Nr. 06/2011 vom 10.02.2011

Wenn die Stadt zum Dorf wird

Cleveland schrumpft. In den letzten sechzig Jahren ist die Bevölkerungszahl von 900000 auf etwas mehr als 400000 gesunken. Die Verbliebenen suchen in der Brachenlandschaft nach Strategien für ein neues Stadtleben.

Von Daniel Stern, Cleveland

«Es gibt hier so viel Land, und die Erde ist so fruchtbar», sagt Mansfield Franzier. Wir stehen mitten in einem Wohnquartier in der alten Industriestadt Cleveland an der Hough Street und betrachten Franziers «Rebberg von Château Hough». Die Reben des rund sechzigjährigen Afroamerikaners sind fachmännisch an Pfählen und Maschendraht hochgezogen. Er hat sie erst im vergangenen Frühling eingepflanzt, sie tragen also noch keine Früchte. Nächstes Jahr hofft Franzier dann schon auf eine gute Ernte der weissen Traminette- und der roten Frontnactrauben. Diese Sorten vertragen auch die harten Winter des amerikanischen Nordens. Spätestens 2013 will Franzier aus dem Saft seiner Trauben Wein herstellen, möglichst zusammen mit BesitzerInnen von anderen Weingütern, die in der Stadt entstehen sollen.

Cleveland war einst Modellmetropole des Kapitalismus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte sie zu den grössten und reichsten Städten der USA. Cleveland war das Zentrum der Stahlproduktion und neben Detroit das Herz der Autoindustrie. Vom einstigen Reichtum der Stadt zeugen auch heute noch die Art-déco-Wolkenkratzer und die gigantischen Stahlbrücken, die über den Cuyahoga River führen.

Der Niedergang

Doch von den einstigen Fabriken, die die Stadt geprägt haben, sind heute meist nur noch Ruinen übrig. Lebten 1950 noch weit über 900 000 Menschen in der Stadt, sind es derzeit noch rund 400000. Zuerst zog die weisse Mittelschicht in die Vorstädte, dann riss eine Wirtschaftskrise nach der anderen die Stadt immer tiefer in den Abgrund. Dieser Trend hat sich auch mit Beginn des neuen Jahrhunderts fortgesetzt. Nur das vom Hurrikan Kathrina zerstörte New Orleans hat in den letzten Jahren mehr EinwohnerInnen verloren als Cleveland. Die Finanzmarktkrise von 2008 hat die Stadt dann nochmals besonders hart getroffen.

In Cleveland wüteten die schlimmsten Kredithaie der USA. Sie drehten den verarmten BewohnerInnen sogenannte Subprime-Kredite auf ihre Häuser an, obwohl offensichtlich war, dass diese unmöglich die jährlich steigenden Zinsen würden zahlen können, die im Vertrag vereinbart waren. Anders als in Kalifornien oder Florida war auf steigende Bodenpreise hier nie zu hoffen. So kam es zuerst in Cleveland zu Tausenden von Zwangsräumungen.

Die Stadt Cleveland verklagte daraufhin die Investmentbanken der Wall Street, die sie für die Krise verantwortlich machte. Der Schweizer Regisseur Jean-Stéphan Bron hat den Prozess inszeniert und aus der Fiktion einen Film produziert. Ende Januar erhielt er dafür den Solothurner Filmpreis. Ob der reale Prozess allerdings stattfinden wird, ist höchst fraglich. In erster Instanz ist die Klage bereits abgewiesen worden.

Breite Unterstützung für Abrisspolitik

Mansfield Franzier hat für den Aufbau seines Weinguts 15 000 Dollar von einer Stiftung mit dem Namen Reimagining Cleveland erhalten. «Zuerst wollten sie mir nichts geben, doch glücklicherweise hat sich ein Freund für mich eingesetzt, der dort arbeitet.» Franzier ist in Cleveland eine bekannte Figur. Er schreibt im Internet auf verschiedenen Blogs. Seine Vergangenheit als «outlaw» ist von mehreren langjährigen Gefängnisaufenthalten geprägt. Die Erfahrungen aus dieser Zeit hat er, wie seine politische Kritik an den sozialen Zuständen in den USA, im Buch «From behind the wall» niedergeschrieben. Wie will er nächsten Herbst seine Weintrauben vor möglichen Dieben schützen? «Das bereitet mir keine Sorgen», antwortet er. Er sei in der Nachbarschaft bekannt und werde respektiert. Seine Weintrauben würden sich für den Direktverzehr auch nicht besonders gut eignen. «Ausserdem», sagt er grinsend, «werde ich ein Schild mit der Warnung ‹Vorsicht Killerbienen› aufstellen.» Franzier zeigt dabei auf einen selbst gebastelten Unterstand, in dem sich einige wilde Bienen eingenistet haben.

