Nr. 22/2015 vom 28.05.2015

Die gefährlichen Lücken in der kollektiven Erinnerung

In der offiziellen Gedenkpolitik der Ukraine rückt die Erinnerung an den Holocaust in den Hintergrund. Zu politischen Zwecken schraubt auch Präsident Petro Poroschenko munter an der Geschichte herum.

Von Anna Jikhareva

«Über Babi Jar, da steht keinerlei Denkmal. Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein. Mir ist angst. Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk. Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.» Mit diesen Worten beginnt das Gedicht «Babi Jar» von Jewgeni Jewtuschenko. Der russische Dichter veröffentlichte es 1961 – zum 20. Jahrestag des Massakers in der gleichnamigen Schlucht – in der Wochenzeitung «Literaturnaja Gaseta». In der Sowjetunion, wo die Erinnerung an Babi Jar tabuisiert war, löste Jewtuschenko damit einen Skandal aus. Auch heute, während in der Ostukraine Krieg herrscht, wird das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg zum Spielball der PolitikerInnen.

Ende September 1941 ermordeten deutsche Sonderpolizisten mithilfe der westukrainischen Polizei im Rahmen einer «Vergeltungsaktion» nahezu alle jüdischen EinwohnerInnen Kiews. Die Mehrheit der rund 200 000 JüdInnen war zu diesem Zeitpunkt geflohen, viele jüdische Männer waren in die Rote Armee einberufen worden. Als die deutsche Wehrmacht die Hauptstadt der Sowjetrepublik Ukraine am 19. September besetzte, lebten dort noch etwa 50 000 JüdInnen – vor allem ältere Männer, Frauen und Kinder.

Zehn Tage später wurden alle jüdischen BewohnerInnen aufgerufen, sich an einem zentralen Platz zu versammeln. «Mitzunehmen sind Dokumente, Geld und Wertsachen (…). Wer dieser Aufforderung nicht nachkommt, wird erschossen», stand auf Plakaten in der ganzen Stadt. Die Aktion wurde als «Umsiedlungsmassnahme» verkauft. Weil am nächsten Tag das jüdische Jom-Kippur-Fest stattfand, glaubten viele, ihnen werde nichts passieren, und folgten der Anweisung.

Vom Sammelpunkt aus wurden die Menschen in die Schlucht Babi Jar getrieben und erschossen. Wie ein amtliches sowjetisches Dokument akribisch festhielt, töteten die Nazis innerhalb zweier Tage 33 771 JüdInnen. Später starben dort bis zu 100 000 weitere Menschen, diesmal ohne eine solch genaue Dokumentation.

Kein kollektiver Erinnerungsort

Wie kein anderer Ort steht Babi Jar für die systematische Ermordung ukrainischer JüdInnen durch SS-Truppen auf ihrem Weg nach Osten. Wie der amerikanische Historiker Timothy Snyder schreibt, gilt das Massaker auch als «Präzedenzfall für die Vernichtung der Juden in den zentral-, ost- und südukrainischen Städten». Im Gegensatz zu kollektiven Erinnerungsorten wie Auschwitz ist die Todesstätte nahe Kiew im Gedächtnis vieler verblasst. In der Sowjetunion – und damit auch in der Ukraine selbst – wurde darüber jahrelang geschwiegen, man gedachte lieber sowjetischer HeldInnen als ermordeter JüdInnen. Erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine 1991 erkannte die Regierung Babi Jar als «Symbol jüdischen Märtyrertums» an. Inzwischen erinnern mehrere Denkmäler an das Massaker. Finanziert wurden sie allerdings vor allem von internationalen NGOs und anderen Staaten. In der ukrainischen Gedenkkultur hat der Völkermord weiterhin kaum Platz.

Wie langsam in der Ukraine die Aufarbeitung der eigenen Geschichte voranschreitet, zeigt auch die Erinnerung an die Ukrainische Aufständische Armee (UPA). Diese PartisanInnenarmee ist nicht zu verwechseln mit PartisanInnen unter sowjetischem Kommando (vgl. «‹Onkel, schiess nicht, ich will leben!›»). Die UPA war militärischer Arm der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), hoffte auf einen unabhängigen ukrainischen Staat und kollaborierte dafür zeitweise mit den Nazis. Später kämpfte die UPA erbittert gegen die Sowjetunion und die polnische Untergrundarmee – und ermordete Zehntausende polnische ZivilistInnen. Trotz dieser wenig ruhmreichen Geschichte wird die Gruppierung in der Westukraine verehrt. Im überwiegend russischsprachigen Osten des Landes werden die «Faschisten» hingegen abgelehnt.

