Nr. 23/2011 vom 09.06.2011

Das Gesetz des Dschungels: «Schwache sollen ruhig sterben»

Beeindruckend, wie in Tokio nach dem Erdbeben die Infrastruktur wiederhergestellt wurde. Oder doch nicht? Ein Buch blickt hinter die japanischen Kulissen.

Von Vladimir Vertlib

EuropäerInnen, die Japan besucht haben, erzählen meist ähnliche Geschichten: Der Alltag sei perfekt organisiert, die Strassen sauberer als in irgendeinem anderen Land, die Züge pünktlich, die Kriminalitätsrate niedrig, die Menschen unnahbar, aber freundlich, hilfsbereit und diszipliniert. Solche Impressionen bestätigen die bei uns vorherrschenden Stereotype. Japan – das Land der neuesten Mode und der glitzernden Fassaden, der wirtschaftlichen Effizienz und des Kollektivs, ein Erfolgsmodell, das allenfalls in den letzten zwei Jahrzehnten als Folge der Ostasienkrise nicht mehr so gut funktioniert hat.

Auch nach der Katastrophe im März griff man auf die bewährten Klischees zurück. Man staunte über die Gelassenheit und die Disziplin, mit der die Menschen auf Erdbeben, Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima reagierten, lobte ihre Solidarität und wunderte sich, wie rasch in einer Megalopolis wie Tokio die Infrastruktur wiederhergestellt wurde. Zwar kritisierte man die Informationspolitik des Energiekonzerns Tepco, führte aber manchmal die gezielte Desinformation und jahrelange Vertuschung von Unfällen und technischen Pannen ebenfalls auf die «japanische Mentalität» zurück – die Scheu davor, etwas direkt aus- oder anzusprechen, um das Gesicht nicht zu verlieren.

Internetcaféflüchtlinge

Doch Gleichmut darf man nicht mit Disziplin, spontane Hilfsbereitschaft in einer Extremsituation nicht mit Solidarität verwechseln. Wer das heutige Japan besser verstehen und hinter die Kulissen schauen möchte, sollte auf differenziertere Darstellungen zurückgreifen. Eines der besten Japan-Bücher heisst «Reportage Japan. Kratzer im glänzenden Lack».

Judith Brandner, die Verfasserin, ist eine renommierte österreichische Journalistin und Japanologin, die seit mehr als zwanzig Jahren viel Zeit in Japan verbringt und über das Land berichtet. Ihre Reportagen behandeln oft Themen, die in Japan als heikel gelten: die Welt der schäbigen Vorstädte, der «Internetcaféflüchtlinge» und Obdachlosen, der Tagelöhner und der «Lost Generation» – junge Menschen, die mit Mitte dreissig immer noch keinen festen Job haben und bei ihren Eltern wohnen. Sie schreibt über Bürokratie und Inkompetenz, über Ausländerfeindlichkeit, die Verdrängung oder Verharmlosung von Kriegsverbrechen. Man erfährt, dass für ausländische Kinder keine Schulpflicht besteht, dass der gesetzliche Mutterschutz nur zwei Monate beträgt und dass die Mafia als Sub-Unternehmerin für Grossbetriebe fungiert.

Schon im Jahr 2000 beklagte der japanische Kulturphilosoph Kenichi Mishima in einem Radiointerview, das er Judith Brandner gab, die «geistig-moralische Verwahrlosung, die zunehmende Kluft zwischen Arm und Reich und den völligen Mangel an Solidarität in einer Gesellschaft, in der nur Geld und Konsum zählen».

Nie wieder raufkommen

Wenn man Brandners Buch liest, erkennt man bald, dass diese Analyse heute so gültig ist wie vor zehn Jahren. «Wer einmal unten ist, kommt nie wieder hinauf» ist der Titel einer der insgesamt zwölf Reportagen und Essays. Firmen, die ihre MitarbeiterInnen lebenslang anstellen, gehören der Vergangenheit an. Etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung leben am oder unter dem Existenzminimum, viele sind arbeitslos. «Sehr oft hört man in Japan die Redewendung: Das ist das Gesetz des Dschungels. Schwache sollen ruhig sterben.» Dies mag tatsächlich die Haltung der Mehrheit wiedergeben, doch Brandner hat vor allem jene aufgesucht und interviewt, die sich mit dem Dschungelgesetz nicht abfinden wollen: Menschen, die sich in NGOs engagieren, den Chef einer Tagelöhnergewerkschaft, aufmüpfige Studentinnen, aber auch Schriftsteller wie den Bestsellerautor Haruki Murakami oder den Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe.

Judith Brandners plastische Reportagen zeigen ein Land, das sich im Umbruch befindet und dessen Widersprüchlichkeit sich nicht einfach erklären lässt, am wenigsten durch bekannte Denkmuster oder Klischees. Trotz aller Kritik ist die Liebe der Autorin zu Japan auf jeder Seite ihres Buches zu spüren.

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