Nr. 10/2011 vom 10.03.2011

Unter den Eingeborenen

Was tun, wenn die ghanaische Patentochter nach dem Studium keine angemessene Arbeit findet? Was soll man ihr bei einem Besuch in der Schweiz zeigen? Und darf man ihr die Übersiedlung nach London ausreden? Ein Bericht aus den Zeiten der Globalisierung in acht Stationen.

Von Stefan Howald

Vergangenen November erhielten wir eine E-Mail, Mavis habe jetzt eine Aufenthaltsbewilligung für England erhalten.

Vor fünf Jahren hatte sie uns noch versichert, sie wolle in Ghana bleiben. Was hatte sich seither verändert? Da war der Tod ihres Vaters, offensichtlich. Eine Liebesbeziehung, aber die hatte sie als eher lose beschrieben. Vor allem belastete sie die Situation in Ghana. Ihre Stelle auf der Bank hatte sie verloren und keine passende mehr gefunden. Zur Verwandtschaft, die ihr hätte helfen können, hatten sich die Beziehungen weiter abgekühlt. Doch was, fragten wir, waren ihre Hoffnungen in Bezug auf England? Und ihre Chancen?

1: Kumasi

Kennengelernt hatte ich Mavis vor 21 Jahren. Sie war damals sieben Jahre alt. Zumindest hatte ich damals ihren Vater, Joshua, kennengelernt. Er griff mich eines Tages in seinem alten VW-Käfer auf, als ich bei brütender Mittagshitze durch die Strassen von Kumasi in Ghana marschierte. Es stellte sich heraus, dass er Deutsch sprach; er hatte mal in Deutschland gearbeitet, im Schwarzwald, in einer Kugelschreiberfabrik. Es war der Höhepunkt seines bisherigen Lebens gewesen, wiewohl nicht unbelastet. Aufgrund einer von ihm aufgegebenen Annonce in einer englischsprachigen Zeitung der Quäker war er von einem philanthropischen Fabrikanten eingeladen, ausgebildet und ein paar Monate lang beschäftigt worden, von den Einheimischen misstrauisch beobachtet. Doch dann war der Fabrikant unerwartet gestorben, und dessen Erben hatten für Joshua keine Verwendung mehr.

Also kehrte er heim. Nun arbeitete er als Mechaniker bei einer Busfirma, auf Abruf, zu kleinem Lohn.

Er führte mich in Kumasi herum; zum Schluss meines Aufenthalts lud ich ihn zum Nachtessen ein und lernte dabei seine Frau kennen, die mir ein Foto der siebenjährigen Mavis zeigte.

Danach hielten wir brieflichen Kontakt, und gelegentlich floss etwas Geld aus dem reichen Norden in den armen Süden. Nach drei Jahren teilte mir Joshua mit, er habe sich von seiner Frau getrennt und ziehe Mavis allein auf – für Afrika in den neunziger Jahren nicht gerade üblich. Die höflichen, verschämten Bitten um Geld wurden dringlicher; Joshua berichtete über allerlei kommerzielle Unternehmungen, mit denen er sein kärgliches Gehalt aufbessern wollte. Gelegentlich unterstützten wir seine Pläne finanziell, aber meistens blieben sie fruchtlos, und schliesslich einigten wir uns auf einen Modus: Meine Partnerin und ich würden die Ausbildung seiner Tochter finanzieren.

So kamen wir zu einer ghanaischen Patentochter.

Der Kontakt zu Mavis verlief vorerst via Joshua. Als sie etwa vierzehn Jahre alt war, traf ihr erster Brief ein: ein paar Sätze über die Schule. Danach schickte sie uns hin und wieder Nachrichten, auch die Schulzeugnisse, und wir schickten Aufklebbilder zurück, die sie sich wünschte, und Bücher. Und wir versuchten, über eine Welt zu berichten, die ihr ziemlich fremd scheinen musste.