Der wirtschaftliche Niedergang ist in Cleveland vorab im Osten der Stadt zu beobachten. Allein im Zuge der Finanzkrise mussten 15000 Häuser von ihren BewohnerInnen verlassen werden, schätzt Stadtforscher Dennis Keating. Die früheren HausbesitzerInnen konnten ihre Hypotheken nicht mehr bedienen und zogen weg. Doch die Kreditgeber, in deren Besitz die Häuser übergehen, zeigen wenig Interesse an zumeist heruntergekommenen Holzhäusern, die in Gegenden stehen, wo niemand hinziehen will. So lässt die Stadt die Häuser abreissen. «Ein Haus-abriss kostet zwischen achttausend und zehntausend Dollar», sagt Keating. «Um nur schon all die durch die Finanzkrise verlassenen Häuser abreissen zu können, brauchte die Stadt Cleveland mehr Geld, als sie von der Bundesregierung in den letzten Jahren an Hilfe bekommen hat.»

In den betroffenen Quartieren ist man mit der Abrisspolitik der Stadt einverstanden. Nichts befürchten die zurückgebliebenen BewohnerInnen mehr als eine weitere Verslumung. Leer stehende Häuser gelten hier als Anziehungspunkt für Kriminelle. Marc Gentt und Farai Malianga wohnen in Slavic Village, einem Stadtteil im Osten Clevelands. Die Häuser der beiden Nachbarn gehören zu den letzten, die an der löchrigen Strasse noch stehen. Wird ein Haus in ihrer Strasse verlassen, informieren sie die Stadtbehörden, damit die ein Abrisskommando vorbeischicken. Beim Spaziergang durch Slavic Village zeigen Gentt und Malianga einen Gemeinschaftsgarten, in dem sie selber Gemüse ziehen. Wenn es schon viel zu wenig Arbeitsplätze für die verbliebenen BewohnerInnen gibt, so versuchen diese wenigstens ihre Lebenskosten tief zu halten – mit Selbstversorgung. Auch Hühner werden mittlerweile in Cleveland gezüchtet.

Ein wichtiger Pfeiler des neuen Stadtlebens von Cleveland sind Quartierorganisationen, in denen sich die BewohnerInnen gegenseitig unterstützen. Gentt und Malianga sind Mitglieder des Siebzigerclubs, der AnwohnerInnenvereinigung der 70. bis 79. Strasse. Man trifft sich einmal pro Monat. Zentrale Figur im Club ist Barbara Anderson, die in Brons Cleveland-Film porträtiert wird. Projekte des Siebzigerclubs gibt es viele: So soll eine leer stehende Fabrikhalle gleich neben Andersons Wohnhaus in ein Quartierzentrum verwandelt werden. «Man könnte dort alte Kleider sammeln und damit einen kleinen Handel aufziehen», hofft Malianga.

Hilfsbereite Banker

Eine Stütze der Quartierorganisierung ist die Organisation Empowering and Strengthening Ohio’s People (ESOP). Sie hilft den Quartiergruppen mit Rat und Tat. Ausserdem berät ESOP Leute, die ihre Hypotheken nicht bezahlen können und denen der Rauswurf droht. In den letzten Jahren hat sich ESOP vehement gegen die Kredithaie eingesetzt und Demonstrationen vor den Banken organisiert. Heute ist das Verhältnis von ESOP zu einigen Banken erstaunlich gut. Der Organisation gelingt es oft, Umschuldungsverträge auszuhandeln. Das schon fast freundschaftliche Verhältnis zu einem Teil der Bankenwelt zeigt sich während eines Besuchs bei ESOP. Während an diesem Tag zwei Dutzend Beschäftigte der Organisation fast ununterbrochen am Telefon sitzen und überschuldete HausbesitzerInnen beraten, schneien unerwartet drei Herren in Anzug und Krawatte in das Büro. Angeführt wird die Gruppe von Marc Stefanski, Präsident und CEO der Third Federal, eines von seinem Vater gegründeten Finanzinstituts, das sich auf das Hypothekargeschäft spezialisiert hat und in den Bundesstaaten Ohio und Florida aktiv ist. Vor einigen Jahren hatte die Bank mit insgesamt rund tausend MitarbeiterInnen ihren Hauptsitz bewusst nach Slavic Village verlegt, um ein Zeichen gegen die drohende Verslumung zu setzen.