Diese Diskrepanz zwischen den Regionen zeigt sich auch im Umgang mit der Figur Stepan Banderas. Als Anführer einer OUN-Division soll der Nationalist unter anderem für ein Massaker in Lemberg verantwortlich gewesen sein, bei dem 7000 Menschen ermordet wurden. Dennoch erinnern im Westen der Ukraine zahlreiche Denkmäler an Bandera. 2010 verlieh ihm der damalige, nach Westen orientierte Präsident Wiktor Juschtschenko den Titel «Held der Ukraine». Wenige Jahre später liess der prorussische Präsident Wiktor Janukowitsch den Titel wieder streichen.

«Genozid am ukrainischen Volk»?

Die Episode zeigt, wie ukrainische Regierungen die Geschichte für eigene Zwecke umschreiben. Inzwischen liegt der Fokus der offiziellen Gedenkpolitik auf sowjetischen Verbrechen. Das Gedenken an den Holocaust rückt dagegen immer weiter in den Hintergrund. Den UkrainerInnen dient die Erinnerung an den Holodomor, die von Josef Stalin verursachte Hungersnot, als zentraler Identifikationspunkt ihrer Nation.

In den Jahren 1932/33 setzte Stalin brutal die Kollektivierung der ukrainischen Landwirtschaft durch. Um die Industrialisierung und Aufrüstung der Sowjetunion finanzieren zu können, liess er Getreide aus der fruchtbaren Ukraine exportieren. Als Folge seiner Politik verhungerten Millionen UkrainerInnen. Die genaue Zahl der Toten variiert je nach Schätzung. Laut Historiker Snyder sind durch Hunger oder Folgekrankheiten mindestens 3,3 Millionen Menschen gestorben.

Auch wenn die Wissenschaft bis heute darüber streitet, ob Stalin die ukrainische Nation gezielt vernichten wollte: In Kiew gilt der Holodomor seit 2006 offiziell als «Genozid am ukrainischen Volk». Damals setzte Expräsident Wiktor Juschtschenko im Parlament auch ein Gesetz durch, das die Leugnung des Hungermassensterbens (so die wörtliche Übersetzung von Holodomor) als widerrechtlich einstuft.

Mitte Mai befasste sich auch der aktuelle Präsident Petro Poroschenko mit der ukrainischen Geschichte: Mehrere neu verabschiedete Gesetze sollen dem – in Zeiten des Kriegs mit Russland gespaltenen – Land eine einheitliche Geschichtsauffassung nach dem Geschmack der Machthaber verpassen. In den Verordnungen werden «die totalitären kommunistischen und Naziregimes in der Ukraine» verdammt und entsprechende Symbole verboten. Der Fokus liegt dabei auf der Sowjetzeit: Wer Lenin-Statuen montiert oder sowjetische Flaggen aufhängt, kann nun für bis zu zehn Jahre ins Gefängnis kommen. Mit dem Gesetz grenzt sich die ukrainische Regierung von ihrer sowjetischen Vergangenheit ab. Für die geistige Annäherung an den Westen wird die Geschichte erneut instrumentalisiert.

Auch Poroschenkos zweites Gesetz birgt Zündstoff: Darin werden die nationalistischen PartisanInnen der UPA zu «Unabhängigkeitskämpfern» erhoben. Vor dem Hintergrund des Ukrainekonflikts ist vor allem diese Massnahme paradox. Unabhängig von ihrer Einstellung zu Russland halten viele Menschen auf der Krim oder im ostukrainischen Donbass die UPA-KämpferInnen für verbrecherisch. Ihre Glorifizierung schliesst die BewohnerInnen dieser Regionen von der gemeinsamen Erinnerungskultur aus.

Wie eine solch fragmentierte Erinnerung geschaffen wird, zeigt eine weitere Episode: Zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs waren dieses Jahr auch VeteranInnen der UPA eingeladen. Während Präsident Poroschenko sie als HeldInnen feierte, hatte das Gedenken an den Massenmord an den JüdInnen in seiner Rede keinen Platz.

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