2: Mampong

Kurz vor ihrem Schulabschluss, vor zehn Jahren, besuchte ich Mavis in Ghana. Mit dem Vater holte sie mich in Accra ab: Erstmals sah ich sie von Angesicht zu Angesicht. Mavis war eben achtzehn geworden, eine junge Frau, zugleich noch ein Teenager. Fröhlich und ausgeglichen, umsorgt von ihrem Vater und anhänglich an diesen gebunden. Stolz führte sie mich später im Mädchengymnasium in Mampong herum und präsentierte mich ihren Freundinnen, ein wenig wie eine Trophäe. Dabei stellte sich heraus, dass sie durch die Fahrt nach Accra die Teilnahme an den aktuellen Präsidentschaftswahlen verpasst hatte. Es wäre ihre erste Wahlteilnahme gewesen, und angesichts der zarten afrikanischen Demokratie entschuldigte ich mich mit schlechtem Gewissen.

Die Abschlussprüfungen bestand sie wie erwartet mit guten Noten. Joshua informierte uns, dass sie sich, um die Erfolgsaussichten zu erhöhen, am besten an vier verschiedenen Universitäten bewerben sollte, wozu hohe Anmeldungsgebühren an Beamte zu zahlen seien. Weil wir die angedeutete Korruption für Ghana nicht ganz glauben wollten, überwiesen wir nur Geld für drei Bewerbungen. Mavis hatte den Wunsch geäussert, Juristin zu werden, um die Situation der ghanaischen Frauen verbessern zu helfen, was wir begrüssten. Der Zulassungsentscheid, meinte sie, werde wohl auf sich warten lassen. In der Zwischenzeit belegte sie einen Computerkurs, und schliesslich nahm sie einen Studienplatz in Erziehungswissenschaften in Cape Coast an.

Es folgten kurze Telefonate, dann – etwa im Zweimonatstakt – E-Mails aus dem Internetcafé, zumeist abgeschlossen mit «God’s blessing and peace be unto you». Nach drei Jahren schloss sie ihre Ausbildung als Lehrerin ab, unterrichtete auch ein paar Wochen, aber es gefiel ihr nicht; die Jungen seien zu unbändig, und ihre Stimme sei zu leise, erzählte sie uns lachend am Telefon. Danach arbeitete sie in einer Bank am Schalter – zwei Stunden mit dem Bus hin und zwei zurück –, nicht gerade eine qualifizierte Arbeit, aber immerhin eine Arbeit, angesichts der zunehmenden Inflation in Ghana. Wenig später schloss die Bankfiliale in Kumasi, Mavis verlor ihren Job. Konnte Ghana wirklich auf eine ausgebildete Lehrerin verzichten? Der sich unter IWF-Diktat verschlankende Staat musste es offenbar.

3: Zürich

Vor fünf Jahren luden wir Mavis in die Schweiz ein. Wir kümmerten uns um die Formalitäten, leisteten die notwendigen Bürgschaften und versicherten, sie werde nach Ghana zurückkehren. Am Tag ihrer Ankunft wollte ich eben zur Ankunft schlendern, als Mavis bereits vor mir stand. Sie hatte mich unter den Wartenden sofort ausfindig gemacht, während ich den Moment ihrer Einreise in die Schweiz verpasst hatte, den ich mir für sie, die das erste Mal ins Ausland reiste, als eine Art Initiation vorgestellt hatte. Wir begrüssten uns formell, gemessen, etwas verlegen. Problemlos sei der Flug gewesen, erklärte sie gelassen, als gehörten Flugreisen zu ihrem Alltag. Ich nahm ihr die Reisetasche ab, dann gingen wir zum Bahnhof und setzten uns in den Zug.

So kam sie unter die SchweizerInnen.

Als ich mich beim Versuch, auf meinem neu erworbenen Handy ihre Nummer zu speichern, ungeschickt anstellte, nahm sie es mir aus der Hand und tippte flink die Adresse ein. Das war zu erwarten gewesen, dass ihre Kenntnisse die meinen übertrafen. Schliesslich hatte sie aus Ghana mit so einem Ding angerufen, wobei zumeist nach ein paar Minuten die Sim-Karte abgelaufen war.

Tatsächlich sind Handys für Afrika sinnvoll, indem sie die technische Stufe eines lückenhaften terrestrischen Telefonnetzes überspringen. Tatsächlich hat das Internet die Informationskluft zwischen Norden und Süden überbrückt, zugleich, ganz aktuell, demokratische Bewegungen befördert. Aber es reisst auch neue Klüfte auf, entlang sozialen und finanziellen Unterschieden.

