Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

«Wir brauchen ein knallhartes Netzwerk»

Grüne Frauen werden abgewählt, junge linke Männer starten steile Karrieren. Ist das reiner Zufall? Wer macht unter welchen Bedingungen Politik?

Von Bettina Dyttrich

Als die WOZ anruft, ist Marlies Bänziger gerade auf dem Weg zum höchsten Berg des Kantons Zürich, dem Schnebelhorn. Am Vortag wurde die 51-jährige grüne Winterthurerin aus dem Nationalrat abgewählt, obwohl sie auf dem ersten Listenplatz stand. Sie ist sauer. «Im Journalismus dominieren die Männer massiv. Man ist Kumpel, man kennt sich, schreibt übereinander, und das hat einen Einfluss auf die Wahlergebnisse. Dieser Vorwurf geht auch an die WOZ. Ich hätte mir in diesem Wahlkampf von der WOZ mehr Engagement für Frauen gewünscht.»

Vier der fünf abgewählten grünen NationalrätInnen sind Frauen: neben Marlies Bänziger auch Anita Lachenmeier Thüring (Basel), Brigit Wyss (Solothurn) und Katharina Prelicz-Huber (Zürich). Für die Zürcher Grünen reisen neu nur noch Männer nach Bern: Daniel Vischer, Bastien Girod und Balthasar Glättli.

Auch Alma Redzic ist sauer. Die 29-jährige Jusstudentin sitzt für die Zürcher Jungen Grünen im Kantonsrat und ist auch deren Präsidentin. «Junge Frauen haben in der Nominationsversammlung darauf hingewiesen, dass es genau so kommen könnte: Vischer und Girod schaffen es sowieso, und dazu wird Balthasar Glättli – er stand auf dem sechsten Listenplatz – dank seines Ständeratswahlkampfs die Frauen überholen. Die Zürcher Grünen nahmen es in Kauf.»

Redzic befürchtet, dass das Wahlergebnis für junge Frauen ein Dämpfer sein wird. «Viele junge Männer begreifen nicht, dass wir noch in einem patriarchalen System leben, weil die Auswirkungen vielfach subtil sind. Wenn wir das zur Diskussion stellen, fragen sie: ‹Haben wir keine grösseren Probleme?›» Wenn ein junger Mann sich oft zu Wort melde und sich gut durchsetzen könne, ernte er Respekt. «Eine junge Frau gilt im gleichen Fall schnell als Zicke.» Alma Redzic weist auch auf die Arbeitsbelastung in der Partei hin: «Die Arbeit im Hintergrund machen vielfach Frauen, sie stellen sich aber nicht in den Vordergrund, wenn es darum geht, die Lorbeeren zu ernten.» So gehe es nicht weiter: «Wir brauchen jetzt ein knallhartes Netzwerk, damit wir als junge Frauen auch bestehen können.»

Lorbeeren erntete bei den Jungen Grünen auf nationaler Ebene bisher vor allem einer: Bastien Girod, der vor vier Jahren in den Nationalrat gewählt wurde. 2007 war der Klimawandel ein Newsthema, die Jungen Grünen Zürich protestierten gegen Offroader und halbnackt gegen Polizeikontrollen und genossen viel Medienaufmerksamkeit – ein ideales Sprungbrett für Girod. Nach nur eineinhalb Jahren im Gemeinderat schaffte er es mit 27 Jahren direkt ins Bundesparlament. Dieses Jahr folgten ihm zwei Juso-Männer: SP-Vizepräsident Cédric Wermuth (25) aus dem Aargau und der Walliser Lehrer Mathias Reynard (24).

Wo bleiben die jungen linken Frauen? Die letzten unter Dreissigjährigen, die Nationalrätinnen wurden, gehörten der vorletzten Juso-Generation an: Ursula Wyss, Pascale Bruderer und Evi Allemann. Die seither gewählten linken Frauen sind meist über 45 und haben sich in jahrzehntelanger Arbeit in Gewerkschaften, Gemeinde- und Kantonsparlamenten einen Namen gemacht. Steilkarrieren scheinen – zumindest auf linker Seite, wo keine Millionenbudgets zur Verfügung stehen – für Frauen nicht mehr möglich.

Die meisten jungen Linken stehen am Anfang ihrer Berufskarriere, viele studieren. Mit den stärker verschulten, stressigeren Studiengängen stellt sich heute viel früher die Frage, was neben dem Beruf noch Platz hat. Es sei zwar möglich, eine politische Karriere zu starten, ohne das Studium zu vernachlässigen, sagt die Badener Juso-Stadtparlamentarierin und Psychologiestudentin Andrea Arezina (27). «Aber dann wird die Zeit fürs Privatleben knapp – der Tag hat auch nur 24 Stunden. Sitzungen am Abend, Veranstaltungen am Wochenende – wer es nach oben schaffen will, muss viel geben.»

Arezina gehörte zum Wahlkampfteam von Cédric Wermuth. Er habe seit Monaten nur für den Wahlkampf gelebt, erzählt sie. «Seine Tage waren von morgens bis abends verplant mit Aktionen und Podien.» Dauerwahlkampf, Vernachlässigung des Privatlebens, Bewegungs- und Schlafmangel – wer kann und will sich das leisten? Ist es Zufall, dass es vor allem Männer sind? «Ich glaube nicht, dass es mit dem Geschlecht zu tun hat», meint Arezina. Es liege am persönlichen Ehrgeiz, und Wermuth sei einfach das ehrgeizigste Juso-Mitglied, das sie kenne.

Auch Marlies Bänziger sagt, sie wolle das «nicht nur geschlechtsspezifisch zuordnen». Trotzdem beobachtet sie Unterschiede. Politik sei ein ständiger Selbstverkauf. «Man wird von einer Person zu einer Funktion. Ich fand das immer schwierig, aber viele – und mir fällt auf, dass es vor allem Männer sind – geniessen es.»

Wenn schon Beruf und Politik so schwer zu verbinden sind, wie wird es dann erst mit Kindern? «Das steht und fällt mit guter Planung und dem Umfeld – und mit mehr Krippenplätzen», sagt Andrea Arezina.

Marlies Bänziger zweifelt: «Ich verstehe, dass junge Mütter, die im Beruf aktiv bleiben wollen, sich weniger Zeit für Politik nehmen – solange sie die Hauptverantwortung für die Kinder tragen. Darum braucht es mehr Teilzeitstellen auch für Männer und in Kaderpositionen.» Sie kam vor 21 Jahren in den Winterthurer Gemeinderat, als sie mit dem zweiten Kind schwanger war. «Politik und kleine Kinder, das passte. Zusätzlich noch ein Job wäre mir persönlich zu viel gewesen.»

Jede junge Frau darf kandidieren. Auf die Bedingungen, denen sie sich unterwerfen muss, um Erfolg zu haben, hat sie allerdings wenig Einfluss. Sie sei eine Befürworterin von Frauenquoten, sagt die junge Grüne Alma Redzic. Damit stosse sie oft auf Unverständnis, auch bei Frauen. «Viele sagen: ‹Gewählt wird, wer die besten Fähigkeiten mitbringt.› Aber so einfach ist es nicht …»

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