Nr. 43/2014 vom 23.10.2014

Die schwarzen Wasser der Geschichte

Stalinistische Paranoia und linkskommunistische Opposition: Der erstmals auf Deutsch veröffentlichte Roman des russisch-französischen Trotzkisten Victor Serge ist ein ebenso eindringliches wie bedrückendes politisches Dokument.

Von Stefan Howald

Eine rechteckige Gemeinschaftszelle mit sechs Liegen und dreissig Gefangenen. Der Gestank. Der Kampf ums Essen. Schichtweise schlafen. Jede Privatheit oder Intimität aufgehoben. Und das ist bloss die mehrwöchige Untersuchungshaft. Hier treffen alle zusammen – kleine Diebe, Berufsverbrecher, politische Gefangene –, die die stalinistische Sowjetmacht 1934 in den Gefängnissen zusammentreibt. Doch selbst hier funktioniert ein Netzwerk politischer Nachrichten der antistalinistischen Opposition, die den wachsenden Komplex der Arbeitslager mit 170 000 oder 200 000 Verbannten dokumentieren, in denen unter horrenden Bedingungen für den sozialistischen Staat geschuftet wird.

1940 erschien Arthur Koestlers Buch «Die Sonnenfinsternis», das internationales Aufsehen erregte. Darin schilderte der antifaschistisch engagierte Journalist die Selbstzerfleischung der kommunistischen Bewegung in Schauprozessen mittels erpresster und freiwilliger Geständnisse. Die Arbeitslager wurden von Alexander Solschenizyn in «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» (1962) beschrieben, umfassender dann in «Der Archipel Gulag» (1973). Beides hatte Victor Serge in seinem 1939 in Frankreich erschienenen Roman «Schwarze Wasser» schon aufgegriffen. Der liegt jetzt, 75 Jahre nach der Erstveröffentlichung, erstmals in einer deutschen Übersetzung vor. Es ist eine bedrückende Entdeckung.

Grunderfahrung

Jemand musste Michail Iwanowitsch Kostrow verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Verbotenes getan hätte, wurde er eines Tags verhaftet. So beginnt der Roman, sinngemäss. Die Verhaftung ist eine Grunderfahrung der ersten Hälfte des kurzen 20. Jahrhunderts. Kostrow, Professor für Historischen Materialismus, wird nach längerer Haft in Moskau schliesslich in die Provinzstadt Tschornoje im Ural verbannt, wo sich sein Schicksal mit dem von fünf anderen Verbannten verknüpft.

Victor Serge kannte diese Situation aus eigenem Erleiden. In der Sowjetunion mehrfach verhaftet, lebte er drei Jahre lang, von 1933 bis 1936, in der Verbannung im Uralgebiet. Serge wurde 1890 in Belgien als Kind einer russisch-polnischen exilierten Familie geboren und wuchs unter ärmlichen Umständen auf. Als Jugendlicher schloss er sich in Paris den Anarchisten an und wurde, wohl unschuldig, für ein Attentat verurteilt – so wie der Schweizer Ernst Frick (vgl. «Die Mühen der Anarchie»). Nach kurzem Aufenthalt in Spanien reiste er 1919 nach Russland und kämpfte mit den Bolschewiki. 1923 trat er der linken Opposition um Leo Trotzki bei, 1927 wurde er aus der Partei ausgeschlossen und ein erstes Mal verhaftet. 1933 erneut verhaftet, wurde er in den Osten verbannt; nach drei Jahren aufgrund internationaler Proteste freigelassen, kehrte er nach Frankreich zurück.

«Schwarze Wasser» handelt nach dem Auftakt in Moskau vor allem in Tschornoje. Da ist einerseits der Alltag der Bevölkerung. Durch die Liquidation von selbstständigen Bauern und Handwerkern, durch überstürzte Verstaatlichungen und unzulängliche Planung liegt die Wirtschaft am Boden, sind die Menschen in den Hunger getrieben, in Armut, Trost- und Hoffnungslosigkeit.

Auf der anderen Seite ist die politische Repression. Serge vergegenwärtigt eindringlich die Paranoia von Stalin und dessen «dialektische Methode», die verschiedenen Fraktionen gegeneinander auszuspielen und mit immer abstruseren Verschwörungstheorien ein Klima allumfassender Verdächtigungen zu schaffen.

Delirien

Dabei sind die ehemals hohen Funktionäre unter den Verbannten sprachmächtig geblieben. Sie versuchen, in langen, zuweilen geradezu delirierenden Monologen und Dialogen der Situation und ihren eigenen Umständen einen Sinn abzugewinnen. Immer noch denken sie als Kommunisten, die das Proletariat, die Partei nicht im Stich lassen dürfen, sich bereithalten müssen, wenn die neue, die wahre Revolution kommt.

Angesichts der Repression scheint die wilde Natur gelegentlich der einzige Rückzugsort. Oder, ganz kurz aufblitzend, die Liebe. Nur der junge Arbeiter Rodion kann flüchten, scheint, anonym in einer fremden Stadt, ein neues Leben beginnen zu können, aber das zweitletzte Wort des Romans ist doch die «Angst», die im Blick der Menschen liegt.

Es gibt einen weiteren bedrückenden lebensgeschichtlichen Nachtrag. 1941 aus dem besetzten Frankreich nach Mexiko geflüchtet, überwarf sich Serge im Exil auch mit Trotzki. Als er 1947 an einem Herzinfarkt starb, wurde der Verdacht laut, er sei, wie Trotzki, vom sowjetischen Geheimdienst liquidiert worden.

Das Buch wird im Rahmen von «Zürich liest: Early Bird» am Samstag, 25. Oktober 2014, um 7 Uhr morgens im 
Cabaret Voltaire, Spiegelgasse 1, in Zürich vorgestellt. 
Es liest Peter Schweiger.

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