Nr. 41/2012 vom 11.10.2012

Der grausame Tod des Pedro Rodríguez Tomá

Im Städtchen San Juan Cotzal wurde ein Polizist öffentlich mit Benzin übergossen und verbrannt. Die Täter: die heute als Bürgerwehr organisierten Todesschwadronen des Bürgerkriegs. In keinem anderen Land werden so viele Menschen gelyncht wie in Guatemala.

Von Toni Keppeler und Cecibel Romero (Text) sowie Simon Bretscher (Illustration)

San Juan Cotzal, 1. November 2009: Der sechzehnjährige Alejandro Tomá wird festgenommen, weil er «wie ein Marero aussieht». Sein Vater Pedro Rodríguez Tomá will ihm zu Hilfe eilen und wird der Menge als Verbrecher präsentiert – und später auf dem Platz vor der Kirche verbrannt.

San Juan Cotzal ist eine kleine Idylle, fast schon ein bisschen kitschig. Das Städtchen liegt am Fuss der fast 3000 Meter hohen Bergkette Los Cuchumantanes im satten Grün des Hochlands in der Provinz Quiché, 270 Kilometer nördlich von Guatemala-Stadt. Kleine bunt gestrichene Häuschen mit roten Ziegeldächern in engen gepflasterten Strässchen mit hohen Bürgersteigen. In der Mitte ein Platz mit Blumenrabatten vor einer weiss getünchten Kirche mit drei gedrungenen offenen Türmen. In jedem von ihnen hängt eine Glocke. An Festtagen tragen die Männer noch immer die Tracht der Ixil, einer zu den Maya gehörenden Ethnie: einen weissen Sombrero aus Palmstroh mit schwarzen und lila Bändern, ein weisses Hemd unter der roten Jacke und eine dunkle weite Hose, die nur knapp übers Knie reicht. Die Frauen gehen immer in der bunten Tracht der Maya. Man könnte hier, ohne dass viel am Stadtbild verändert werden müsste, einen mexikanischen Western drehen.

Und da ist noch etwas in San Juan Cotzal, das – neben der folkloristischen Oberfläche – zum Genre des Westerns passt: Auch in diesem Städtchen wurde gelyncht, noch in jüngster Zeit, wie in so vielen Städtchen und Dörfern Guatemalas. Vor allem hier oben im überwiegend von Maya besiedelten Nordwesten. Die Fälle kollektiver Selbstjustiz an Schuldigen und Unschuldigen hat seit dem Ende des Bürgerkriegs (1960–1996) sprunghaft zugenommen. 1996 wurden nach Zahlen des Uno-Hochkommissariats für Menschenrechte in Guatemala knapp 50 Menschen Opfer von Lynchjustiz. Im Jahr 2000 waren es schon über 100, im vergangenen Jahr fast 300.

Unter all diesen Fällen ist der Lynchmord von San Juan Cotzal ein besonderer. Nicht etwa weil das Opfer ein Unschuldiger war, sogar ein Polizist in Uniform. So etwas kommt bisweilen vor. Es ist der derzeit einzige Fall, in dem der Anstifter verhaftet und verurteilt wurde: José Pérez Chen, der Bürgermeister der Stadt, wurde fast drei Jahre nach der Tat zu 82 Jahren Haft verurteilt.

«Maya-Gerechtigkeit»

Es geschah am 1. November 2009, dem Tag vor Allerseelen. Es war ein sonniger Tag mit wolkenlosem Himmel. Der frische Wind hatte allen Dunst verweht, die Berge am Horizont standen im klaren Licht. Diego Sembrano hatte den Morgen damit verbracht, zwei Drachen zu basteln, einen für sich und einen für seinen vierjährigen Neffen Dieguito. Allerseelen ist in Guatemala ein fröhlicher Feiertag: Man geht auf den Friedhof, schmückt die Gräber mit Blumen, isst und trinkt und plaudert und singt in der Gemeinschaft mit den Toten. Und weil meistens ein Wind geht um diese Jahreszeit, lässt man auch gerne Drachen steigen. Doch dazu fehlte Sembrano der Faden. Er ging ins Zentrum, um welchen zu kaufen.

