Nr. 09/2011 vom 03.03.2011

Es geht nicht nur ums Autofahren

Auch im Königreich Saudi-Arabien – einer der wichtigsten Bündnispartner der USA in der arabischen Region – brodelt es. Schon wird über das Internet zu einem «Tag der Wut» aufgerufen. Es ist vor allem die desolate Situation der Frauen, die im Wüstenstaat für Unmut sorgt.

Von Sara Winter

«Es ist absurd!» Am anderen Ende des Telefons lacht Eman al-Nafdschan bitter auf. «Seit Jahren behaupten sie, Frauen seien wie Kinder, man müsse sie beschützen. Dabei gibt es immer noch kein Gesetz, das die Kinderehe verbietet!» Die 32-jährige al-Nafdschan ist studierte Sprachwissenschaftlerin, dreifache Mutter und eine bekannte Bloggerin. In ihrem «Saudiwoman’s Weblog» äussert sie sich regelmässig kritisch über die Missstände in ihrem Land, wo Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen. «Wir sind darauf angewiesen, dass uns ein männlicher Verwandter oder ein Fahrer durch die Gegend kutschiert», sagt sie. Öffentliche Verkehrsmittel gibt es in Saudi-Arabien keine. Und ohne Auto kann man hier kaum überleben.

Einen eigenen Fahrer zu haben, ist daher nichts Ungewöhnliches: Saudi-Arabiens EinwohnerInnen gehören zu den Reichen in der arabischen Welt, das Pro-Kopf-Einkommen ist anderthalbmal so hoch wie in Tunesien und liegt bei etwa 24000 US-Dollar. Die meisten Mittelklassefamilien, die wie al-Naf-dschan in einer Art Villa wohnen und Luxus gewöhnt sind, haben Angestellte – im Falle der al-Nafdschans neben dem Fahrer noch eine Haushaltshilfe. Von den 26 Millionen Menschen im Land sind etwa 6 Millionen GastarbeiterInnen.

Die für saudische Verhältnisse unübliche Nähe zwischen den Frauen und ihren Fahrern, die meist auf dem Grundstück ihrer Arbeitgeber leben, sieht al-Nafdschan besonders kritisch. Es habe Fälle von Übergriffen gegeben. «Den saudischen Männern fällt gar nicht auf, dass dies eine unangenehme Kehrseite des Frauenfahrverbots ist», sagt sie. «Sie sehen ihre Angestellten einfach nicht als Männer, sondern als eine Art Sklave.»

Kaum Arbeitsplätze für Frauen

Solange es keine Reformen gibt, sind Frauen wie al-Nafdschan auf Angestellte angewiesen. Doch die Lebenshaltungskosten im Königreich steigen. Um ihren Lebensstandard halten zu können, zählen viele mittelständische Familien auf ein zweites Einkommen. An gut ausgebildeten Frauen mangelt es nicht. Längst hätten sie ihre männlichen Konkurrenten überholt, sagt Larissa Schmid vom Zentrum Moderner Orient in Berlin. 58 Prozent der Studierenden und 55 Prozent der UniversitätsabsolventInnen seien Frauen. Allerdings steht Letzteren nur ein sehr eingeschränkter Teil des Arbeitsmarkts offen.

Stockwerke ohne Männer

«Die meisten kleinen Firmen können oder wollen es sich nicht leisten, ein zusätzliches Gebäude oder Stockwerk für weibliche Angestellte einzurichten», sagt Bloggerin al-Nafdschan, «daher verzichten die meisten darauf, Arbeitsplätze für Frauen anzubieten.» Nur die grossen Konzerne und Banken hätten solche Sonderabteilungen. Viele Männer nutzten ausserdem das Einkommen ihrer Frauen dafür, ein weiteres Haus zu bauen, um sich eine zweite Ehefrau zuzulegen. Sechzig Prozent aller Ehemänner nehmen das Einkommen ihrer Frau ohne deren Einverständnis, sagt eine neue Studie der Universität Umm al-Kura in Mekka.

«Zur Zeit meiner Grossmutter waren Frauen freier als heute», beschwert sich al-Nafdschan. «Die saudischen Islamisten behaupten, Frauen seien den Männern in allen Bereichen unterlegen und müssten deshalb beschützt werden», sagt sie. «Dabei waren die Frauen zur Zeit des Propheten äusserst mächtig. Es gab weibliche Kriegerinnen, Männer haben für Frauen gearbeitet», referiert die Aktivistin aus ihrem religionsgeschichtlichen Wissen. Im heutigen Saudi-Arabien jedoch bleiben Frauen ihr Leben lang unmündig. Für jede rechtsgültige Entscheidung sind sie auf einen männlichen Vormund angewiesen.

