopol für Verbrecher?»-Plakate spielen auf die Selbstjustiz an, und der St. Galler SVPler Lukas Reimann, vereidigter Nationalrat, hält sie offenbar für legitim: «Bei entwaffneten Bürgern haben Einbrecher künftig leichtes Spiel», sagte er kürzlich an einer Podiumsdiskussion.

Sicherheit gilt als Thema der Rechten – schliesslich reden sie pausenlos darüber. In diesem Abstimmungskampf spricht nun aber auch die Gegenseite davon: Zwei Definitionen von Sicherheit, die wenig miteinander zu tun haben, prallen aufeinander. Und hier wird aus der Abstimmungsfrage eine Geschlechterfrage: Während sich die SVP-Männer einen bösen Feind vorstellen, der von aussen kommt, wissen viele Frauen, dass der «Feind» kaum draussen vor der Tür lauert, sondern viel öfter drinnen, in der Familie oder im Bekanntenkreis. Gewalt droht Frauen nur selten von Fremden, in fast allen Fällen kennt das Opfer den Täter. Dass die meisten Frauen etwas anderes unter Sicherheit verstehen als Männer, verwundert daher nicht.

Wie verlogen das rechte Reden über Sicherheit ist, zeigt Ueli Maurers Witz an der SVP-Delegiertenversammlung vor zwei Wochen: «Ich habe den Eindruck, wir haben in der Schweiz komische Frauen. Sie heiraten Verbrecher, und kaum sind sie verheiratet, werden sie von morgens bis abends mit einer Waffe durch die Wohnung gejagt.» Sogar beim Lesen ist der Genuss noch hörbar, den der Bundesrat bei dieser Vorstellung empfunden haben muss. Sexualisierte Gewaltfantasien sind ein wichtiger Teil des Soldatenjargons, und besonders sexuell aufgeladen ist dabei der Umgang mit dem Sturmgewehr. Militärsprache lügt nicht: Das Gewehr ist die «Braut des Soldaten», in der Schweiz auch «Donnersusi» genannt. Die persönliche Waffe nehme man sogar in den Schlafsack mit, vermerken die Mitglieder des Infanteriebataillons 70 auf ihrer privaten Website.

Es sei nicht das Gewehr, das töte, sondern der Mensch, sagen WaffenlobbyistInnen gerne. Aber die Macht, die ein Mensch bekommt, sobald er ein Gewehr in der Hand hat, verändert alles – ihn selbst genauso wie die anderen Anwesenden. Wer das bestreitet, ist entweder bewusst ignorant oder naiv. Natürlich kann ein Familienvater auch ohne Sturmgewehr auf die Idee kommen, Frau und Kinder ins Jenseits zu befördern. Aber die Umsetzung ist etwas schwieriger.

Das Gleiche gilt für Suizid: «Sich mit der Waffe umbringen zu wollen, ist leider ein zu 98 Prozent ‹todsicheres› Vorhaben», schreibt die Schweizer ÄrztInnenvereinigung FMH. Nach einem Suizidversuch mit Tabletten sind die Überlebenschancen viel höher. Auch das hat mit Sicherheit zu tun: nicht nach Hause kommen und den Freund oder Sohn mit weggeschossenem Kopf finden zu müssen.

Der rechte Sicherheitsdiskurs ist vor allem Ideologie. Er macht die Welt nicht sicherer – im Gegenteil. Weil sich Probleme nicht, wie die Rechten suggerieren, «aus der Welt schaffen» lassen, auch nicht mit grösseren Gefängnissen und Verwahrung. Der grösste Unsicherheitsfaktor ist Ungleichheit. Und die fördert die SVP tatkräftig. Seit Jahrzehnten.

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