Dort herrschte an diesem Tag geschäftiges Gewusel. Vor allem die BlumenverkäuferInnen machten gute Geschäfte. Ein Lautsprecherwagen fuhr durch die Strassen und forderte die Menschen auf, sich auf dem Platz vor Rathaus und Kirche zu versammeln. Sembrano ging hin. Dort standen schon bestimmt zweihundert Männer und Frauen dicht gedrängt. Vorne vor dem Rathaus stand Bürgermeister José Pérez Chen, eskortiert von ein paar mit Flinten bewaffneten Männern des «lokalen Sicherheitskomitees» (CSL), einer privaten Bürgerwehr, die im Auftrag des Bürgermeisters in San Juan Cotzal für Recht und Ordnung sorgt. Neben Pérez Chen stand Pedro Rodríguez Tomá, Polizist im fünfzehn Minuten entfernten Städtchen Chajul, in Uniform und mit geschwollenem blutig geschlagenem Gesicht. Rodríguez Tomá sei ein Verbrecher, sagte der Bürgermeister. Man werde ihm jetzt «Maya-Gerechtigkeit» widerfahren lassen. Sembrano ahnte Grausiges, zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, hielt es in Brusthöhe und filmte.

Grundprinzip Gewaltlosigkeit

Diego Sembrano ist ein ruhiger und überlegter Mann. Am Tag nach diesem Vorfall wurde er 32 Jahre alt. Er ist Maya, klein und ein bisschen gedrungen, mit Mandelaugen und diesem fast ins Olivgrüne gehenden dunklen Teint. Sein kurz geschorenes Haar ist rabenschwarz und störrisch. Meist trägt er eine Baseballmütze darüber. Sembrano ist gelernter Psychologe und arbeitete damals für ein kleines privates Hilfswerk, das sich um die Aufarbeitung der im Bürgerkrieg erfahrenen psychosozialen Traumata in Maya-Gemeinden kümmert.

«Ich habe nicht lange gefilmt», erzählt er heute, «vielleicht eine Minute.» Aber viele der Umstehenden hätten das mitbekommen, auch der Bürgermeister. Der habe dann seine Sicherheitstruppe angewiesen, ihm das Mobiltelefon wegzunehmen. Sembrano steckte es schnell in die Hosentasche. «Aber da kamen sie schon, ein paar von hinten, ein paar von der Seite und wieder andere von vorne. Sie haben mich heftig verprügelt. Ich ging zu Boden, sie haben mich getreten.» Ein Mann schlug ihm mit dem Kolben seiner Schrotflinte ins Gesicht. Die rechte Augenbraue platzte auf, Sembrano verlor die Besinnung. «Aber ich kann mich noch genau an das Gesicht dieses Mannes erinnern.»

Freunde haben Sembrano aus dem Gemenge gezerrt und zur nächsten Krankenstation gebracht. Kurz nachdem er den Häschern entkommen war, wurde der Polizist Rodríguez Tomá mit Benzin übergossen und angezündet. Er starb auf dem Platz vor der Kirche. Sembrano hat das erst am nächsten Tag erfahren. Das Mobiltelefon konnte er retten. Es war ein Beweismittel der Staatsanwaltschaft.

Bürgermeister Pérez Chen hatte schon vorher gerne von «Maya-Justiz» gesprochen und das, was er darunter versteht, auch angewendet. Als vor fünf Jahren im Städtchen die erste Jugendbande auftauchte, liess er ihre Mitglieder festnehmen und öffentlich verprügeln. Einmal, Ende 2008, hat er gleich zwanzig Mitglieder der örtlichen Gang aufgreifen und halb nackt auf dem Platz vor der Kirche ausstellen lassen. Danach zwang er sie zur Arbeit im Strassenbau – ohne Lohn.