Als Mavis, von der Reise doch ermüdet, bei uns zu Hause durch die Fernsehprogramme zappte, bewies sie eine eklektische, aber weitreichende Kenntnis von Filmen. Wie kam sie, fragte ich, in Ghana zu Filmen, da es doch kaum Kinos gab und die ghanaischen Fernsehsender sich die jüngsten Hollywoodproduktionen nicht leisten konnten?

Vom ersten Besuch in Ghana her erinnerte ich mich, nostalgisch, an Videovorführungen im lauschigen Innenhof eines Hotels, bei denen man von der sechsten Bankreihe aus den Hals verrenkte, um weit vorn ein paar Schatten in einem amerikanischen C-Film herumhuschen zu sehen. Meine Erzählung bestaunte Mavis als anachronistisch. Nein, meinte sie, Filme würden heute in einem Internetcafé über Nacht in ein verstecktes File heruntergeladen, auf eine CD gesichert, die man sich dann bei einer Kollegin, die einen DVD-Apparat besitze, anschaue. Das müsse doch bemerkt werden, wenn da ständig heruntergeladen werde, wandte ich ein. Nein, lachte sie, die Internetcafé-Betreiber hätten keine Ahnung von der Technologie. Die hätten doch bloss irgendwo Geld aufgetrieben, ein paar Computer in einen Raum gestellt und hofften jetzt auf eine selbsttätige Geldvermehrung.

Ein befreundeter Computerspezialist, selbst mit einer Afrikanerin verheiratet, fand die Geschichte knapp glaublich, wenn das Internetcafé 24 Stunden am Tag offen sei oder die StudentInnen über ein Programm verfügten, das einen Download nach einem Unterbruch wieder aufnehme; was ich Mavis sofort zutraute. So kommt die afrikanische Jugend billig zu ihren Filmen. Deren Auswahl und Qualität hängen freilich davon ab, was verfügbar ist, und die sogenannten Content Provider, auch die alternativen, sitzen selbstverständlich nach wie vor im Norden.

Am nächsten Tag führte ich sie durch Zürich. Hinweise auf ein paar Häuser, Jahreszahlen wurden einsilbig hingenommen. Auf dem Lindenhof würdigte sie mit grossen Augen die Geschichte, die ich aus lang versunkenen Kenntnissen über die bewaffneten Zürcherinnen zusammenstiefelte, welche die Stadt einst gerettet hatten, aber mit welchem Lohn und Gewinn? War Zürich eine alte Stadt für eine junge Frau aus einem jungen Kontinent, der auch eine alte Geschichte, aber ein anderes Geschichtsverständnis hat? Bedeutete diese Geschichte für sie etwas? Ja, was bedeuteten Häuser, Architektur, da sie doch zu Hause in Kumasi zwischen ländlicher Einfachheit und ärmlicher Sachlichkeit wohnte?

4: Camedo

Am dritten Morgen zogen wir los, mit Rucksack und Tagesverpflegung, im Zug durch den Gotthard, und wollten dann weiter durchs Centovalli über Domodossola nach Brig. Bei jeder Biegung der Centovalli-Bahn machten wir Mavis auf eine noch überwältigendere Aussicht aufmerksam. Die wurde zusehends bleich im Gesicht und wollte bald von all den mitteleuropäischen Schönheiten nichts mehr wissen.

Endlich kam das Bähnchen zu einem Halt. Zwei italienische Zollbeamte nahmen die Pässe der Reisenden an sich. Ein paar Minuten vergingen. Dann kamen sie mit dem Pass von Mavis zurück: Wo denn das Visum für Italien sei?

Wir wollten eigentlich nicht nach Italien, sagten wir, nur durchfahren, von der Schweiz in die Schweiz.

Nun, auch für die Durchfahrt brauche es ein Visum.

Daran hatten wir nun wirklich nicht gedacht.

Was also, fragte ich, sollten wir tun?

Nun, aussteigen und zurückfahren.