Es ist das Internet, das Frauen wie al-Nafdschan eine Stimme verschafft. Hier können sie sich frei bewegen, ihre Meinung äussern und sich mit anderen austauschen. Die Facebookseite «Saudi Women Revolution» hat zwar noch bescheidene 900 Fans, unter den Aufrufen zu landesweiten Protesten im März sind jedoch auch eine Menge weibliche Unterstützerinnen zu finden. Heissblütig wird dar-über diskutiert, ob es nun eine Reform oder eine Revolution geben solle. Al-Nafdschan unterstützt die Reformidee, sie hält König Abdullah für eine positive Figur. «Ich denke nicht, dass wir einen arabischen Atatürk brauchen, der die Modernisierung gewaltsam vorantreibt», sagt die Bloggerin. «Durch die verfügbaren Informationen im Internet werden sich die Menschen von ganz alleine der Welt öffnen.»

Muttermilch für den Chauffeur

Bereits auf dem Höhepunkt des Golfkriegs 1990 hatten einige Frauen die internationale Medienaufmerksamkeit genutzt, um sich gegen ihre Diskriminierung zur Wehr zu setzen. Als Zeichen des Protests gegen das Frauenfahrverbot fuhren sie in einem Autokonvoi durch die Strassen Riads. Die konservativen Kräfte in der Regierung reagierten harsch. Anstatt das Verbot zu lockern, liessen sie die Protestierenden verhaften, konfiszierten ihre Pässe und steckten sie ein Jahr lang ins Gefängnis. Viele verloren dabei ihren Job. Danach war erst mal Ruhe.

Seit einigen Jahren trauen sich erneut Protestierende in die Öffentlichkeit. Am Internationalen Frauentag 2008 stellte die Feministin Wajeha al-Huwaider ein Video ins Netz, worin man sie beim Autofahren sah – allerdings gilt al-Huwaider vielen saudischen Frauen mit ihren westlich-feministischen Forderungen als zu radikal. Die meisten Saudis würden eine Liberalisierung unter Berücksichtigung saudischer Werte einer radikalen Lösung vorziehen.

Trotzdem platzte vielen Frauen der Kragen, als der islamische Gelehrte Scheich Abdel Mohsen Obeikan Mitte letzten Jahres forderte: Saudische Frauen sollten allen Männern, mit denen sie nicht verwandt seien, aber regelmässig zusammenträfen, von ihrer Muttermilch zu trinken geben. Damit sollte der Kontakt zwischen den Geschlechtern religiöse Legitimation erhalten. Das Trinken von Muttermilch stellt gemäss dieser Auslegung des islamischen Rechts eine Art Verwandtschaft her. Daraufhin drohten einige Frauen damit, demnächst ihren Fahrern die Brust zu geben, wenn nicht bald das Fahrverbot aufgehoben würde. Die Vorstellung einer saudischen Frau, die einem Gastarbeiter mütterlich verbunden ist, war eine zusätzliche Provokation an die Adresse des Scheichs und seiner Gesinnungsgenossen. Gastarbeiter stehen in der saudischen Hackordnung noch weit unter den Frauen.

Viele junge Saudis wollen die Situation nicht mehr länger hinnehmen. Die junge Generation bildet die Mehrheit im Wüstenstaat, zwei Drittel der Bevölkerung sind unter dreissig Jahre alt. Auf mehreren Facebookseiten wurde kürzlich zu einem saudischen «Tag der Wut» aufgerufen, der mal für den 11., mal für den 20. März vorgesehen ist. Auch hier im Internet wird eine Verfassung für die Monarchie gefordert, die Bekämpfung der Korruption, eine Reform des auf islamischem Recht gründenden Justizsystems und die Abschaffung der Diskriminierung von Frauen und Minderheiten.

Solange die Petrodollars fliessen ...

Der reformorientierte König Abdullah ist 86 Jahre alt und leidet an gesundheitlichen Problemen. Bisher ist nicht geklärt, wer im Falle seines Ablebens den Thron übernehmen wird. Kronprinz ist der derzeitige Innenminister Na’if – ein Konservativer. Er würde Abdullahs sanfte Liberalisierung schnell wieder rückgängig machen. Die Reformer würden es begrüssen, wenn Abdullahs Sohn Mutaib den Thron bestiege, der den Kurs seines Vaters fortführen und die Ultrakonservativen im Zaum halten könnte.

Seit über einer Woche ist König Abdullah zurück in Saudi-Arabien, nachdem er für eine medizinische Behandlung im Ausland war. Er hat 36 Milliarden US-Dollar in höhere Löhne und Bildungsstipendien investiert und eine Neuformierung des Kabinetts angekündigt.

Islamwissenschaftlerin Larissa Schmid blickt zurück: «Seit 2001 gelingt es der Regierung, durch kleine Reformen und Repression die Bevölkerung ruhigzustellen.» Vieles hänge am Öl und am Zusammenhalt der Königsfamilie. «Solange die Petrodollars fliessen und die Al Saud ihre Legitimität aufrechterhalten können, scheint mir ein landesweiter Protest unwahrscheinlich», so Schmid.

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