«Wir haben beschlossen, sie nach Maya-Recht zu bestrafen, weil unsere Gerichte nichts tun», brüstete er sich damals in der Presse. «Wir wollen sie ja nicht gleich umbringen; wir zwingen sie nur, vernünftig zu werden, damit sie aufhören, ehrbare Bürger zu belästigen.» Seine Helfer waren immer die Männer vom lokalen Sicherheitskomitee. «Sie sind ein Modell, das andere Gemeinden nachahmen sollten», sagte der Bürgermeister damals. Sie hätten es immerhin geschafft, die Kriminalitätsrate in der Gemeinde um 1,5 Prozent zu senken.

Dass es überwiegend Maya sind, die lynchen, muss in der guatemaltekischen Presse oft als Erklärung für das grausige Phänomen herhalten. Kolumnisten schreiben von «kulturellen Mustern» aus dem «Gewohnheitsrecht der Indígenas», die solche Akte der Selbstjustiz fördern würden. Die Gewalt und Grausamkeit des 36 Jahre währenden Bürgerkriegs habe diese Muster verstärkt, Defizite des Staats bei der öffentlichen Sicherheit täten ihr Übriges: Wenn die Polizei unterbesetzt und schlecht ausgebildet ist und die Gerichte so ineffektiv und korrupt sind, dass nur zwei Prozent aller angezeigten Verbrechen ein rechtskräftiges Urteil zur Folge haben, dann dürfe man sich nicht wundern, dass Menschen mit solchem kulturellem Hintergrund das Gesetz in die eigenen Hände nähmen.

Alles Hirngespinste, die auf dem bis heute weitverbreiteten Rassismus der mestizischen und weissen Mittel- und Oberschicht Guatemalas gegen die überwiegend arme indianische Bevölkerungsmehrheit gewachsen sind, sagt Eduardo Sacayón. Lynchmorde hätten mit Maya-Gerechtigkeit nichts zu tun. Im Gegenteil: «Ein Grundprinzip der traditionellen Maya-Justiz ist die Gewaltlosigkeit.» Sacayón muss es wissen: Der gelernte Sozialpsychologe ist Direktor des Instituts für interethnische Studien an der staatlichen San-Carlos-Universität von Guatemala-Stadt. Ziel der traditionellen Maya-Justiz sei es, die durch ein Vergehen gestörte Harmonie in einer Gemeinschaft wieder herzustellen, sagt er. Die Strafen waren ursprünglich rein symbolisch. «Sicher, es wurden dabei auch Seile eingesetzt. Es gab Fesselungen. Aber ohne Schmerz für den Delinquenten.» Das Ziel des Verfahrens seien die Einsicht und Reue des Angeklagten und das öffentliche Versprechen, sich zu ändern. Nur in ganz gravierenden Fällen – wenn eine Wiederherstellung der Harmonie zusammen mit dem Delinquenten unmöglich zu sein schien – wurde der Angeklagte aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Er musste das Dorf verlassen.

Sacayón gesteht zu, dass es die «reine Form der Maya-Gerechtigkeit» nicht mehr gibt. «Auch dieses Rechtssystem ist Einflüssen von aussen ausgesetzt, entwickelt sich weiter, wird kontaminiert.» Es gebe heute Fälle von Prügelstrafen und Auspeitschungen. Die Serie der Lynchmorde aber sei kein ethnisches Phänomen. Sie haben zwar in meist abgelegenen Maya-Gemeinden begonnen, längst aber auch die Städte erreicht. Selbst in Guatemala-Stadt wird heute gelyncht, auch von Mestizen und Weissen. Und prinzipiell gelte noch immer: «Das Kriminalitäts- und Gewaltniveau in indianischen Gegenden ist deutlich geringer als im nationalen Durchschnitt.» Die Statistiken im Büro des staatlichen Menschenrechtsbeauftragten bestätigen das.