Wir stiegen aus, zornig, versuchten zu argumentieren, griffen dann zu Sarkasmus. Es nützte nichts. Die Bahn fuhr ohne uns weiter. Die beiden Beamten, die sich hinter sachlichem Pflichtbewusstsein verschanzt hatten, begannen ein Formular auszufüllen. Mavis tat, als ginge sie das alles nichts an, und wollte zuerst nicht unterschreiben; ich las den Zettel durch, er hielt fest, dass Mavis Ewuresi Tandoh die Einreise nach Italien am soundsovielten verweigert worden sei, schien aber nichts zu präjudizieren, keinen Eintrag in irgendeinem zentralen Register, und überhaupt, erklärte Mavis, während sie verächtlich ihren Namen unter das Formular setzte, mit Italien wolle sie nie mehr etwas zu tun haben.

So sassen wir im Niemandsland fest. Der nächste Zug zurück nach Locarno fuhr in einer Stunde. Es gab einen kleinen Wartsaal, dahinter die Wachstube, ein paar Meter weiter oben, an die Wand geklebt, die Strasse durchs Tal samt zweiter Zollstation. Ein holländisches Paar war aus einem Auto gestiegen, und ein Kleinkind gestikulierte in unsere Richtung, was Mavis zu erzürnen schien. «Do I look like a monkey to you?», fragte sie in Richtung des Kindes. Uns schien, dass das Kleinkind gar nicht Mavis gemeint hatte, sondern auf die Bahnstation zulief, doch der Ärger von Mavis schien durch die gesamte Situation aufgestaut und entlud sich jetzt, womöglich mit einem vorauseilenden Vorurteil.

5: Zürich

Endlich kam der Gegenzug. Um 19 Uhr trafen wir wieder in Locarno ein, rumpelten dann wieder, ziemlich schweigsam, durch den Gotthard. Um ein Uhr nachts waren wir zurück. Meine Partnerin und ich sanken ins Bett, doch Mavis hatte sich erholt, im Fernsehen lief ein Bollywoodfilm mit Liedern und Liebesszenen, die glücklicherweise nicht in einer Heirat im Berner Oberland gipfelten.

Am folgenden Tag fuhren wir in die Innenstadt, die sich allmählich für die Street Parade füllte. Rap schätzte Mavis, sie hatte mir einst die eigenständige ghanaische Form des Gospel-Rap in einem Zusammenschnitt auf einer Kassette dokumentiert – aber Techno, nein, das fand sie langweilig. Wir schritten ein paar Wagen und Kostüme ab, während Musik und Trillerpfeifen und schrilles Lachen um uns brandeten. Der überquellende Abfall, das viele nackte weibliche und männliche Fleisch schockierten Mavis offensichtlich. «Why are they doing this?», murmelte sie, begleitet von verschiedenen Ausrufen in unterschiedlichen Tonstufen, die alle nichts Gutes zu bedeuten schienen. Ich entwickelte mässigen Ehrgeiz, ihr das Treiben erklären zu wollen; nach zwei Stunden kehrten wir aufs beschauliche Land zurück.

Beschämt führte ich sie am nächsten Tag in die Stadtbibliothek, in deren Eingeweiden Zehntausende von Büchern offen zugänglich aufgereiht stehen. Da wurde sie sogleich lebhaft. Wir schlugen englische Bücher über Ghana nach, folgten einigen Spuren, dann nahm sie sich ein englisches Standardwerk über Ozeanografie in den Lesesaal mit. Während ich an einer Übersetzung arbeitete, las sie sich quer durch den Wälzer, blickte gelegentlich über die schicke Lesebrille hinweg auf die fleissigen Studentinnen und Studenten mit ihren Laptops. Mein Herz schlug schneller ob dieser Begeisterung für Bücher. Einst hatte ich Mavis, nachdem sie die jüngsten Zeugnisnoten aus dem Gymnasium geschickt hatte, scherzend geantwortet, ich als Kulturtäter sehe mit Bedauern, dass die Noten in Kulturwissenschaften nicht ganz ihrem üblichen hohen Standard entsprächen, worauf sie mir eilig Besserung versprach, die sich im nächsten Zeugnis auch bereits manifestierte.

