Nr. 12/2012 vom 22.03.2012

Parkplatz, Gartencenter, Parkplatz

Nach der Annahme der Zweitwohnungsinitiative sind alle Blicke auf den Alpenbogen gerichtet. Dabei bestehen die Probleme vor allem in den Agglomerationsgebieten des Mittellands. Ein Besuch an drei raumplanerischen Brennpunkten im Zürcher Oberland.

Von Jan Jirát (Text) und Ursula Häne (Foto)

Hinter dem Brachfeld die Baugespanne und dann die Häuser: Die Einfamilienhaussiedlung bei Gutenswil findet kein Ende.

Andreas Hasler, Raumplaner und Geschäftsführer von Pro Natura Zürich, müsste eigentlich zufrieden sein. Es sind wegweisende Weichen für eine nachhaltigere Zukunft gestellt worden. Anfang März hat der Nationalrat einem griffigeren Raumplanungsgesetz zugestimmt. Die Revision sieht einerseits eine Mehrwertabgabe vor: Wird künftig Bauland neu eingezont, zahlen die GrundeigentümerInnen für den Mehrwert eine Abgabe von mindestens zwanzig Prozent. Andererseits müssen die Kantone – sie setzen das Raumplanungsgesetz um – überdimensionierte Bauzonen reduzieren. Baulandreserven dürfen in Zukunft nur noch den Bedarf der nächsten fünfzehn Jahre abdecken, was darüber hinausgeht, wird rückgezont. Davon betroffene BodenbesitzerInnen werden über die Mehrwertabgabe entschädigt. Zudem wurde am vorletzten Wochenende die Initiative «Schluss mit dem uferlosen Bau von Zweitwohnungen» angenommen. Der Anteil an Zweitwohnungen darf in einer Gemeinde künftig nicht über zwanzig Prozent liegen.

Dennoch mag Andreas Hasler nicht jubilieren. «Klar, die Haltung des Nationalrats hat aufgezeigt, dass das neu gewählte Parlament umweltpolitisch an einem anderen Ort steht als noch im letzten Herbst, als die Revision des Raumplanungsgesetzes chancenlos blieb», sagt Hasler. «Aber wenn ich mich vor meiner Haustür im Zürcher Oberland umsehe, dann kommen diese Korrekturen sehr spät.» Allein in seiner Wohngegend macht Hasler drei spezifische raumplanerische Brennpunkte aus.

Ein Ende ist nicht in Sicht

Verlässt man Hombrechtikon in nördlicher Richtung, tauchen erst ein Pflanzencenter und dann ein Landmaschinenbetrieb auf. Dazu gehören jeweils mehrere Gebäude und grosszügige Parkplatzflächen. Beide Betriebe stehen in der Landwirtschaftszone – also genau dort, wo gemäss Raumplanungsgesetz nur für landwirtschaftliche Zwecke und in Ausnahmefällen gebaut werden darf. Die Realität sieht anders aus: Wie die Umweltschutzverbände festhalten, steht heute in der Schweiz jedes vierte Gebäude ausserhalb der Bauzone. Das sind über eine halbe Million Gebäude.

«Allein im Kanton Zürich entstehen pro Arbeitstag mehr als vier neue Baustellen ausserhalb der Bauzonen», sagt Hasler, der für die Grünliberalen im Zürcher Kantonsrat sitzt. Und von diesen bewilligten Baugesuchen hätten sechzig Prozent Ausnahmebewilligungen. «An diesem Punkt müssen wir ansetzen. Ausnahmebewilligungen müssen auch wirklich Ausnahmen bleiben und folglich nur noch zehn Prozent ausmachen. Die restlichen neunzig Prozent sollen landwirtschaftliche Bauten sein, also eben nicht Gartencenter oder Landmaschinenbetriebe. Das sind für mich ganz klar gewerbliche Bauten.» Diese Entwicklung sei vielen Leuten noch gar nicht bewusst, weil die entsprechenden Bauten eben nicht verdichtet, sondern sehr verstreut in der Landschaft stehen.

Genau das Gegenteil ist zwanzig Kilometer nördlich von Hombrechtikon am Ortseingang von Gutenswil der Fall. Hier reiht sich Einfamilienhaus an Einfamilienhaus. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht: Kräne und Bagger stehen vor unfertigen Rohbauten, auf der gegenüberliegenden Wiese steckt eine Armada von Stangen künftige Baustellen ab. Was auffällt: Folklore fehlt gänzlich. Es flattern keine Schweizerfahnen im Wind, und es stehen auch keine Gartenzwerge auf den Wiesen oder Geranien auf den Balkonen. Dafür beanspruchen die Einfamilienhäuser hinter ihren Hecken, Mauern und Zäunen viel Platz – für die Wohngebäude in allen Formen, für Garagen und leere Gartensitzplätze. Überhaupt die Leere: Sie ist an diesem Montagnachmittag am Einfamilienhaus-Hang in Gutenswil allgegenwärtig. Die Stimmung erinnert an einen Film des US-Regisseurs David Lynch.

