Nr. 35/2011 vom 01.09.2011

Von wegen genialer Konstrukteur

Ferdinand Porsche, der noch immer gefeierte Autobauer, war nur einer von vielen Stuttgarter NS-Grössen. Ein Buch mit 45 Porträts zeigt, was engagierte BürgerhistorikerInnen bewirken können.

Von Wolfgang Storz

Dieses Buch, das noch viel mehr als nur zwei Auflagen verdient hat, ist aus drei Gründen ein besonderes Werk: Geografisch konzentriert auf die Stadt Stuttgart und die nahe Umgebung, vermittelt es Eindrücke von Schicksalen, vom Leben und von der Politik während der Nazidiktatur in einer Dichte, der nicht auszuweichen ist. Zu Recht ist in Fachblättern von einem «Meilenstein der regionalen Geschichtsschreibung» die Rede.

Zweitens handelt es sich bei den Texten ausschliesslich um Porträts. Die AutorInnen arbeiten an der entscheidenden Stelle: Wo der Einzelne zum Täter wird, also oft mehr getan hat als das, wozu ihn die berühmt-berüchtigten Umstände unmittelbar zwangen. Sie fragen, warum er das tat, wie er davon profitierte und wie er und die Behörden danach mit seinem Tun während der Diktatur umgegangen sind. Der Wissenschaftler Wolf Ritscher geht in einem sehr kenntnisreichen, aber leider etwas kurzen Beitrag auf die Diskussion über den Begriff der aktiven und passiven Täter und damit auch auf das Vergehen der zweiten Schuld ein.

Und drittens porträtiert dieses Buch aus allen Bereichen (Politik, Wirtschaft, Justiz, Verwaltung, Kirchen) alle denkbaren Typen von Tätern und Mitmachern; die Palette reicht von jenen, die sich wie selbstverständlich als Handreicher einreihten, bis zu demjenigen, der sich als staatlich anerkannter Massenmörder an die Spitze stellte.

Auch Angehörige schreiben: ein Sohn über seinen Vater, der als Kriegsverbrecher unter anderem für Deportationen von slowakischen JüdInnen verantwortlich war, und eine Enkelin über ihren Grossvater, der in Auschwitz folterte. Beides besonders bewegende Texte.

45 Männer

Insgesamt werden 45 Täter vorgestellt, alles Männer: Leiter von KZ-Lagern, Gemeinderäte und Verwaltungskaderleute, Denunzianten und Sachbearbeiter, Ärzte und Polizeibeamte, Richter, Pfarrer und Künstler – es sind diese vielen normalen Bürger, die mal gerne, mal unwillig, mal aus Überzeugung und mal aus reinem Nutzendenken, aber immer zuverlässig das Ihre zum Gelingen der nationalsozialistischen Menschenvernichtung beitrugen.

Der Herausgeber Hermann G. Abmayr schreibt im Vorwort: «NS-Täter zu werden, war kein Naturgesetz.» Abmayr begründet Auswahl und Konzept des Buches mit einem Zitat von Primo Levi: «Es gibt Ungeheuer, aber es sind zu wenige, als dass sie wirklich gefährlich werden könnten. Wer gefährlicher ist, das sind die normalen Menschen.»

Buchstäblich deprimierend die Bilanz danach: Nur wenige wurden ernsthaft zur Rechenschaft gezogen; für zu viele ist ihr Nazitätertum nicht Hindernis, sondern Grundlage für eine spätere Karriere im demokratischen Deutschland gewesen. Eines dieser widerlichen Paradebeispiele: Der Stuttgarter Finanzfachmann Paul Binder, der an der Arisierung jüdischer Geschäfte beteiligt war, wurde für die CDU in den Landtag von Württemberg-Hohenzollern gewählt und von diesem Gremium in den Parlamentarischen Rat geschickt – zur Ausarbeitung des Grundgesetzes.

Das Buch hat verdient, dass es wirkt. Und Aufmerksamkeit wurde ihm reichlich zuteil, natürlich in Stuttgart und der Region, aber auch bundesweit – vor allem weil auch Ferdinand Porsche – «Hitlers Lieblingskonstrukteur, Wehrwirtschaftsführer und Kriegsgewinnler» – als «gewissenloser Profiteur des Naziregimes» beschrieben und ihm nicht länger verfälschend als genialem Konstrukteur gehuldigt wird.

Stuttgarter Netz

Dieses Buch mit Beiträgen von insgesamt dreissig AutorInnen steht in Stuttgart nicht im luftleeren Raum, sondern auf einem Fundament von Arbeiten und Initiativen, die sich seit vielen Jahren der NS-Zeit widmen: Es gibt antifaschistische Stadterkundungen, die Stolperstein-Initiative (inzwischen markieren in Stuttgart über 500 Stolpersteine den jeweils letztbekannten Wohnort von Opfern), zahlreiche Bücher und Filme über Widerstand, Leben und Vernichtung während der NS-Zeit. Dieses Buch und das grosse Stuttgarter Netz von kompetenten und engagierten BürgerhistorikerInnen zeigen, wie gross noch immer die Defizite der offiziellen Geschichtsschreibung über die NS-Diktatur sind und wie viel engagierte LaiInnen bewirken können.

Dass der zuständige Staatsapparat, in diesem Fall das baden-württembergische Kultusministerium, solche Werke nicht selbstverständlich (und in hoher Auflage) für den Geschichtsunterricht zur Verfügung stellt, signalisiert, welche Wegstrecken des Lernens Behörden und Verantwortliche in der deutschen Demokratie noch vor sich haben.

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