Aus der Bibliothek heimgekommen, fand ich die E-Mail eines südafrikanischen Anwalts vor, dessen englischen Text zum Thema Menschenrechte und illegitime Schulden der südlichen Länder gegenüber dem Norden ich für eine Broschüre übersetzte. Er hatte mir kleinere Korrekturen geschickt, die ich noch in die Übersetzung einarbeiten sollte. Also bat ich Mavis, die beiden englischen Fassungen miteinander zu vergleichen und anzustreichen, wo die Unterschiede lägen. Das erledigte sie sorgfältig und speditiv, ohne sich zum Inhalt zu äussern; was mich irritierte, da sich der Text mit Gründen für die weiterbestehende Unterentwicklung Afrikas beschäftigte und sie in ihren Briefen zurückhaltend, aber konstant ein politisches Interesse geäussert hatte.

Tatsächlich fragte sie kaum etwas. Meine Partnerin tat sich schwer damit, wunderte sich, wie man sich so wenig wundern konnte, während ich mir die Warnung einer Afrikaexpertin vorsagte, als Pateneltern seien wir für Mavis immer noch Autoritätspersonen, die es nicht mit Fragen zu belästigen, gar zu hinterfragen gelte, oder vielleicht, dachte ich, ist sie auch schlichtweg überwältigt. Sie war ja nicht unaufmerksam, im Gegenteil. Ja, sie beobachtete genau. Unsere Küche hatte sie sogleich im Griff, und bald bewegte sie sich auch in der Stadt allein und souverän.

Natürlich hatte sie uns Geschenke mitgebracht; die Hälfte des Inhalts ihres kleinen Koffers hatte daraus bestanden. Folkloristische Andenken, dazu Kleider, in traditionellen Mustern und Farben, steif gestärkt, die wir pflichtschuldig anzogen, die aber seither in einer Schublade ruhen.

6: Kumasi

Nach Ghana zurückgekehrt, nahm Mavis die kurzen regelmässigen Telefonate wieder auf. Bislang hatten wir sie jung, beinahe kindlich erlebt. Nun zeigte ein zugeschicktes Foto, dass sie erwachsen geworden zu sein schien.

Dann, im Juli 2008, starb Joshua, ihr Vater. Er hatte seit längerem mit Nierenproblemen gekämpft. Dennoch kam der Tod unerwartet und als Schock. Wie tröstet man von Kontinent zu Kontinent übers Telefon? Mavis sandte uns ein Video von der Beerdigung, samt gedrucktem Programm. Darin waren alle Würdenträger vermerkt, die dem Toten ihre Aufwartung gemacht hatten. Solches Angedenken, aufwendig und teuer, wurde, wie sie erklärte, von ihr als nächststehender Hinterbliebenen erwartet. Im Video sahen wir den aufgebahrten Leichnam, mit Blumen geschmückt, und die Angehörigen, Freunde, Bekannte versammelten sich, umrundeten den Sarkophag klagend und weinend – das kannte meine Partnerin aus ihrem Heimatkanton: sich beim gemeinsamen Trauern gegenseitig Trost zusprechen. Dagegen war vor einem Jahr meine Tante im Keller des Spitals aufgebahrt worden, und das Personal hatte ihr einen Blumenstrauss, der längst vertrocknet war, auf die Glasscheibe gelegt, würdelos und empörend.

Joshua hingegen wurden Gegenstände mitgegeben, die er für die Überfahrt brauchte, wie im ägyptischen Totenbuch. Dieser Glaube war allerdings nicht nur christlich eingefasst, sondern auch durch die Konsumgesellschaft überformt: Verlangt waren westliche Markenartikel, um den sozialen Rang des Verstorbenen zu dokumentieren.

Joshua hatte nur wenige Verwandte, jetzt mischten sich diejenigen der Mutter ein. Mavis erzählte, wie sie sich hatte zur Wehr setzen müssen, und die erfolgreiche Durchführung der Beerdigung war ihr Beweisstück gewesen, dass sie eine würdige Erbin sei und das väterliche Haus behalten dürfe – ein einfacher Betonbau, den Joshua unter anderem mit unseren Zuwendungen hatte errichten können. Weiterhin war sie arbeitslos. Es gab noch Geld von irgendwoher, auch von uns. So lebte sie dahin.

