Nr. 24/2011 vom 16.06.2011

Wie und wo haben Sie gestreikt?

Warum Christine Goll nie Bundesrätin werden wollte. Warum sie sich über die von ihr gewählte Bundesrätin ärgert. Warum Feminismus mit Umverteilung zu tun hat.

Von Anja Suter (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Christine Goll: «Wenn wir bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Frauen durchsetzen möchten, müssen wir die konsequente Umverteilung fordern.»

WOZ: Frau Goll, letzten Dienstag war Frauenstreiktag. Haben Sie gestreikt?
Christine Goll: Ich war in Bern, wir haben ja Session. Während der Fragestunde des Parlaments stellten wir dem Bundesrat kritische Fragen zur Umsetzung der Gleichstellung. Nach dreizehn Uhr ging ich hoch zur kleinen Schanze, wo sich viele Frauen versammelten, um Push-up-BHs an Ballonen in die Luft fliegen zu lassen und gemeinsam mit voller Kraft in die Trillerpfeifen zu pusten. Da waren auch viele junge Frauen, die klarmachten, dass längst nicht alle Ziele der Vorkämpferinnen erreicht sind und es neuen Schub braucht. Das war ein Riesenaufsteller! Anschliessend nahm ich an der Aktion meiner Partei unter Leitung der SP-Frauen teil: Mit Transparenten, Megafon und Trillerpfeifen gingen wir vor Beginn der nachmittäglichen Session zusammen mit der Juso auf den Bundesplatz, wo die Ko-Präsidentin der SP-Frauen, Maria Roth-Bernasconi, und SP-Präsident Christian Levrat Reden hielten.

Aber abgesehen von den Fragen zur Gleichstellung war der Frauenstreik im Bundeshaus kein Thema?
Doch! Mitarbeiterinnen der Parlamentsdienste haben beispielsweise die T-Shirts «Lohngleichheit jetzt!» der Gewerkschaften getragen. Und viele Frauen hatten das Tuch von Syndicom mit dem Streiktagssignet um den Hals – sogar Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf! Das fand ich super.

Gegen siebzehn Uhr verliess ich zusammen mit weiteren Streikenden den Saal und ging an die Demo. Wir bestreikten also den Parlamentsbetrieb, der ausgerechnet an diesem Tag bis 22 Uhr dauerte. Letztes Jahr wurden Parlamentssitzungen früher beendet, damit die Spiele der Fussball-WM verfolgt werden konnten. Doch der 14. Juni reicht anscheinend den meisten nicht als Anlass, um eine Sitzung früher zu schliessen. Das ist ein Grund mehr, weshalb dieses Parlament dringend mit mehr Frauen bestückt werden muss. (Lacht.)

Was bedeutet für Sie heute eine feministische Politik – auch ganz persönlich: Wie lauten die feministischen Fragen heute?
Feministische Politik ist für mich nach wie vor mit der ökonomischen und sozialen Frage verknüpft. Mich interessiert, wie sich konkrete politische Entscheidungen auf die Arbeits- und Lebensrealität von Frauen auswirken: Die ungleiche Verteilung von Arbeit, die Lohnungleichheit, die ungleiche soziale Absicherung – das hat einen roten Faden. Und daher ist es letztlich die Verteilungsfrage, oder die Umverteilungsfrage, die im Zentrum unserer Politik stehen muss. Wenn wir bessere Arbeits- und Lebensbedingungen für Frauen durchsetzen möchten, dann müssen wir diese Frage immer wieder stellen und die konsequente Umverteilung fordern – bis zur Frage der Verteilung der Macht beziehungsweise der Teilhabe von Frauen an wirtschaftlichen und politischen Machtpositionen, wo Entscheidungen fallen, die sich auf die Lebensrealitäten anderer Frauen auswirken.

Als direkter Erfolg des letzten Frauenstreiks von 1991 wird unter anderem gefeiert, dass die Schweiz mittlerweile vier Bundesrätinnen hat. War es für Sie nie Thema, für den Bundesrat zu kandidieren?
Nein. Ich habe zu oft erlebt, was diejenigen Leute, die das werden möchten, tun müssen, um auch von den Bürgerlichen gewählt zu werden.

Was denn – politische Positionen über Bord werfen?
Ja – auch wenn es nur Kalkül ist. Aber das ist das Spiel der Konkordanz, das mir zuwider ist.

Sie haben sich beispielsweise von Anfang an gegen die Ausschaffungsinitiative und den Gegenentwurf gestellt. Bei der Wahl einer SP-Vertreterin als Bundesratskandidatin haben Sie sich jedoch klar gegen Jacqueline Fehr und für Simonetta Sommaruga, eine Mitinitiantin des Gegenentwurfs, eingesetzt. Weshalb das?
Um klarzustellen, worum es ging: Ich hatte die Wahl zwischen zwei linken Frauen, die sich beide in alle Richtungen verbiegen mussten, um überhaupt Bundesratskandidatin zu werden.

Vom politischen Profil her sind die beiden Frauen identisch. Daher war es am Schluss eine Frage der persönlichen Erfahrung, die ich mit den beiden Frauen während des gemeinsamen Politisierens machte. Ich hatte etliche politisch-inhaltliche Kämpfe mit Simonetta Sommaruga und werde die auch weiterhin haben. Doch wenn ich mit jemandem verhandeln muss, dann will ich mich auf diese Person verlassen können – und auf Sommaruga kann ich mich verlassen.

Sind Sie zufrieden mit der heutigen Justizministerin Sommaruga?
Ich ärgere mich gleich oft über sie wie früher. Das Letzte, was mich aufregte, war die Geschichte mit der Beschleunigung des Asylverfahrens. Ich meine: Wenn diese Verfahren im Eilzugtempo durchgepeitscht werden, kannst du den einzelnen Menschen doch niemals gerecht werden.

Ich freue mich aber auch über Simonettas tatkräftige Unterstützung der Dachorganisation der Frauenhäuser, um das Aufenthaltsrecht von gewaltbetroffenen Migrantinnen in den Kantonen besser durchsetzen zu können.

Christine Goll (54) war von November 2003 bis Dezember 2009 Präsidentin der Gewerkschaft VPOD und ist noch bis zum Herbst 2011 Zürcher SP-Nationalrätin.

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