«Schnappt euch den Jungen!»

95 Prozent der rund 20 000 EinwohnerInnen von San Juan Cotzal sind Maya. Bürgermeister Pérez Chen, der vor seiner Wahl Direktor der örtlichen Volksschule war, gehört ebenso dieser Ethnie an wie seine Häscher vom lokalen Sicherheitskomitee. «Man kennt diese Leute in der Stadt», sagt Diego Sembrano. «Sie waren früher bei den Zivilen Selbstverteidigungspatrouillen, und der Bürgermeister hat sie dann zu lokalen Sicherheitskräften gemacht.»

Diese Selbstverteidigungspatrouillen, in Guatemala nach ihrem spanischen Kürzel PAC genannt, waren im Bürgerkrieg von der Armee als paramilitärische Einheiten aufgebaut worden. Sie waren die Spitzel und Todesschwadrone der Armee in den sogenannten Modelldörfern, in denen die traditionell in Streusiedlungen lebende indianische Bevölkerung zur besseren Kontrolle zusammengefasst wurde. Meist waren ihre Mitglieder zwangsrekrutiert worden. Rund um San Juan Cotzal hat die Armee damals die Modelldörfer Santa Avelina, San Felipe Chenlá und Ojos de Agua errichtet. Die Landbevölkerung wurde mit Massakern in diese neuen Siedlungen gezwungen.

«Die Struktur des lokalen Sicherheitskomitees ist heute noch dieselbe wie damals bei den PAC», sagt Sembrano. «Sie haben einen Kommandanten, mehrere Züge, und sie haben dieselben Waffen.» Meist sind es keine Kriegswaffen wie Sturmgewehre, die der Armee vorbehalten sind, sondern Pistolen und einfache Flinten. «Am Anfang haben sie nur die Mitglieder der Jugendbanden festgenommen, und das zeigte auch Wirkung.» In San Juan Cotzal sind diese in Zentralamerika «Maras» genannten Gangs – anders als in den meisten anderen Städten Guatemalas – heute kein Problem.

Auch dem Lynchmord am Polizisten Pedro Rodríguez Tomá ging die Verhaftung eines jungen Mannes voraus, den der Bürgermeister für das Mitglied einer Jugendbande hielt: Alejandro, der damals sechzehnjährige Sohn des Polizisten. Er war am Morgen des 1. November 2009 zusammen mit einem Freund und seiner Tante Teresa Gómez über den Platz vor der Kirche gegangen, als der Bürgermeister im Auto vorbeifuhr. Der Bürgermeister hielt an. «Sie wechselten Blicke», erzählt Gómez. Und ja, der Blick von Alejandro sei ein bisschen abschätzig gewesen, so von unten herauf durch die schwarzen Stirnfransen hindurch, die ihm über die Augen fielen.

Der Bürgermeister stieg aus seinem Wagen und wies seine beiden Leibwächter an: «Schnappt euch den Jungen. Der gehört zu einer Mara. Sperrt ihn in eine Zelle.» So geschah es. «Sie haben ihm im Gefängnis die Haare geschnitten», erzählt seine Tante. «Sie sagten, er sehe aus wie ein Marero. Er hatte halt ein bisschen längere Haare und benutzte Gel.» Mitglieder von Maras dagegen trugen damals ihr Haar millimeterkurz.

Die Tante erzählte Alejandros Mutter von der Verhaftung, und die ging zusammen mit seiner Grossmutter ins Gefängnis, um ihren Jungen herauszuholen. Sie sei dort beschimpft worden und geschlagen, so sehr, dass man sie im Krankenhaus habe behandeln müssen. Die beiden Frauen riefen den Vater zu Hilfe.

