Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Absperren, draufhauen, AKWs bauen

Erdbebengefahr und ein unerprobter Reaktortyp: Indiens Regierung will die leistungsstärkste AKW-Anlage der Welt bauen und ignoriert dabei Sicherheitsbedenken.

Von Joseph Keve, Bombay

«Wenn sie es wagen, das AKW-Projekt tatsächlich umzusetzen, dann nur über unsere Leichen», sagt der 38-jährige Chandrakant Patkar aus dem Dorf Shivane in der Nähe von Jaitapur. «Wir haben genug gehört und gesehen, was in Fukushima passiert ist.» Südlich der kleinen Hafenstadt im westindischen Bundesstaat Maharashtra soll ab Jahresende mit dem Bau der weltgrössten Atomkraftanlage begonnen werden. Sechs Europäische Druckwasserreaktoren (EPR) sollen dereinst eine Leistung von 9900 Megawatt aufweisen. Verantwortlich für den Bau sind das indische Staatsunternehmen NPCIL und der französisch-deutsche Atomkonzern Areva NP. Der EPR ist ein bislang noch nirgends fertig gebauter Prototyp, der nach Behauptung von Areva zehnmal sicherer sei als existierende Druckwasserreaktoren.

Der erste Tote

Die Atomkatastrophe im japanischen Fukushima hat die Proteste gegen das AKW-Projekt verstärkt. Immer wieder war es in der Vergangenheit zu teilweise gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und der Polizei gekommen. So wurden im Januar 2010 bei einer Kundgebung gegen die Landenteignungen für das Projekt 72 Personen verhaftet, letzten Dezember wurden gar 1500 DemonstrantInnen festgenommen.

Mitte April eskalierten die Proteste erneut, nachdem die Polizei auf einer Demonstration einen lokalen Fischer erschossen hatte und acht weitere Personen schwer verletzt wurden. Die Regierung von Maharashtra hat das Gebiet um Jaitapur seit Ende April mit einem polizeilichen Grossaufgebot abgesperrt. Medien und Auswärtigen wird der Zugang verwehrt mit der Begründung, sie könnten «zur Gewalt anstacheln». Hunderte AktivistInnen – meist lokale Bauern und Umweltschützerinnen – sind teilweise in Nacht-und-Nebel-Aktionen verhaftet worden. «Die Politiker haben den Medien verboten, mit uns zu reden, damit die Welt nicht erfährt, was wir hier durchmachen», sagt Hamid Govalker, der im Februar auf einer Demonstration von der Polizei zusammengeschlagen wurde. «Sie sprechen von den Entschädigungen für das enteignete Land, als ob sie uns damit einen Gefallen tun.» Doch die Menschen in Jaitapur wollen nicht ihre Lebensgrundlage und ihre Umwelt aufs Spiel setzen. «Sie sollen ihre Almosen behalten, und wir behalten unser Leben», sagt Govalker.

Die GegnerInnen des AKW-Grossprojekts haben längst das Vertrauen in die Regierung verloren. «Immer heisst es, dass Atomenergie sauber sei. Aber das ist eine Lüge», sagt der pensionierte Richter P. B. Sawant, der zu den MitorganisatorInnen eines Protestmarsches gehört, der Ende April von Tarapur (wo das älteste indische AKW steht) nach Jaitapur führte. Auch das renommierte Tata-Institut für Sozialwissenschaften beschuldigt die Regierung, seinen BürgerInnen wichtige Informationen über die immensen negativen Auswirkungen des Jaitapur-Projekts vorzuenthalten. So ist in einer Studie des Instituts zu lesen, dass die Regierung die Erdbebengefahr in der Region von «stark gefährdet» auf «mässig gefährdet» herabgesetzt hat, um Kritik am Projekt abzuwenden. Die Ergebnisse einer Studie zur Umweltverträglichkeit – das Projekt liegt mitten in einer offiziellen Biodiversitätszone – wurden nie veröffentlicht, ebenso wenig wie Informationen über gesundheitliche Schäden bei einer möglichen Strahlenbelastung.

Eine neue Behörde

Hinzu kommt, dass im Katastrophenfall die Betroffenen mit grosser Wahrscheinlichkeit sich selbst überlassen bleiben: Die AKW-Betreiberkonzerne haften in Indien pro Vorfall nur bis zu einer Schadensumme von umgerechnet knapp hundert Millionen Franken, der Staat kommt für weitere knapp sechs Millionen Franken auf.

Als einzige Massnahme nach Fukushima und als Reaktion auf die Proteste hat die Regierung am 26. April angekündigt, im Juli den bisherigen Kontrollausschuss für Atomenergie mit einer «unabhängigen» Behörde für Nuklearsicherheit zu ersetzen. Seit seiner Gründung 1983 hat der Kontrollausschuss noch nie ein Resultat der Überprüfung der derzeit zwanzig indischen AKWs veröffentlicht. Das Jaitapur-Projekt selbst steht jedoch nicht zur Diskussion, obwohl sich auch hochrangige PolitikerInnen, Militärangehörige und WissenschaftlerInnen inzwischen dagegen einsetzen. So sagte der ehemalige Staatschef Abdul Kalam kürzlich: «Indien muss von Japans Schicksalsschlag lernen und alle geplanten AKW-Projekte überprüfen.»

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