Nr. 46/2011 vom 17.11.2011

Die Nomaden der Atomindustrie nennen sich «Neutronenfutter»

Geradezu euphorisch reagierte so mancher Verlag auf die Nuklearkatastrophe in Fukushima. Einige der Bücher besitzen eine Relevanz, die weit über den Medienhype hinausgeht.

Von Maike van Schwamen

Seit der Nuklearkatastrophe in Fukushima ist viel passiert in Europa. Es wurde debattiert, geschworen, versprochen; Hoffnungen wurden geweckt und wieder enttäuscht; PolitikerInnen schwammen mit auf der Welle der Entrüstung, die dem Tsunami in Japan folgte, einige ruderten schnell wieder zurück, sobald sich die Wogen in den Medien glätteten. Auch die sonst eher träge gedruckte Literatur überraschte mit raschen Reaktionen auf die Katastrophe. Bereits im Mai, nur wenige Wochen nach dem Super-GAU, erschienen die ersten Buchtitel, von den Verlagen als Antwort auf Fukushima verkauft. Die drei Bücher, die hier besprochen werden, sind alle im Sommer 2011 erschienen, jedoch zu grossen Teilen schon vor der Katastrophe von Fukushima entstanden. Sie besitzen eine Aktualität und Relevanz, die über den Medienhype um Fukushima hinausreichen.

Schlummernde Monster

«Zwanzig Millisievert. Die maximal zulässige Dosis pro Person und pro Jahr, für fünfundachtzig Kilo Skelett und Muskeln, mit ein bisschen Know-how und Glück hofft jeder, die Dosis auf möglichst viele Einsätze verteilen zu können, und vergisst dabei, dass man ihn beim ersten ernsten Störfall auf die Ersatzbank setzt, bis zum nächsten Jahr.»

Yann ist Zeitarbeiter. Einer jener modernen Nomaden der Atomindustrie, die mit befristeten Verträgen von einem AKW zum nächsten ziehen, wo sie für ein paar Wochen Arbeit finden. «Neutronenfutter» oder «Remfleisch» nennen sich die ArbeiterInnen selbst, denn sie fühlen sich nicht mehr wert als die maximale Strahlendosis, die sie aufs Jahr verteilt abbekommen dürfen. Ist diese ausgeschöpft, werden sie ersetzt. Wie ein zweites Herz schlägt bei den Einsätzen im Primärkreislauf des Kraftwerks das Dosimeter auf ihrer Brust, jederzeit bereit, ihnen den Puls hochzujagen.

Der Roman «Der Reaktor» der Wirtschaftswissenschaftlerin Elisabeth Filhol, der bereits 2010 in Frankreich erschien, erhielt mit der Katastrophe in Japan eine unverhoffte Brisanz. Ausgehend von einem Zeitungsartikel über den Selbstmord dreier Arbeiter im Atomkraftwerk Chinon an der Loire und entwickelt aus tief gehenden Recherchen, öffnet das Buch uns eine Welt, die weder in den gängigen Debatten noch in unseren Köpfen je eine Rolle spielte. Es ist die Welt der zahlreichen ArbeiterInnen, die in den Zeiten der Revision Wartungsarbeiten in den Kernkraftwerken verrichten und sich dabei täglich dem Risiko aussetzen, verstrahlt zu werden (siehe WOZ Nr. 36/11). Sie nehmen uns mit ins Innere der abgeschalteten Reaktoren, die vor sich hin schlummern wie schlafende Bestien, ein Auge halb geöffnet und zu jeder Zeit bereit, sich von einer unachtsamen Bewegung aufschrecken zu lassen und die Zähne zu zeigen.

Filhols Sprache schwingt wie die Nervenbahnen ihres Erzählers zwischen steriler Sachlichkeit und Kontrollverlust. Zwischen der Faszination, die das Kraftwerk auf ihn ausübt – «diese eigenartige Mischung», «eine gewisse Anspannung, eine dumpfe Angst» – und seiner Abscheu vor sich selbst. Der Frage, wie man nur so weit kommen konnte, «seinen Körper zu verkaufen, wie Fleisch nach Kilopreis».

