Nr. 10/2017 vom 09.03.2017

Aus dem Innern der Katastrophe

In «Inside Fukushima» schildert der Undercoverjournalist Tomohiko Suzuki, was er als Leiharbeiter im havarierten Kraftwerk erlebt hat. Der japanische Bestseller ist jetzt auf Deutsch erschienen.

Von Judith Brandner

Tomohiko Suzuki.

Ein mieserer Job ist kaum vorstellbar: Rund einen Monat lang hat Tomohiko Suzuki im havarierten AKW Fukushima Daiichi geputzt. Seine Vorgesetzten ahnten während dieser Zeit allerdings nicht, dass ihr Angestellter hauptberuflich Reporter ist. Suzuki wollte sich undercover vor Ort ein Bild machen – und förderte durch die riskante Recherche Verstörendes zutage.

Sechs Jahre nach der Katastrophe vom 11. März 2011 und dem Super-GAU ist es ruhig geworden um Fukushima. Suzukis Buch kommt also zum richtigen Zeitpunkt. Die Regierung will angesichts der Olympischen Sommerspiele 2020 in Tokio rasch zur Normalität zurückkehren. Die Evakuierungsbefehle für die Zonen rund um das AKW werden nach und nach aufgehoben. 2021 soll auch die letzte Sperrzone fallen. Die Evakuierten verlieren die Entschädigungszahlungen und haben die Wahl, entweder zurückzukehren oder sich anderswo ein neues Leben aufzubauen. Viele glauben aber den offiziellen Beteuerungen nicht, alles sei dekontaminiert und sicher.

Das AKW und die Mafia

Tatsächlich ist die Lage auch noch lange nicht unter Kontrolle. Jeden Tag arbeiten in 1F – so die japanische Bezeichnung für Fukushima Daiichi – rund 7000 ArbeiterInnen. Rechnet man jene hinzu, die dekontaminieren, sind etwa 20 000 bis 30 000 Menschen mit den Aufräumarbeiten beschäftigt. Die meisten von ihnen sind Wanderarbeiter.

Um über die AKW-ArbeiterInnen und über die Verflechtungen zwischen Atomindustrie, Politik und Yakuza, der japanischen Mafia, zu berichten, heuerte Suzuki wenige Monate nach dem Unfall als Leiharbeiter in 1F an. Eigentlich ist die Mafia sein Hauptthema. Das AKW und die Yakuza – beides sei gefährliches Terrain, so Suzuki. Die beschönigende Darstellung der Ereignisse und die unklaren Informationen über die Beschäftigten vor Ort bewogen ihn, sich selbst ein Bild zu machen. Er nutzte seine Kontakte zur Yakuza, um an Informationen zu gelangen, arbeitete jedoch nicht in einer Yakuza-Firma. Die Mafia ist sowohl in der Sub- und Subsubunternehmensstruktur der Atomindustrie als auch als Arbeitsvermittler tätig, wirbt also aktiv AKW-ArbeiterInnen an.

Bis zu seiner Enttarnung dokumentierte Suzuki mit versteckter Kamera die chaotischen Zustände im Innern des AKW, den fahrlässigen Umgang mit der Strahlenbelastung und die Unwissenheit vieler ArbeiterInnen über die Gefahren der Radioaktivität. Gespräche mit KollegInnen hat er aufgezeichnet und anonymisiert in sein Buch aufgenommen. Und immer wieder stiess er auf die Verbindungen zur Yakuza. Er erlebte am eigenen Leib, was es bedeutet, in der Sommerhitze in mehreren Schichten eine solche Arbeit zu verrichten. Nur knapp entging er einem Hitzschlag. Ein anderer Arbeiter kam unter diesen Bedingungen ums Leben.

Dabei hatte sich Suzuki intensiv auf den Job vorbereitet, Rauchen und Alkoholkonsum reduziert und begonnen, Sport zu treiben. Der Gefahren war er sich bewusst: «Mit hundertprozentiger Sicherheit würde ich verstrahlt werden.» Bei Recherchen zur Frage, wie man sich schützen kann, stiess er auf das Taniguchi-Projekt. Der Initiator und Arzt Shuichi Taniguchi wollte die AKW-ArbeiterInnen zur Entnahme eigener Blutstammzellen und zu deren Konservierung motivieren, als Prävention für eine spätere Behandlung von Leukämie. Doch die Regierung, die Atomaufsichtsbehörde und der AKW-Betreiber Tepco lehnten das ab, weil es die ArbeiterInnen verunsichern würde. Suzuki liess die Präventivbehandlung bei sich vornehmen.

Erscheinen zum Jahrestag

In Japan war die Reportage 2011 ein Bestseller. Sechs Jahre hat es gedauert, bis nun die Übersetzung im Verlag Assoziation A erschienen ist. Zu verdanken ist die deutschsprachige Ausgabe, für die Günter Wallraff das Vorwort geschrieben hat, vor allem der Textinitiative Fukushima und dem ÜbersetzerInnentrio Felix Jawinski, Heike Patzschke und Steffi Richter. Seit April 2011 überträgt die Textinitiative die Texte diverser japanischer AutorInnen zu Fukushima ins Deutsche. Mitherausgeber ist das Literaturfestival «Lesen ohne Atomstrom» in Hamburg, wo das Buch zum Jahrestag am 11. März auch präsentiert wird.

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