Nr. 43/2011 vom 27.10.2011

Die Grippeimpfung aus dem Hund

Das Bundesamt für Gesundheit rührt zurzeit die Werbetrommel für die Grippeimpfung. Bei genauerem Hinschauen überzeugen die Argumente kaum. Und was ist von dem neuen Impfstoff Optaflu zu halten, der – obwohl seit vier Jahren beworben – noch immer nicht auf dem Markt ist?

Von Franziska Meister

Jetzt, wo Freunde und Kolleginnen wieder zu niesen anfangen, ist es so weit: Die Grippesaison steht vor der Tür. Jeweils im November ist nationaler Grippeimpftag. Und viele stellen sich die Frage: Soll ich, oder soll ich nicht?

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) lobbyiert seit Mitte Oktober für die Grippeimpfung. Impfkritische Stimmen hingegen scheinen resigniert zu haben: Ein vernünftiges Pro und Kontra sei einfach nicht möglich, so verschiedene Hausärzte und Mediziner am Telefon gegenüber der WOZ. Man habe den Kreuzzug gegen die eigene Person satt. Namentlich zitieren lassen will sich niemand.

Nutzen ist umstritten

Dabei möchte man, um sich entscheiden zu können, eigentlich nur zwei Fragen beantwortet haben: Wirkt die Grippeimpfung tatsächlich? Gibt es gröbere Nebenwirkungen zu befürchten? Nehmen wir ältere Menschen ab 65 als Beispiel. Sie hat die Impfkampagne des BAG ganz besonders im Visier. Was die Behörde in ihrer Broschüre «Grippe? Impfen macht Sinn» dann aber schreibt, verblüfft: «Nur etwa dreissig bis fünfzig Prozent der Senioren erreichen durch die Impfung einen Schutz, der ausreicht, um nicht an der Grippe zu erkranken.» Dank der Impfung verlaufe die Erkrankung aber milder, und Komplikationen würden reduziert. Das stimmt gerade im Fall der häufigsten grippebedingten Komplikation, der Lungenentzündung, nicht. Im August 2008 publizierte die renommierte medizinische Fachzeitschrift «The Lancet» eine breit angelegte Studie, die nachwies, dass eine Grippeimpfung selbst für ganz gesunde ältere Menschen das Risiko kaum verkleinert, sich in der Grippesaison eine Lungenentzündung zu holen. Das deutsche «Arznei-Telegramm» fasst in seiner aktuellen Ausgabe zusammen: «Der Nutzen der Grippeimpfstoffe wird allgemein überschätzt. Valide Wirksamkeitsdaten fehlen.»

Und wie sieht es mit den möglichen Risiken einer Grippeimpfung aus? Wer sich mit einem herkömmlichen Grippemittel impfen lässt, erhält mit jeder Dosis Zusatzstoffe wie Antibiotika und Formaldehyd in seinen Körper gespritzt. Und Hühnereiweiss, denn die traditionelle Impfstoffherstellung basiert auf bebrüteten Hühnereiern. Dabei gibt es seit 2007 eine «Weltneuheit in der Grippeschutzimpfung», wie Novartis sein Präparat Optaflu damals anpries: «hoch wirksam, gut verträglich» – und frei von Zusatzstoffen und Hühnereiweiss. Im Fall von Optaflu wird der Virus in sogenannten MDCK-Zellen vermehrt, einer Zelllinie, die 1958 aus Nierenzellen eines Cockerspaniels gewonnen wurde.

Dieses Verfahren löste kurz nach der europaweiten Marktzulassung von Optaflu im Juni 2007 eine öffentliche Kontroverse aus. Denn MDCK-Zelllinien sind stark krebsauslösend: Bereits zehn solcher Zellen reichen aus, um in Nacktmäusen Tumore zu erzeugen. Ob von diesen Zelllinien eine Gefahr für die Menschen, die sich mit Optaflu impfen liessen, ausgehe – etwa im Sinne eines erhöhten Krebsrisikos –, könne derzeit nicht abschliessend beurteilt werden, hielt das «Arznei-Telegramm» im Dezember 2007 fest.

Zugelassen, aber nicht erhältlich

Keine zwei Monate bevor Optaflu in Europa zugelassen wurde, strich die Weltgesundheitsorganisation WHO in einem Bericht die regulatorischen Bedenken gegenüber der Verwendung von Zelllinien für die Impfstoffproduktion hervor. Darin hielt sie fest, dass MDCK-Zellen nicht nur «am stärksten krebserzeugend» seien, sondern dass auch unbekannt sei, aufgrund welcher Mechanismen dies der Fall sei. Aus diesem Grund werde der Impfstoffentwickler nicht nur sämtliche Zellen aus dem Impfstoff entfernen, sondern auch alle Anstrengung unternehmen müssen, um unbekannte Wirkstoffe aufzuspüren, die möglicherweise krebsauslösend sind, wie insbesondere zurückbleibende Erbgutreste (DNA) mit einer Länge von mehr als 200 Basenpaaren. Ab einer Länge von 300 Basenpaaren, so hatte die US-amerikanische Arzneimittelzulassungsbehörde FDA bereits 2005 festgehalten, könne nicht ausgeschlossen werden, dass Rest-DNA ein tumorunterdrückendes Gen ausschalten oder umgekehrt ein tumorauslösendes Gen aktivieren könne. Die USA haben Optaflu bislang nicht zugelassen.

«Bis heute konnte noch nie ein kausaler Zusammenhang hergestellt werden zwischen einem Tumor und der Einnahme eines Medikaments, das mithilfe von Zelllinien hergestellt worden ist», konterte Novartis im Februar 2011 mit einer hausinternen, in einer Fachzeitschrift veröffentlichten Studie, welche die Sicherheit von Impfstoffen, die auf MDCK-Zellen basieren, beweisen will.

Obwohl Optaflu europaweit und auch in der Schweiz zugelassen ist, hat bis dato noch niemand die «Weltneuheit in der Grippeschutzimpfung» gespritzt bekommen. Der Impfstoff ist nicht auf dem Markt. Mit Zweifeln an der Sicherheit von Optaflu habe das nichts zu tun, so Satoshi Sugimoto von Novartis in Basel, sie sei in zahlreichen Studien belegt worden. Vielmehr arbeite Novartis daran, den Zellkultur-Produktionsprozess zu optimieren. «Wir gehen davon aus, dass es in einigen Wochen eine geringe Anzahl von Dosen Optaflu in Deutschland geben wird», so Sugimoto. «Ab der Saison 2012/13 wollen wir Optaflu in ganz Europa verfügbar machen.»

Wer sich am 4. November in seiner Hausarztpraxis gegen Grippe impfen lassen will, wird also mit einem althergebrachten Impfstoff gepikst werden. «Einen Ansturm erwarten wir nicht», sagt Monique Frei, Assistentin in einer Zürcher Praxisgemeinschaft von anthroposophisch orientierten HausärztInnen. «Aber wenn jemand unbedingt geimpft werden will, dann machen wir das selbstverständlich.»

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