Nr. 22/2011 vom 02.06.2011

Das kleine Einmaleins des Markts

Versorgungslücken gibt es nicht, und die einzige Chance, zu sparen, liegt gerade in einer Verknappung des Angebots. Weshalb die Wirtschaftsverbände etwas marktgläubiger sein sollten.

Von Marcel Hänggi

Wie sieht eigentlich so eine Stromlücke aus?

Wenn die AKWs abgeschaltet und nicht ersetzt und auch keine neuen Grosskraftwerke gebaut werden, fehlen laut Bundesamt für Energie (BFE) im Jahr 2050 fast 50 Terawattstunden (TWh) pro Jahr – mehr als die Hälfte des Verbrauchs. Entwickelt sich der Verbrauch nach dem Szenario «Neue Energiepolitik», fehlen immer noch 25 TWh. Entsprechend redet jetzt etwa Economiesuisse von einer «Gefährdung der Versorgungssicherheit» durch den Atomausstieg. Aber wie wird die Stromlücke aussehen? Werden die Hälfte der Bildschirme schwarz und die Hälfte der Kochplatten kalt bleiben?

Wir sind ja sonst nicht so. Aber hier ist es angebracht, dass die WOZ den Wirtschaftsverbänden einmal den Markt erklärt. So ein Markt ist nämlich eine patente Sache: Stromlücken gibt es da keine. Dabei wollen wir die Betrachtung etwas vereinfachen, das ist in den Wirtschaftswissenschaften so üblich. Nehmen wir deshalb an, die Schweiz müsse sich vollständig selbst versorgen. Was, wenn gut die Hälfte der Stromproduktion wegfällt?

Angebot und Nachfrage

Ein funktionierender Markt kennt keine Versorgungslücke, weil er über den Preis dafür sorgt, dass Angebot und Nachfrage immer gleich sind. Steigt die Nachfrage oder wird das Angebot verknappt, steigt der Preis. Die Produzenten erhalten einen Anreiz, mehr zu produzieren oder Ersatzprodukte zu suchen – etwa Solar- statt Atomstrom. Durch den höheren Preis wird lukrativ, was bisher nicht lukrativ war. Die KonsumentInnen erhalten einen Anreiz, weniger zu verbrauchen, indem sie das teurere Angebot effizienter nutzen – oder einfach mit weniger auskommen.

Wie sich die Reaktion auf eine Veränderung von Angebot oder Nachfrage aus den genannten Möglichkeiten zusammensetzt, hängt von einer Grösse ab, die die Ökonomie «Preiselastizität» nennt. Atomkraftwerke beispielsweise sind extrem wenig preiselastisch: Sänke die Nachfrage, weil irgendwelche Appelle, Strom zu sparen, tatsächlich wirkten, so drosselten sie nicht ihre Produktion, denn das geht technisch nicht so leicht, und die variablen Kosten fallen gegenüber den Fixkosten sowieso kaum in Betracht. Ein AKW wird also weiterproduzieren und den Strom notfalls zu Dumpingpreisen verscherbeln, um die Nachfrage wieder auf das Niveau der Produktion anzuheben. Anders gesagt: Energie schafft sich ihre Nachfrage schon selbst.

Dumpingpreise fördern Verbrauch

Seit Jahrzehnten existieren Szenarien, die zeigen, wie mit weniger Energie auszukommen wäre (vgl. «Die Ernte wird eingefahren, hoffentlich»). Spätestens seit der Ölpreiskrise von 1973 haben die meisten Menschen begriffen, dass es gut wäre, weniger Energie zu verbrauchen. Das Potenzial dazu ist riesig – der ETH-Energieökonom Eberhard Jochem etwa schätzt, dass sich allein durch effizientere Energienutzung 80 bis 85 Prozent sparen liessen. Und doch verbrauchen wir immer mehr. Sind «die meisten Leute einfach nicht zum Stromsparen bereit», wie unsere Atomausstiegsministerin noch vor kurzem sagte?

Diese Folgerung ist eine Schlaumeierei: Wenn man «die Leute» zum Stromsparen auffordert, zugleich aber immer mehr (oder auch nur immer gleich viel) Strom anbietet, dann wird das Angebotene auch verbraucht werden.

Nun existiert der reibungslos funktionierende Markt natürlich nur in der Theorie. Die realen Energiepreise bilden sich eben nicht frei auf dem Markt, sondern Energie wird massiv subventioniert – weltweit genauso wie in der Schweiz (wo der Strompreis unter dem üblichen europäischen Marktpreis liegt). Man kann bezweifeln, ob man die Bereitstellung eines so wichtigen Guts wie Energie allein dem Markt überlassen will. Wenn man aber nur insofern vom Markt abweicht, als man die Preise verbilligt, darf niemand sich wundern, wenn der Verbrauch stetig steigt.

Es ist trivial: Wird auf einem Markt nur noch halb so viel angeboten, wird auch nur noch halb so viel verbraucht. Natürlich wird der Strom dann teurer, und wenn das von heute auf morgen geschähe, führte es zu sozialen Härten. Doch der Pro-Kopf-Stromverbrauch der Schweiz hat sich in den letzten vierzig Jahren verdoppelt. Da ist viel Elastizität. Auf elektrische Wäschetrockner, mehrere Grossbildschirme pro Haushalt und Ähnliches lässt sich ohne Härte verzichten. Und die Elektrizitätsgesellschaften gehören in der Mehrheit der öffentlichen Hand. Der Reibach, den sie mit hohen Strompreisen machen können, wird unser Reibach sein.

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