Nr. 44/2011 vom 03.11.2011

Aus liebestollem Übermut

Im griechischen Mythos muss Ikarus sterben, weil er aus Übermut höher und höher steigt, bis die Sonne das Wachs schmilzt, das seine Flügel fixiert, und er ins Meer stürzt. In Daniel de Roulets soeben auf Deutsch erschienenem Roman «Sturz ins Blaue» heisst der tragische «Held» Georges vom Pokk. Durch die Begegnung mit der vermeintlichen Terroristin Tschaka wird er aus den geregelten Bahnen seines schnöden Daseins geworfen, er verliert buchstäblich den Boden unter den Füssen.

Georges, Sicherheitsexperte für AKWs, «mit der Firma verheiratet», hat sein Leben fest im Griff: Mit missionarischem Eifer stellt er in Japan die Vorzüge der Kerntechnik vor, Gefühlsduselei ist ihm fremd, Geburtstagswünsche verschickt die programmierte Mailbox. Bis zu dem Tag, an dem er, auf dem Flughafen in Quarantäne genommen, die Frau im roten Kleid mit den Stoffhandschellen sieht. Tschaka ist Tschetschenin und soll, da ihrer Fluchtgeschichte nicht geglaubt wird, wieder in ihre Heimat abgeschoben werden. Aus der anfangs sachlichen Neugier am Schicksal der Asylsuchenden wird echtes Interesse, ja Liebe, die beim Sicherheitsexperten sämtliche Kontrollfunktionen ausser Kraft setzt und ihn, bis zum Äussersten, für die Freiheit der schönen Unbekannten eintreten lässt.

Mit «Sturz ins Blaue» setzt der Genfer Autor Daniel de Roulet die als «Blaue Serie» angelegte fünfteilige Reihe um den Familienclan vom Pokk fort und beweist wieder einmal sein Gespür für die wichtigen Themen der Gegenwart. Bereits 2005, lange vor Fukushima, erschien der Roman im Original. Die Katastrophe in Japan verleiht der Ironie, mit der die ach so sichere Atomkraft angepriesen wird, eine ernste Note. Die Verlogenheit des Westens im Umgang mit Flüchtlingen, die de Roulet weiter aufdeckt, ist nach wie vor höchst aktuell. So wird aus Georges doch ein – wenn auch unfreiwilliger – Held, der, beflügelt vom Übermut der Liebe, für die Sache der Humanität sein Leben lässt. Ulrike Frank

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