Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Kein Zutritt bei der Atomwirtschaft – ausser für Hofberichterstatter

Die Atomlobby tagt hinter verschlossenen Türen und begründet ihre Intransparenz mit Terrorgefahr. Im Saal sitzt der Atomklüngel aus Wirtschaft, Forschung und Politik – und die «Weltwoche».

Von Anja Suter

Donnerstagnachmittag letzter Woche in Bern: Im Salon Royal des Hotels Bellevue Palace hält das Nuklearforum Schweiz, einer der wichtigsten Lobbyvereine der Atomwirtschaft, seine Jahresversammlung ab. Geladen sind 174 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kommunikation. Ein Herr in beigem Anzug steht in der Tür des Salons und macht Einlasskontrolle. Auf dem Tisch links des Eingangs liegen Faltblätter auf. «Uran – Ressource mit Zukunft» oder «Robuster Strommix aus Kern- und Wasserkraft», lauten die Überschriften – die Broschüren preisen Atomkraftwerke als umweltfreundliche Energielieferanten an. Neben den Faltblättern liegen mehrere Exemplare der aktuellen Ausgabe der «Weltwoche». Chefredaktor Roger Köppel wurde als Referent geladen. Der Titel seines Vortrags: «Die grosse Hexenjagd. Journalismus und Atomkraft: eine Bedienungsanleitung». Die öffentliche Kommunikation ist das Thema der diesjährigen Versammlung.

Interessant genug, dachte die WOZ und wollte die Veranstaltung besuchen. Doch daraus sollte nichts werden.

Braucht es eine Einladung?

Der Herr im beigen Anzug, Matthias Rey, fragt nach der Einladung. «Braucht es eine Einladung? Das war auf der Website leider nicht ersichtlich.» Die Veranstaltung wurde bis 4. Mai öffentlich beworben. Dann wurde der deutsche Eintrag vom Netz genommen, in der französischen Version ist er noch abrufbar. «Das war ein Fehler», sagt Michael Schorer, Leiter Kommunikation des Nuklearforums. Er ist sichtlich genervt und beantwortet Fragen nur widerwillig. «Die Versammlung sollte nicht öffentlich ausgeschrieben werden.» Seine Mitarbeiterin am Empfangstisch, Frau Arni, bestätigt: «Es wurden Mitglieder und Freunde geladen.» Gehört die «Weltwoche» nun zu den Freunden oder zu den Mitgliedern des Forums, möchte man wissen.

Es sind harzige Zeiten für die Atomlobby. Die Öffentlichkeit ist nicht mehr so einfach für eine atomfreundliche Politik zu gewinnen. Verständlich also, dass das Nuklearforum auf Referenten wie Köppel zurückgreift. Auf sein Blatt war während der letzten Wochen Verlass: Die Artikel von Alex Baur und Alex Reichmuth unterscheiden sich inhaltlich nicht im Geringsten von jenen im «Nuklearforum-Bulletin». Nicht weiter erstaunlich deshalb, dass nebst Köppel auch Alex Baur an der Jahresversammlung des Nuklearforums teilnehmen konnte.

Weshalb hat die «Weltwoche» die Einladung der Atomlobby angenommen? Roger Köppel erklärt: «Es ist wichtig, Kontrapunkte zu setzen gegen die undifferenzierte, einseitige Berichterstattung über Kernenergie in den Schweizer Medien. Die ‹Weltwoche› muss Gegensteuer geben.» Baur und Köppel sind die einzigen Medienvertreter, die die Atomlobby geladen hat.

«Aufgrund des Anschlags auf die Swissnuclear in Olten haben wir beschlossen, diesmal die Medien nicht zu informieren – reine Sicherheitsmassnahme, sie verstehen», erklärt Matthias Rey professionell lächelnd. Natürlich tun wir das nicht. Und natürlich weiss das der Mann im beigen Anzug. Als PR-Berater weiss er aber auch, wie man kritische Fragen freundlich abschmettert. Rey arbeitet nicht nur für das Nuklearforum, sondern auch für die PR-Agentur Burson-Marsteller (BM). Also für jene illustre Propagandamaschinerie, die bereits die argentinischen Militärs und den chilenischen Diktator Augusto Pinochet beraten hatte und die Leugnung des Klimawandels orchestrierte.

Auch wir lesen Zeitungen

Vor fünf Jahren hat BM Schweiz die Geschäftsleitung des Nuklearforums übernommen. Und auch die Economiesuisse gehört zur grossen Familie, wie jüngst die Zeitung «Work» berichtete: Seit einem guten Jahr ist Urs Rellstab CEO des Schweizer Büros der BM. Davor leitete er die Energiekampagnen der Economiesuisse.

«Es handelt sich um eine interne Weiterbildungsveranstaltung für die Mitglieder des Forums», knurrt Kommunikationschef Schorer als Antwort auf die Frage, was in der Jahresversammlung besprochen werde, und wendet sich wieder ab. Keine weiteren Antworten.

Es bleibt also die Liste der TeilnehmerInnen. Viele sind Mitglieder des Forums, und die meisten sind bekannt: von PolitikerInnen der drei atomfreundlichen Parteien (SVP, FDP, CVP) über VertreterInnen der Economiesuisse, von den kleinen und grossen Energieunternehmen zu diversen Versicherungsgesellschaften, von WissenschaftlerInnen des Paul Scherrer Institut der ETH bis hin zu VertreterInnen des Bundesamts für Energie. Die Verflechtungen der Atomlobby mit Politik und Wirtschaft sind nicht neu, doch ist es immer wieder gut, sich diese vor Augen zu führen.

Als weiterer Referent geladen wurde Mathias Schuch vom französischen Atomriesen Areva. Als Kommunikationsbeauftragter von Areva Deutschland hat er Übung im Umgang mit kritischen Medien: Areva sorgte bereits mehrere Male für Schlagzeilen, zuletzt wegen schlampiger Arbeiten beim Bau eines Reaktors in Finnland (siehe WOZ Nr. 8/10). 2008 wurde Areva für den unrühmlichen Public Eye Global Award der Erklärung von Bern nominiert: Der Konzern lässt im westafrikanischen Niger Uran abbauen und schütze die ArbeiterInnen nicht genügend vor der schädlichen Strahlung. In den firmeneigenen Krankenhäusern werde nie Krebs diagnostiziert – todkranke Minenarbeiter würden zu Aids- oder Malariakranken gemacht.

Das Nuklearforum weiss von den Vorwürfen an Areva. «Auch wir lesen Zeitung», meint Geschäftsführer Roland Bilang lapidar. «Wie Sie dem Titel seines Referats entnehmen können, sprach Mathias Schuch zu einem ganz anderen Thema.»

Als der Fotograf der WOZ die geschlossenen Türen des Salon Royal fotografieren will, wird er aus dem Luxushotel verwiesen.

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