Weil der Sitzungsraum gerade belegt ist, begeben sich die Banker zusammen mit ESOP-Geschäftsführer Mark Seifert und der ESOP-Präsidentin Inez Killingsworth in die kleine Küche. Am Küchentisch werden Neuigkeiten ausgetauscht, die Banker geben gute Tipps, wie ESOP ihren Einfluss bei den Behörden besser geltend machen könnte. Bevor die Banker nach der Plauderei noch die versammelten ESOP-Leute herzlich umarmen und aufbrechen, überreichen sie Killingsworth ein kleines Spendencouvert. Dar-in befindet sich ein Scheck über 250000 Dollar.

Die Third Federal Bank will weiterhin in Cleveland Geschäfte machen und Hypotheken verkaufen. Sie zählt zu den seriösen Banken. Seit Jahren arbeitet sie mit ESOP zusammen und vergibt günstige Kredite für den Hauskauf. Subprime-Kredite, die die grossen Investmentbanken an der Wall Street zu ihren Spekulationen genützt haben, hat sie nie vergeben.

Die Evergreen Cooperatives

Wäsche, Salat, Sonnenkraft

In Cleveland haben in den letzten Jahrzehnten unzählige Stahl- und Autofabriken dichtgemacht und die Stadt immer mehr verarmen lassen. Doch jetzt besinnen sich einige BewohnerInnen auf ein Modell jenseits des Kapitalismus und gründen im grossen Stil Genossenschaften.

In einem Raum der ehemaligen Munitionsfabrik stehen ein gutes Dutzend mannshohe Waschtrommeln aneinandergereiht. Lieferwagen parken auf dem Platz davor. Sie haben schmutzige Wäsche aus den umliegenden Spitälern geladen. Auf Förderbändern werden die Leintücher und Kittel zu den stahlglänzenden Trommeln transportiert.

Wir befinden uns in der ersten ökologisch zertifizierten Wäscherei von Cleveland, der Evergreen Laundry, wo seit rund einem Jahr über zwanzig Beschäftigte Teil eines Versuchs sind, ein genossenschaftliches Geschäftsmodell zu etablieren, das in den USA und darüber hinaus für Aufsehen sorgt.

Die meisten der Wäschereiangestellten stammen aus der näheren Umgebung im Osten der Stadt. Es sind zumeist AfroamerikanerInnen, viele von ihnen waren zuvor jahrelang arbeitslos. In einer grossen Halle hängt die gewaschene und getrocknete Wäsche in blauen Säcken an einer Schiene, die an der Decke befestigt ist. Die Wäsche wird hier gebügelt, zusammengelegt und dann für den Rücktransport verpackt. Die WäschereiarbeiterInnen gehen konzentriert ans Werk, scherzen aber auch hin und wieder miteinander.

Jobs schaffen als Ziel

Stephen Kiel führt BesucherInnen durch die Gebäude der Wäscherei. Er ist hier der Boss und präsidiert die Evergreen Business Services, eine Art Dachgenossenschaft. Er trägt ein weisses Hemd und einen grauen Anzug. Der Mittfünfziger gehört zu jener Sorte von Leuten, die nach ihrem Studienabschluss jedes Jahr mehr verdient hatten. Er beriet Firmen, die bei den Banken Geld für Investitionen auftrieben. In seinem jetzigen Job verdient Kiel zwischen vier- und fünfmal mehr als die elf US-Dollar, welche die ArbeiterInnen der Wäscherei in der Stunde erhalten. Die Evergreen-Genossenschaften schliessen höhere Lohnunterschiede statutarisch aus. Kiel sagt, er könne sich den für seine Verhältnisse tiefen Lohn leisten, seine Kinder hätten ihr College inzwischen abgeschlossen. Er wolle Gutes bewirken, seine Fähigkeiten einsetzen und dem Gemeinwesen hier im Stadtteil Glenville und den angrenzenden Quartieren von Ost-Cleveland helfen. Von den rund 20 000 Menschen, die im einst jüdischen Glenville leben, sind über 95 Prozent AfroamerikanerInnen. Die Arbeitslosigkeit beträgt gegen vierzig Prozent.

