Nr. 26/2012 vom 28.06.2012

Der Alltag der Überlebenden

Hat sich Japan verändert? Judith Brandner berichtet in einer grossen Reportage über das Land ein Jahr nach dem Tsunami und dem Reaktorunfall.

Von Vladimir Vertlib

Das grosse Erdbeben, der Tsunami und der Reaktorunfall von Fukushima brachten Japan im Frühjahr 2011 ins Zentrum des internationalen Medieninteresses. Bald jedoch schienen wieder andere Themen wichtiger zu sein. Nur sporadisch hört man heute noch etwas von Menschen, die weiterhin in Notunterkünften leben, von hoher Strahlenbelastung oder verseuchten Lebensmitteln. Als eine vom Tsunami losgerissene japanische Hafenmole Monate später am anderen Ende des Ozeans im US-Staat Oregon an Land gespült wurde, war dies den Fernsehsendern eine Meldung wert. Der Alltag der Überlebenden von «3.11.», wie die Katastrophenserie vom 11. März 2011 in Japan genannt wird, oder gar die Frage, wie diese Katastrophen und ihre Folgen die japanische Gesellschaft verändert haben, interessiert hingegen nur wenige BerichterstatterInnen aus dem Westen.

Die österreichische Journalistin und Japanologin Judith Brandner ist da eine löbliche Ausnahme. Sie hat im Herbst 2011 mehrere Monate in Japan zugebracht, die vom Unglück am meisten betroffenen Regionen bereist, viele Interviews geführt, Anti-AKW-AktivistInnen begleitet und etwa mit dem Schriftsteller Haruki Murakami gesprochen. Nun sind ihre Texte unter dem Titel «Reportage Japan. Ausser Kontrolle und in Bewegung» als Buch erschienen.

Kein Sozialstaat

«Japan hat nach 1945 nie überlegt, welche Art von Gesellschaft es errichten will», zitiert Brandner Hiroki Azuma, einen der jungen, kritischen Intellektuellen des Landes. «Und auch nach der Katastrophe haben wir diese Chance versäumt!»

Je länger man das Buch liest, umso treffender wird diese Feststellung. Nach traditionellem japanischem Verständnis zählt die Gemeinschaft zwar mehr als das Individuum, doch die japanische Gesellschaft ist nicht wirklich solidarisch, das Land ist kein Sozialstaat im europäischen Sinn. Die Verhältnisse, in denen viele Opfer des Reaktorunfalls und des Tsunamis leben, sind menschenunwürdig.

Japan ist eine funktionierende parlamentarische Demokratie, die allerdings von mächtigen Lobbys und Grossunternehmen (wie dem Atomkraftwerkbetreiber Tepco) dominiert wird. Transparenz, kritische Berichterstattung oder ziviler Ungehorsam haben keine Tradition. «Die Spitzenmanager von Tepco, die Direktoren und der Firmenboss gehören ins Gefängnis», sagt der Schriftsteller Murakami. «Aber die Staatsanwaltschaft erhebt keine Anklage.» Laut Murakami gibt es drei grosse Probleme: dass niemand die Verantwortung übernimmt, dass es in Japan keine Volksabstimmungen gibt und dass keine grüne Partei existiert. Grundsatzentscheidungen werden nicht gefällt. So überrascht es kaum, dass die meisten Menschen auf das Trauma von «3.11.» mit Resignation, Apathie oder Verdrängung reagieren. «Die Menschen bringen ihre Gefühle nicht nach aussen, sie sind sehr in sich gekehrt», erzählt der Psychiater Norihiko Kuwayama. «Das ist mit ein Grund, warum die Selbstmordrate höher ist als anderswo.»

«Es geht uns gut», beteuern die EinwohnerInnen von Futaba, der Nachbarstadt von Fukushima, die alle evakuiert werden mussten. Sie hätten genug zu essen und würden medizinisch versorgt. Die meisten von ihnen sind heute in Kazo-Shi – weit weg von ihrer Heimat – in einer ehemaligen Schule untergebracht: neun Personen in jedem Zimmer. Tepco müsste sich für die Unannehmlichkeiten zumindest entschuldigen und versuchen, das Geschehene irgendwie wiedergutzumachen, meint der Bürgermeister. Aber das passiert nicht.

Wollschnüre gegen die Macht

Doch nicht alle sind so genügsam wie die Menschen von Futaba, einer Stadt, die aufgrund der hohen Strahlenwerte noch dreissig Jahre lang unbewohnbar bleiben wird. Japan ist in Bewegung geraten, alte Kontrollmechanismen greifen nicht mehr. DemonstrantInnen haben vor dem Meti, dem mächtigen Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie, ein Zelt aufgebaut, in dem sie monatelang ausharren, um gegen die Atompolitik des Landes zu demonstrieren, denn Japan hat sich auch nach der Katastrophe noch nicht von der Atomenergie verabschiedet. «Kein einziger Journalist ist bis jetzt bei uns vorbeigekommen. Schön, dass Sie da sind!», sagt eine Aktivistin zur Autorin. Anschaulich und einfühlsam zeichnet Brandner diese Menschen unterschiedlichen Alters, deren Herzlichkeit, Offenheit, Einfallsreichtum und Humor so gar nicht unseren Japanklischees entsprechen. Der vom Schriftsteller und Nobelpreisträger Kenzaburo Oe mitbegründeten Anti-Atom-Plattform Sayonara Genpatsu ist es am 19. September 2011 in Tokio gelungen, rund 60 000  Menschen zu einer Veranstaltung gegen die Atomenergie zu mobilisieren – ein sensationeller Erfolg in einem Land ohne ausgeprägte Demonstrationskultur.

Brandner schildert aber nicht nur Augenfälliges. Ihre Stärke liegt gerade in den Beschreibungen von scheinbar kleinen Aktionen des Widerstands, von persönlichem Engagement, Kreativität und der Fähigkeit, dem Schicksal mit Witz ein Schnippchen zu schlagen. Das traditionelle Trommlerfest von Rikuzentakata, einem Fischerort, der nicht mehr existiert, findet trotzdem statt – im nordjapanischen «Exil». Es gibt den Menschen Kraft. Ein Arzt und ein Priester kümmern sich um Kinder, die durch den Tsunami zu Waisen geworden sind. Und Sachiko Sato, die Vertreterin der neuen Frauenbewegung von Fukushima, spannt mit ihren Mitstreiterinnen im Ministeriumsviertel von Tokio Wollschnüre, um auf den Zustand des Landes aufmerksam zu machen. «Ich stelle mir vor, wie ganz Tokio eines Tages voll mit strickenden Frauen ist», schreibt Brandner, «und wie sich immer mehr Männer, die hier das Sagen haben, in ihren Wollfäden verheddern und straucheln und stürzen.»

Ein schöner Gedanke, den man gerne weiterspinnen wird, wenn man dieses berührende Buch gelesen hat.

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