Robert Spaemann ist ein Atomkraftgegner der ersten Stunde. Seit Jahrzehnten warnt der Philosoph und Theologe vor den Gefahren der Kernenergie – in militärischer wie in vermeintlich «friedlicher Nutzung» – und plädiert für einen raschen Ausstieg. «Recht behalten zu haben ist eine kümmerliche Befriedigung», stellt Spaemann 25 Jahre nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und nur wenige Wochen nach dem Super-GAU von Fukushima fest. In einem kaum hundert Seiten starken Bändchen gibt der Klett-Cotta-Verlag nun gesammelte Texte seines Autors neu heraus.

In seinen Interviews, Essays und Artikeln, die über drei Jahrzehnte entstanden, argumentiert Spaemann aus ethischen Grundsätzen heraus. Das heisst für ihn: aus seiner Überzeugung als aufgeklärter Christ. Dabei stellt er die Verantwortung des Menschen gegenüber kommenden Generationen, seine «Pflicht, ihnen die elementarsten Ressourcen des Lebens ungeschmälert zu übergeben», in den Mittelpunkt. Die Behauptung von Politik und LobbyistInnen, eine Nuklearkatastrophe mit «Sicherheitsmassnahmen» ausschliessen zu können, ist für Spaemann ein Ausdruck menschlicher Anmassung, der Hybris unseres Zeitalters. Denn was, bitte schön, unterscheidet «Restrisiko» von «Risiko»?

«Die Katastrophe – auch für den schlimmsten Fall – gänzlich und definitiv auszuschliessen, hiesse, auf die Technik der Kernspaltung zu verzichten», stellt Spaemann unmissverständlich klar. «Keine noch so weitgehende Minimierung des Risikos kann uns berechtigen, sukzessiv ganze Regionen unseres kleinen Planeten in No-go-Areas oder in Todeszonen zu verwandeln.» Schliesslich seien Moral und Ethik nicht verhandelbar. «Es genügt, unsere Vernunft zu gebrauchen, um zu wissen, was gut und was schlecht ist.» So einfach ist das – und so wahr.

Die Lügen der Classe politique

Liest man bei Spaemann noch von den «rettende(n) Lösungen existenziell bedeutsamer Krisen», die «in der Regel nur dann gefunden» werden, «wenn die Menschheit mit dem Rücken zur Wand steht», so macht die Streitschrift «Abschalten!» des deutschen Kampagnennetzwerks Campact deutlich, wie weit fortgeschritten die Entwicklung alternativer Energien heute tatsächlich schon ist. Und dies ist eines der grössten Verdienste des Handbuchs, das so bunt und kampfeslustig daherkommt, als sei es direkt den Flyern und Broschüren entsprungen, die das Bündnis bei zahlreichen Veranstaltungen unter freiem Himmel an die Leute bringt.

Campact-Pressesprecher Yves Venedey hat eine Anleitung zum Atomausstieg für jedermann verfasst, die, ebenso wie Spaemann, die Ignoranz und Überheblichkeit der Classe politique unter die Lupe nimmt – mit dem Unterschied, dass Campact sie nicht «Hybris», sondern polemisch «Atomlüge» nennt.

Nach einer Einleitung, die sich mit dem schwarz-gelben Ausstieg aus dem Ausstieg in Deutschland beschäftigt – der ja inzwischen schon wieder ein Ausstieg aus dem Ausstieg aus dem Ausstieg zu sein scheint – widmet sich Teil I des Buches ausführlich den Risiken und Gefahren der Kerntechnologie, unter anderem mit detaillierten Ausführungen zur Bedrohung durch Terrorangriffe auf AKWs. Der Kern des Buches lässt allerdings bis zum Schluss auf sich warten: nämlich ein aufklärerisches Kapitel über die Chancen alternativer Energien und die Handlungsanleitung zum «Atomausstieg selber machen».

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