Kiels Büro ist ein schmuckloser Raum im ersten Stock der ehemaligen Munitionsfabrik. Die Evergreen Business Services hat sich zum Ziel gesetzt, in den nächsten Jahren bis zu zwanzig Genossenschaften zu gründen, mit jeweils rund fünfzig Beschäftigten. Alle neu Eingestellten sollen GenossenschafterInnen werden, also MitbesitzerInnen ihrer jeweiligen Firma. Neben der Wäscherei ist bereits eine zweite Genossenschaft aktiv, die Ohio Solar Cooperative, die Solarpanels auf Dächer montiert und alte Wohnhäuser isoliert. Beide Betriebe laufen gut und haben die Zielvorgaben bisher übertroffen, sagt Kiel. Die Wäscherei werde innerhalb der nächsten eineinhalb Jahre in die «Profitzone» gelangen. Bereits arbeiten 25 Leute für die Wäscherei, fünf mehr als bis zu diesem Zeitpunkt geplant waren. Die Ohio Solar ist schon nach fünf Monaten profitabel geworden. Statt der geplanten 15 Leute sind bereits 23 angestellt.

Ziel der Evergreen-Genossenschaften ist es, sowohl Gewinne zu erzielen als auch möglichst viele Leute einzustellen.

Der Lohn ist anderthalbmal so hoch wie der gesetzliche Mindestlohn von 7,30 US-Dollar pro Stunde. Zudem wird für alle GenossenschafterInnen ein Sperrkonto eröffnet, auf das die Genossenschaft regelmässig einen Betrag überweist. Innerhalb von sieben, acht Jahren sollen sie so 65 000 US-Dollar ansparen können. Die Beschäftigten werden auch am Betriebsgewinn ihrer Genossenschaft beteiligt. Zehn Prozent der Gewinne fliessen jedoch, so der Plan, in die Gründung neuer Genossenschaften.

Spanische Inspiration

Initiantin dieses für die USA neuartigen Genossenschaftsmodells ist die Cleveland Foundation, eine der landesweit grössten städtischen Stiftungen. Die Stiftung verfügt über ein Vermögen von rund 1,6 Milliarden Dollar und hat sich der ökonomischen Entwicklung und Transformation der Stadt verschrieben. Für die Lancierung des Evergreen-Modells hat die Stiftung die Zusammenarbeit mit universitären Instituten gesucht, die sich schon länger mit diesen Fragen befassen. Ausgangspunkt der Überlegungen war es, dass in der verarmten Gegend von Glenville nicht nur einfach Jobs geschaffen werden sollen. Gesucht war ein Modell zur langfristigen Wohlstandsförderung. Aus Beschäftigten sollen MitbesitzerInnen der Unternehmen werden. Inspiration fanden die PromotorInnen dabei beim spanisch-baskischen Genossenschaftsnetz Mondragón. Der aus hundert Genossenschaften bestehende Kooperativenverband umfasst rund 250 Betriebe, in denen 85000 GenossenschafterInnen arbeiten (siehe Folge Nr. 1 dieser Serie).

Die Genossenschaftsgründungen bei Evergreen laufen von oben nach unten. Zuerst wird ein Geschäftsmodell entwickelt, dann werden Leute angestellt und schliesslich soll den Beschäftigten Schritt um Schritt der Betrieb übergeben werden. Dank der Cleveland-Stiftung, den städtischen Behörden und den beteiligten Universitäten verfügt Kiel über ein beträchtliches Netzwerk, was es ihm auch erlaubt, genügend Kapital für die nötigen Investitionen zu beschaffen. So sind in den Aufbau der Wäscherei sechs Millionen US-Dollar geflossen. Ein grosser Teil des Geldes stammt von verschiedenen lokalen Banken.

Eine zweite Chance für jeden

Der Ansatz von oben nach unten riecht nach Paternalismus – Entwicklungshilfe der Privilegierten im US-Slum. Die Beschäftigten werden zwar mit der Zeit zu MitbesitzerInnen gemacht, doch während vieler Jahre bleibt die Genossenschaftsverwaltung von Leuten wie Kiel dominiert. «Sonst hätten wir von den Banken kein Geld bekommen», rechtfertigt er das Vorgehen. Erfahrene Geschäftsleute sollen garantieren, dass die Kredite auch wirklich bedient werden. Ausserdem sind sie für die Rekrutierung der Beschäftigten zuständig. «Wenn wir jemanden einstellen, so schauen wir im ersten Monat sehr genau, ob die Person auch pünktlich und mit einer positiven Arbeitseinstellung zur Arbeit erscheint», sagt Kiel. Man gebe Leuten auch mal eine zweite Chance, wenn nicht alles auf Anhieb klappt. Aber mehr als zwei Chancen gibt es nicht: «Wir verfügen über eine Liste von 500 Leuten, die hier arbeiten wollen», so Kiel. Nach sechs Monaten Angestelltenverhältnis treten die Beschäftigten der Genossenschaft bei und erhalten ein Mitbestimmungsrecht. Je nach Interesse und Eignung werden sie auch weitergebildet, sodass sie künftig auch führende Rollen im Kollektiv übernehmen können.

