Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Dann schlafen alle im gleichen Zelt?

Flurina Marugg will auf dem Zürcher Lindenhof überwintern. Sie fände es ungeschickt, würde die Stadt ihre Räumungsdrohung wahrmachen. Wenn die AktivistInnen bleiben können, haben sie auf dem Lindenhof viel zu tun, um das Occupy-Camp winterfest zu machen.

Von Susi Stühlinger (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Flurina Marugg: «Es ist ein bisschen wie bei der Gründung einer neuen WG. Am Anfang müssen sich die einzelnen Bewohner erst mal kennenlernen.»

WOZ: Am vergangenen Montag erliess die Stadt Zürich einen Räumungsbefehl für den Lindenhof bis Ende dieser Woche. Was war Ihre erste Reaktion?
Flurina Marugg: Für mich ist das einerseits schockierend und absolut unverständlich, wir sind eine friedliche Bewegung und erfahren eine grosse Unterstützung bei weiten Teilen der Bevölkerung. Das sieht man auch jetzt wieder: Es sind deutlich mehr Leute auf den Lindenhof gekommen, seit der Beschluss publik wurde. Andererseits bestätigt sich die Vermutung, dass Politik und Behörden letzten Endes doch nicht die Toleranz und Dialogbereitschaft an den Tag legen, auf welche sie uns anfänglich noch hoffen liessen. Ich finde es unhaltbar, dass die Stadt die Bewegung als Gesuchstellerin nicht akzeptiert. Wenn irgendein Grosskonzern seine Veranstaltungen auf öffentlichem Grund austragen will, gibt es kaum Schranken. Doch wer das System anprangert, ist offensichtlich nicht willkommen.

Wie geht es weiter?
Wir bleiben. Wir stehen im Kontakt mit verschiedenen Anwälten, wir intensivieren den Austausch mit der Bevölkerung, und wir haben der Stadt gegenüber Dialogbereitschaft signalisiert. Eigentlich hätte dieses Angebot von ihr kommen sollen. Wenn sie ihre Räumungsdrohung wahrmacht, werden wir zivilen Ungehorsam leisten.

Was, wenn die Räumungsaktion dennoch erfolgt?
Darüber denke ich jetzt nicht nach, denn das wäre bereits ein Zugeständnis an das Ansinnen der Stadt. Ich hoffe, sie ist clever genug, auf die Räumung zu verzichten. Denn mit dieser Strategie giesst sie Öl ins Feuer. Als die Polizei das Camp in Oakland auflöste, legten die Aktivisten den Hafen lahm.

Sind wir optimistisch und gehen davon aus, dass das Camp bleiben darf: Der Winter kommt, welche Vorkehrungen müssen getroffen werden?
Wir haben von Privatpersonen drei Tipis geliehen bekommen, weil das Schlafen in herkömmlichen Zelten im Winter wegen der Kälte und der Schneelast zu gefährlich wäre. Auch das Küchenzelt muss schneetauglich umgebaut werden. Holzpaletten dienen der Isolierung, allerdings ist der Lindenhof-Boden nicht gar so kalt, weil das direkt darunter gelegene Urania-Parkhaus uns quasi als Bodenheizung dient.

In den Tipis, da schlafen Männlein, Weiblein, Kraut und Rüben in einem Zelt?
Blickt man in der Menschheitsgeschichte zurück, so ist es ein relativ neues Phänomen, dass man sich das Schlafzimmer nur mit dem Partner teilt, früher schliefen alle im selben Raum. Ich finde den Gedanken daran sehr schön, gerade auch was den gemeinschaftsbildenden Aspekt betrifft. Die Tipis sollen im jetzigen Schlafbereich aufgebaut werden, in jedem gibt es Schlafplätze für zehn bis fünfzehn Personen. Vielleicht ergeben sich nach einigen Wochen auch Rotationen. Das Tipi soll wie eine WG funktionieren, die Bewohner bestimmen gemeinsam, allerdings vermutlich etwas informeller als an den Vollversammlungen.

Fehlt etwas an materiellen Ressourcen?
Nicht unbedingt, aber wir haben zum Beispiel beschlossen, nur noch dann Feuer zu machen, wenn die Temperaturen unter fünf Grad fallen. Das ist als Anreiz gedacht, aktiv zu sein. Zehn Grad sind nur dann kalt, wenn man herumsitzt, nicht wenn man sich bewegt und etwas arbeitet. Aber es geht dabei auch ums Thema Nachhaltigkeit. Klar hängt die Veränderung der Welt nicht davon ab, wie viel Holz wir verbrauchen. Aber auf unserem Weg zu einer alternativen Gesellschaft können wir bereits im Kleinen leben, was wir auch im Grossen anstreben.

Hat sich die Gruppendynamik auf dem Lindenhof seit dem Beginn verändert?
Es ist ein bisschen wie bei der Gründung einer neuen WG. Am Anfang müssen sich die einzelnen Bewohner erst mal kennenlernen. Doch nun bilden sich langsam deutliche Strukturen aus, was ich als sehr hilfreich empfinde. Das zeigt sich vor allem daran, dass sich immer mehr Arbeitsgruppen bilden. Die Leute können sich dort engagieren, wo sie ihre Interessen und Fähigkeiten verorten. Es erleichtert die Sache enorm, wenn man in der Vollversammlung über konkrete Vorschläge diskutieren kann und nicht immer alles von Grund auf neu erfinden muss.

Wo gibt es Konfliktpotenzial?
Die Bewegung widerspiegelt ja nicht unbedingt exakt das, was du dir persönlich genau vorgestellt hast. Leute, die hier campieren, haben in der Regel einen eigenen Kopf. Sie haben den Mumm, gegen die Mehrheiten zu opponieren, haben eine eigene Meinung und drücken das auch aus. Es ist ein gutes Feld, um sich in Kommunikation zu üben.

Gibt es Beispiele?
Eine Frage, die öfter auftaucht, ist das Problem «vegetarisch versus nicht vegetarisch». Wenn uns Fleisch geschenkt wird, ist es sinnvoll, es auch zu verwerten. Aber wenn Einzelpersonen kommen und ihre Würstli auf den Grill schmeissen, während rundherum Vegetarierinnen und Veganer sitzen, ist das für Letztere nicht unbedingt angenehm.

Flurina Marugg (22) will nicht aufgeben, 
obwohl sie sich eine garstige Erkältung geholt 
hat, und freut sich, dass ihr NZZ lesender 
Vater (siehe WOZ Nr. 44/11) sie inzwischen 
auf dem Lindenhof besucht hat.

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