Handgemenge am Friedhof

Der kam, direkt vom Dienst im Nachbarstädtchen, in Uniform und mit Pistole. Im Rathaus verlangte er den Bürgermeister zu sprechen. Der sei gerade auf dem Friedhof, um das Grab der Familie zu schmücken, gab man ihm zur Auskunft. Man werde nach ihm rufen. Er müsse aber seine Dienstwaffe abgeben; bewaffnet könne er nicht mit dem Bürgermeister sprechen. Was danach passiert ist, ist nie richtig aufgeklärt worden. Offenbar hat sich der Polizist geweigert, seine Pistole auszuhändigen, und es kam zu einem Handgemenge. Dabei löste sich ein Schuss. Es ist unklar, ob er aus der Pistole des Polizisten kam oder aus einer der Waffen der Mitglieder des lokalen Sicherheitskomitees. Ballistische Untersuchungen gab es nie. Jedenfalls wurde einer der Leibwächter des Bürgermeisters am Bein getroffen, danach wurde der Polizist überwältigt.

«Er muss ganz furchtbar verprügelt worden sein», sagt Diego Sembrano. «Bekannte haben mir erzählt, man habe seine Schreie noch hundert Meter weiter gehört.» Später behaupteten Mitglieder des Sicherheitskomitees, Rodríguez Tomá habe versucht, den Bürgermeister zu ermorden.

Draussen auf dem Platz vor Kirche und Rathaus, als Bürgermeister Pérez Chen den zusammengeschlagenen Rodríguez Tomá dem versammelten Volk als Verbrecher präsentierte, hatte niemand den Mut, etwas dagegen zu sagen. Polizisten sind in Guatemala nicht gut angesehen. Man hält sie mindestens für unnütz, meist für korrupt, im schlimmsten Fall für Komplizen der Verbrecher, und oft genug sind sie das auch. Nur die Mutter von Rodríguez Tomá habe sich getraut, noch einmal zu ihrem Sohn zu gehen. Sie habe ihm die Hand auf den Arm gelegt und ihm zugeflüstert: «Bete, mein Sohn. Mehr kannst du nicht mehr tun.» Diego Sembrano zog sein Mobiltelefon aus der Hosentasche, schaltete den Videomodus ein und zeichnete auf, bis Pérez Chen die Männer seines Sicherheitskomitees auf ihn hetzte.

Nachkriegsphänomen Lynchjustiz

Solche aus den Zivilen Selbstverteidigungspatrouillen entstandenen Bürgerwehren gibt es heute in vielen Dörfern und Städten Guatemalas. Die PAC waren zwar nach dem Bürgerkrieg aufgelöst worden, ihre Mitglieder aber hatten nie Ruhe gegeben. Zunächst forderten sie von der Regierung mit gewalttätigen Demonstrationen und Strassenblockaden Entschädigungen für ihre «Verdienste fürs Vaterland». Unter der Regierung des konservativen Präsidenten Oscar Berger (2004–2008) wurden sie offiziell genehmigt – mit derselben Rechtfertigung wie damals die PAC: Sie sollten die staatlichen Sicherheitskräfte bei der Bekämpfung der Kriminalität unterstützen.

Das Muster, nach dem sie vorgehen, sei noch immer dasselbe und habe mit Maya-Kultur nichts zu tun, sagt Carlos Sacayón vom Institut für interethnische Studien. «Die Maya lebten bis zum Bürgerkrieg sehr abgeschlossen in ihren Gemeinden, hatten ihre eigenen traditionellen Führer und ihre eigenen Strukturen. Sie regelten ihre Angelegenheiten selbst.» Die öffentliche Verwaltung habe sich schlicht nicht um sie gekümmert. «Erst mit dem Krieg kam der Staat in diese Gemeinden, als repressive Armee.»