Dann, vor einem Jahr, erwähnte Mavis erstmals Sylvester. Sie hatte ihn schon in der Jugend gekannt, jetzt lebte er in England. Er wolle sie heiraten, aber vorerst halte sie ihn noch auf Armlänge, sagte sie lachend. Wenig später teilte sie uns ihre Verlobung mit und dass sie nach London ziehen wolle. Sollte Ghana endgültig eine ausgebildete Lehrerin verlieren? Der Braindrain schwächte doch alle Länder des Südens. Wir versuchten zu argumentieren. Aber welche Argumente standen uns zu? Ihre Lebensbedingungen waren nie recht vorstellbar gewesen und uns schon länger aus den Augen geraten.

7: London

Beim nächsten Besuch in London verabredete ich mich auf Mavis’ Wunsch mit Sylvester. Wir sassen in einem Pub in Islington, und ich sah mich in die Lage eines Vaters versetzt, der den künftigen Schwiegersohn auf finanzielle Verhältnisse und Berufsaussichten überprüft. Zwar nannte Mavis uns «Mum» und «Dad», aber war das mehr als eine lieb gemeinte oder ehrerbietige Floskel?

Sylvester war ein strebsamer junger Mann, bei einer Baufirma als Planer angestellt, erteilte daneben Englischunterricht an Landsleute, um mehr sparen zu können. Er wohnte in Chatham, östlich von London, an der Linie nach Canterbury und weiter nach Dover. Gegen Ende des Gesprächs schlug Sylvester vor, einen Kricketmatch zu besuchen, wobei ich den Verdacht hegte, das tat er nur, weil Mavis ihm von meiner Begeisterung dafür erzählt hatte. Er skizzierte realistische Pläne für Mavis: Sie sollte ihre Ausbildung nützen und in London – so wie er es tat – Landsleuten Englischunterricht erteilen, eine Aussicht, die sie mit mehr Befriedigung zu erfüllen schien als die Lehrtätigkeit damals in Ghana.

Das nächste Mal traf ich beide in London. Wir hatten uns um zehn Uhr morgens verabredet, ich wartete zunehmend besorgt. Um elf Uhr kündigten sie in einem Anruf ihr baldiges Eintreffen an; schliesslich kamen sie um dreizehn Uhr, weil sie noch die Westminster Cathedral besucht hatten. Typisch afrikanisch, dachte ich, aber vielleicht war es ja auch typisch junge Liebe. Mavis war anglikanisch erzogen worden, hatte begeistert im Kirchenchor gesungen. Jetzt ging sie, Sylvester zuliebe, zur katholischen Messe. Religion schien ihr eine Selbstverständlichkeit, ohne sie in ihrem alltäglichen Verhalten allzu sehr einzuengen.

Wieder tauschten wir Geschenke aus. Bei ihrem Besuch in der Schweiz hatte sie pfundweise Schweizer Schokolade nach Hause geschleppt. Das nannte sich globale Arbeitsteilung zwischen südlichen Rohstoffländern und nördlicher Veredelungsindustrie. Oder auch Neokolonialismus. Diesmal hatte sie ghanaische Schokolade mitgebracht, dazu eine Art ghanaischer Smarties, in Ghana alles Luxusware: praktisch reines Kakaopulver, für meinen Geschmack kaum geniessbar.

8: Chatham

Von Chatham aus schickte sie eine E-Mail, sie bemühe sich um eine ständige Aufenthaltsbewilligung für England. In der Zwischenzeit lebte sie etwas unwirsch, langweilte sich, ohne Betätigung, ohne Bekannte, im Vorort der mittelgrossen Stadt, wo ihr zuweilen das Wohnungsdach und das englische Wetter auf den Kopf fielen. Immerhin, es war eine gesicherte Langeweile. Dann kam die Nachricht, die Aufenthaltsbewilligung sei eingetroffen, und wenig später begann sie auch mit den ersten Stunden Englischunterricht.

Vor zwanzig Jahren hatte ich in London politische Exilierte aus Ghana getroffen. Für die war London ein Rückzugsgebiet gewesen, doch der Blick war auf Ghana gerichtet geblieben. Für Mavis war die Übersiedlung nicht so dramatisch. Es war nur ein kleines Drama der Normalität in der globalisierten Welt. Die eröffnet Chancen. Mavis hat sie ergreifen können. Für sie werden sich einige Hoffnungen erfüllen, andere werden unerfüllt bleiben. Sie wird in den globalen Wanderströmen zu einer Minderheit gehören.

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