Nr. 44/2009 vom 29.10.2009

Das Beste gegen Fanatiker

In einem Spezialprogramm widmen sich die 13. Internationalen Kurzfilmtage Winterthur dem politischen Kurzfilm. Was aber macht einen Film «politisch»? Mitkuratorin Julia Zutavern erläutert es im Gespräch.

Von Silvia SüessMail an AutorIn

WOZ: Die diesjährigen Kurzfilmtage Winterthur widmen sich in einer Programmschiene, die Sie mit kuratiert haben, dem politischen Kurzfilm. Was ist denn ein politischer Film?

Julia Zutavern: Ich gehe nicht davon aus, dass es so etwas wie den politischen Film gibt. Genauso wenig denke ich, dass alle Filme politisch sind. Der politische Film entsteht im Kopf des Zuschauers. Dieser entscheidet, ob er einen Film als politisch «liest», versteht oder nicht. Wobei es bestimmte Voraussetzungen gibt, die eine politische Lesart begünstigen. Dazu gehören Themen, Inhalte, Gestaltungsweisen, aber auch die Kontexte, in denen die Filme gesehen und hergestellt werden.

Nach welchen Kriterien wurden die Filme ausgesucht?

Es gab keine klaren Kriterien. Wir hatten zuerst ein paar Programmideen, später kam die Idee auf, den Schwerpunkt «politischer Kurzfilm» zu setzen. Ich zum Beispiel wollte einfach Filme von Fanatikern über Fanatiker zeigen. Ich hatte Werner Herzogs «Massnahmen gegen Fanatiker» (1969) gesehen, der zeigt, dass das beste Mittel gegen Fanatiker Fanatiker selber sind. Also dass diejenigen, die vorgeben, gegen Fanatiker vorzugehen, selber die grössten Fanatiker sind. Das ist eine nützliche Erkenntnis – man denke nur an manche Politiker ...

Sie sind also vom Inhalt ausgegangen?

Ja, in diesem Fall schon. Bei den «Ufmüpferli» und dem «Freitagsmagazin» (vgl. Text «13. Kurzfilmtage Winterthur» weiter unten) spielten auch historische und kulturelle Überlegungen eine Rolle. Viele Leute wissen gar nicht, dass es in der Schweiz eine Tradition des politischen Kurzfilms gibt.

Was sind und waren denn die Themen dieser Filme, und wie haben sie sich im Laufe der Zeit verändert?

So wie sich die Vorstellung von Politik gewandelt hat, haben sich auch die «Anweisungen», einen Film politisch zu verstehen, stark verändert. In einem Film wie «Der rote Tag» (1934) geht es noch stark um Ideologien. Diese werden auch in der Gestaltung des Films mitgetragen – der Film erinnert an Avantgardefilme der zwanziger Jahre.

Auch in den sechziger Jahren bleiben die grossen gesellschaftlichen Zusammenhänge zentral, das sieht man in «La Suisse s’interroge», der Kurzfilminstallation, die Henry Brandt 1964 an der Expo 64 präsentierte. An einem Film wie «Chicorée» (1966) von Fredi M. Murer kann man aber auch sehen, dass es bereits Mitte der sechziger Jahre eine Tendenz zur Individualisierung gab, die sich in den siebziger und achtziger Jahren unter der Devise «Das Private ist das Politische» durchsetzte. Ein Beispiel dafür ist «Zafferlott» (1985) von Andreas Berger. In den neunziger Jahren war es dann in weiten Kreisen eher out, etwas «Politisches» machen zu wollen.

Warum denn?

Es bekam einen Beigeschmack von Naivität und «Zurückgebliebensein», wenn man glaubte, mit Film oder Kunst die Gesellschaft verändern zu können. Viele Aktivisten setzten daher eher auf konventionelle PR-Filme, die sie teilweise in Auftrag gaben, oder erzählten sehr persönliche Geschichten. Die Zuschauer sollten über Betroffenheit für bestimmte politische Themen sensibilisiert werden, ein Beispiel dafür ist die «Einspruch»-Reihe (1999–2007) von Rolando Colla.

Wie steht es heute um den politischen Film?

Seit etwa sieben oder acht Jahren werden wieder vermehrt die grossen gesellschaftlichen Themen und Zusammenhänge ins Blickfeld genommen – nicht nur im Kurzfilm.

Gerne wird auch von der «Rückkehr des politischen Films» gesprochen, doch die Filme, die dann gemeint sind, sind meist populäre Grossproduktionen wie «Das Leben der anderen» (2006) und «Der Baader-Meinhof-Komplex» (2008) oder Hollywoodfilme wie «Syriana» (2005). Eine wichtige Funktion dieser Filme liegt darin, dass sie breite Debatten auslösen; einerseits über die Themen, die sie aufgreifen, andererseits aber auch über die Dringlichkeit, mit der sie diese Themen aufgreifen.

Sind das politische Filme?

Sie werden von vielen Zuschauern allein wegen ihrer Inhalte als politisch verstanden, auch wenn sie weder zum Nachdenken anregen noch durch Formexperimente irritieren – was für einige Filmtheoretiker wesentliche Voraussetzungen für einen politischen Film sind.

Damit ist ein wichtiger Widerspruch benannt, den der Begriff «politischer Film» immer wieder auslöst und der mit einem undifferenzierten Begriff von Politik zusammenhängt. Politik bezeichnet im allgemeinen Sprachgebrauch beides: sowohl jenes Handeln, das die bestehende gesellschaftliche Ordnung bekräftigt, als auch jenes, das diese Ordnung durchkreuzt. Das führt dazu, dass sich gerade radikale, innovative Filmemacher oft gar nicht als politisch verstehen.

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