«Vor fünfzehn Jahren war hier nur Acker- und Wiesland», sagt Andreas Hasler, der im benachbarten Illnau-Effretikon wohnt. Tatsächlich verdoppelte sich die Bevölkerung von Gutenswil, das zur Gemeinde Volketswil gehört, in den letzten zwanzig Jahren auf heute rund 1450 EinwohnerInnen. Aber was könnte man diesem flächenintensiven Traum vom Eigenheim entgegensetzen? «Qualitativ hochstehende Bauten, die viel Privatraum gewähren, aber weit dichter gebaut sind als in Gutenswil. Ein gutes Beispiel dafür ist die Siedlung Benglen bei Fällanden», erklärt Hasler.

In Volketswil selbst ist schliesslich der dritte raumplanerische Brennpunkt unübersehbar. Er trägt sogar einen Namen: Volkiland. Das Shoppingcenter steht sinnbildlich für eine Gewerbenutzung mit hohem Bodenverschleiss: riesige Parkplatzflächen und meist einstöckige Grossbauten. «Mehrstöckige Gebäude und unterirdische Parkplätze sind massiv teurer, also bauen die Einkaufsketten und Logistikfirmen bevorzugt flächenintensiv, aber günstig.» Dieses Problem habe sich mit dem Markteintritt der deutschen Discounter noch verschärft, ergänzt Hasler. Der Zürcher Kantonsrat hat deshalb Ende Februar dem Regierungsrat ein Postulat überwiesen, das den gewerblichen Bodenverschleiss eindämmen soll.

Bauen ausserhalb der Bauzonen, der Traum vom Einfamilienhaus und Gewerbezonen auf zu grosser Fläche: Die raumplanerischen Brennpunkte in den Agglomerationsgebieten des Mittellands sind längst bekannt. Das Problem ist nicht das fehlende Bewusstsein, sondern der mangelnde politische Wille, die Gesetze auch umzusetzen.

Mehr Landschaftsschutzgebiete!

«Man mag es höchstens bedauern, dass der Bundesbeschluss zwanzig Jahre zu spät kommt, nachdem schon unzählige Landschaften und Ortsbilder von einmaliger oder auch von schlichter Schönheit und Eigenart in den letzten Jahren dem Baufieber und einer planlosen wilden Bauerei zum Opfer gefallen oder stark beeinträchtigt worden sind.» Dieser Satz ist nicht etwa in der aktuellen Frühlingssession der Räte gefallen, sondern vor exakt vierzig Jahren. Gesagt hat ihn der damalige SVP-Nationalrat Ernst Akeret. Mit ihm sagte im März 1972 die gesamte Bundesversammlung einstimmig Ja zum Bundesbeschluss über dringliche Massnahmen zur Raumplanung. Die wichtige Trennung in Bauzonen und Nichtbauzonen war vollzogen.

Aber was hat der Beschluss bewirkt? Die Raumplanerin Martina Koll-Schretzenmayr vom Netzwerk Stadt und Landschaft der ETH Zürich hat in ihrem Buch «Gelungen – misslungen? Die Geschichte der Raumplanung Schweiz» die bauliche Entwicklung der vergangenen vierzig Jahre untersucht. Das Fazit fällt ernüchternd aus. Die Zersiedelung konnte nicht mal annähernd eingedämmt werden. Trotz vorhandener Flächenpotenziale in bestehenden Bauzonen haben die Gemeinden laufend neues Bauland eingezont. Die Landpreise sind stetig gestiegen, wodurch kostengünstiges Bauen und preisgünstiges Wohnen in Agglomerationsgebieten praktisch verunmöglicht wurden. Die Folge: flächenintensive Einfamilienhäuser, so weit das Auge reicht. Ausserdem hat die Dominanz der VerkehrsplanerInnen dazu geführt, dass der Autobahnbau nicht in die Raumentwicklung eingebunden war und ohne Rücksicht auf die räumliche Entwicklung voranschreitet. (Das Strassennetz der Schweiz umfasst mittlerweile über 70 000 Kilometer – damit käme man fast zweimal um die Welt.)

Für Andreas Hasler ist klar, dass sich auch mit der jetzigen Revision des Raumplanungsgesetzes nur etwas ändern wird, «wenn sich die Kantone strikter an die Gesetzgebung halten. Nur so kann die weitere Zersiedelung gestoppt werden.» Zusätzlich brauche es vor allem im Mittelland neue Landschaftsschutzgebiete, in denen das Bauen ausserhalb der Bauzonen effektiv sehr stark eingeschränkt wird. «Im Kanton Zürich gibt es leider erst wenige und kleine solche Landschaftsschutzgebiete um den Pfäffiker- oder um den Greifensee. Gerade im Zürcher Weinland gibt es weitere schützenswerte Gebiete, etwa das Stammertal. Das müssen wir angehen.»

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