Stromverkauf vom fremden Dach

Das Geschäftsmodell der Evergreen-Genossenschaften beruht auf den Pfeilern Energie, Nahrung und Recycling. Ziel ist es nicht, bestehende Betriebe zu konkurrenzieren, sondern neue Angebote zu schaffen. Die Wäscherei passt da nicht ganz ins Konzept. Doch immerhin verbraucht sie pro Kilo Wäsche nicht einmal ein Drittel des Wassers einer herkömmlichen Wäscherei. Der Grund, weshalb man mit einer Wäscherei startete, liegt jedoch an der ökonomischen Struktur der Stadt. Seit dem industriellen Niedergang Clevelands werden im Spitalwesen der Stadt mehr Menschen beschäftigt als in jedem anderen Wirtschaftszweig. Die Cleveland Clinc, deren Hauptsitz sich ganz in der Nähe der Evergreen Laundry befindet, zählt zu den grössten Spitalkonzernen der USA. Ein Grundgedanke bei der Lancierung der Evergreen-Genossenschaften war es, die erfolgreichen Institutionen im Osten der Stadt – die Spitäler und die Universität – als Kunden zu gewinnen und damit die Menschen in der unmittelbaren Umgebung direkt an deren Prosperieren mitverdienen zu lassen.

So hat denn auch Ohio Solar vorab auf den Dächern der Universität und der Spitalgebäude Solaranlagen installiert. Die Genossenschaft betreibt diese Anlagen auch selbst. «Wir machen fünfzehnjährige Verträge mit unseren Kunden und verkaufen ihnen den Strom, den wir auf ihren Dächern produzieren», sagt Kiel. Ohio Solar profitiert dabei von Steuervergünstigungen der Regierung, die den steuerbefreiten Institutionen im Bildungs- und Gesundheitswesen entgehen.

Ein weiteres Einsatzgebiet von Ohio Solar ist es, mit Geldern der US-Regierung die Häuser von verarmten EinwohnerInnen Clevelands energetisch zu sanieren. Das Regierungsprogramm verfolgt drei Ziele gleichzeitig. Es schafft Arbeitsplätze im ökologischen Bereich, hilft der ärmeren Bevölkerung, ihre Stromrechnungen zu senken, und trägt zum Energiesparen bei. «Das Programm ist leider zeitlich befristet», sagt Kiel. «In drei Jahren müssen wir so weit sein, dass wir mit unserem Angebot auch bei denen bestehen können, die dafür bezahlen müssen.»

Kiel sprüht vor Ideen für den Aufbau weiterer Genossenschaften: So will er etwa den Plastikabfall der Spitäler einsammeln, um daraus Energie zu gewinnen. Er denkt dabei an Synergieeffekte: Die Wäsche und die Tüten mit dem Abfall lassen sich zusammen einsammeln. Dieselben Lieferwagen könnten zudem auch Akten über die PatientInnen ins Evergreen-Hauptquartier bringen, wo eine weitere Genossenschaft die Dokumente einscannen und elektronisch verwalten könnte. Das geschredderte Papier wäre wiederum als Recyclingmaterial geeignet – etwa zur Dämmung von Wohnhäusern.

Schon weit fortgeschritten ist zudem der Plan, eine Grossgärtnerei aufzubauen. Im bevölkerungsmässig stark geschrumpften Cleveland gibt es unzählige Brachen. Bereits ist ein Gelände in der Nähe der Innenstadt gekauft worden. Auf 48 000 Quadratmetern sollen Gemüse und Salat gezogen werden. Auf fast der Hälfte der Fläche sollen Treibhäuser stehen. Kiel rechnet mit fünf Millionen Salatköpfen pro Jahr. Derzeit stammt Clevelands Salat zumeist aus Florida und Kalifornien – allein wegen der Transportwege ein ökologischer Unsinn. Zumal der Transport auch zeitaufwendig ist. Stephen Kiel ist überzeugt: «Der lokale Salat wird viel frischer sein.»

Daniel Stern, Cleveland

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