Die Guerilla operierte damals vor allem in von Maya besiedelten Gegenden. Und weil die Armee dem gejagten Fisch das Wasser entziehen wollte, ging sie gegen die indianische Zivilbevölkerung vor. Die traditionellen Führer wurden ermordet. «Die Maya haben den Staat kennengelernt als einen, der mordet und zerstört und sie ohne Führung zurücklässt», sagt Sacayón. Das entstandene Vakuum sei dann von neuen Führern gefüllt worden: den PAC. «Mit ihnen kam die Herrschaft des Terrors, und es war besonders perfide, dass man Maya benutzte, um Maya zu ermorden.» Opfer und Täter kamen aus demselben Dorf. Guerilleros oder solche, die man dafür hielt, wurden vor versammelter Gemeinde erschossen oder erschlagen, ohne Prozess. «Das schuf ein neues Muster der Gewalt.» Die lokalen Sicherheitskomitees haben es von den PAC übernommen. Sie kannten nie ein anderes. Aus den aussergerichtlichen Exekutionen des Bürgerkriegs wurden Lynchmorde. Lynchjustiz wie im Fall von San Juan Cotzal hat in Guatemala keine Tradition. Sie ist ein reines Nachkriegsphänomen. Und sie ist nicht spontan, sondern geplant. «Es wird richtig dazu mobilisiert», sagt Sacayón. «Mit Lautsprecherwagen, mit Trillerpfeifen, mit Kirchenglocken. Manchmal sogar mit direkten Aufrufen in Maya-Sprachen in den lokalen Radiosendern.»

Weil dabei Opfer und Täter so eng miteinander verflochten sind, ist lange keines dieser Verbrechen aufgeklärt worden. «Wer fragt, stösst nur auf eine Mauer des Schweigens», sagt Francisco Guaré von der staatlichen Menschenrechtsanwaltschaft. Die einen redeten nicht, weil sie Täter sind oder mit ihnen verwandt, die anderen, weil sie Angst haben. Nur Diego Sembrano hat sich entschlossen, den Tod des Polizisten Pedro Rodríguez Tomá anzuzeigen und der Staatsanwaltschaft sein Mobiltelefon als Beweismittel zu übergeben.

Endlich festgenommen

Trotzdem dauerte es über ein Jahr, bis am 15. Dezember 2010 ein Haftbefehl gegen Bürgermeister Pérez Chen erlassen wurde. Die Staatsanwaltschaft warf ihm eine aussergerichtliche Hinrichtung, Folter, Anstiftung zu einem Verbrechen, Körperverletzung, illegale Festnahme und Amtsmissbrauch vor. Pérez Chen tauchte unter.

Im Februar 2011 fand der erste Versuch statt, den Gesuchten festzunehmen. Tausend Polizisten und 200 Soldaten rückten auf Pick-ups und Mannschaftslastwagen in San Juan Cotzal ein, mit schwarzen Kapuzen über dem Gesicht und geschützt von schusssicheren Westen und Stahlhelmen. Im Nachbardorf wurden weitere 500 Polizisten und Soldaten als Verstärkung stationiert. Eine Helikopterstaffel stand bereit, um sie schnell zum Einsatz fliegen zu können. Das lokale Sicherheitskomitee wurde entwaffnet, sieben seiner Mitglieder verhaftet. Es kam zu einem Volksauflauf, zu Gerangel zwischen Polizisten, Soldaten und den Angehörigen der Verhafteten. Armee und Polizei zogen sich fluchtartig zurück. Der Bürgermeister wurde nicht gefunden. Der wurde erst am 26. Juni vergangenen Jahres geschnappt, bei einer zweiten gross angelegten Suchaktion, bei der San Juan Cotzal ein ganzes Wochenende lang von Armee und Polizei besetzt worden war. Seither sitzt Pérez Chen in Haft, im August dieses Jahres wurde er verurteilt.

Diego Sembrano musste nach der Anzeige San Juan Cotzal verlassen. Er lebt heute unter anderem Namen in einer anderen Stadt. Die Staatsanwaltschaft lässt ihn rund um die Uhr von Leibwächtern schützen. Auch die Familie von Pedro Rodríguez Tomá hat San Juan Cotzal verlassen. Sein Sohn und seine Frau wollen über die Vorfälle damals nicht reden.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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