Nr. 45/2011 vom 10.11.2011

Die Schlaumeier bellen

Pedro Lenz macht sich Gedanken zu Pyrofackeln und Sturmgewehren

Offenbar hat letzte Woche ein junger Mann drei Finger in Italien gelassen. Es hiess, es handle sich um einen FCZ-Fan und eine Petarde sei ihm in der Hand explodiert. Selbstverständlich ist das tragisch, und natürlich trägt der Mann, der sich selbst verstümmelt hat, eine Eigenverantwortung. Aber das ist dann schon ziemlich alles, was sich zu diesem Vorfall aus der Distanz sagen lässt.

Trotzdem lesen wir in den Tagen nach dem Unfall unzählige Zeitungskommentare und LeserInnenbriefe, die bereits alles zu diesem Fall zu wissen vorgeben. «Nulltoleranz mit Feuerwerk beim Fussball!», lautet der Grundtenor, und dann hören und lesen wir wieder die ganze Litanei von Schnellgerichten, harten Strafen, mehr Polizeipräsenz, lebenslänglichen Stadionverboten, Videoüberwachung und so weiter. Kurz: Es dauert nach so einem Vorfall mit Feuerwerk gefühlte dreissig Sekunden, bis alle SicherheitspolitikerInnen, das ganze Stammtischvolk und alle kolumnistischen Schnellschwätzer und Dummschwätzer alles haargenau wissen und alles punktgenau kommentieren. Leute, die nie in ihrem Leben ein Fussballstadion betreten haben, profilieren sich nun als KennerInnen der Fanpolitik und treten allen ans Schienbein, die sich seit Jahren konstruktiv um Lösungen bemühen. Fanarbeit wird verhöhnt. Fussballklubverantwortliche wie FCZ-Präsident Ancillo Canepa, die sich ernsthaft und konstruktiv mit dem Thema «Fangewalt» befassen, werden verhöhnt. Fussballfans werden gesamthaft kriminalisiert, und wer jetzt noch dafür plädiert, mit Vorverurteilungen zurückhaltend zu sein, darf damit rechnen, auch noch als Krimineller mitverurteilt zu werden.

In der gleichen Woche, in der ein FCZ-Fan seine Hand verstümmelt hat, gab es in der Westschweiz einen andern, weit tragischeren Zwischenfall, der im frischgepressten Mediensaft zwischen Brustvergrösserungen von Promitussen, Fussballfan-Bashing und Shoppingberichterstattung aus Hollywood bereits untergegangen ist: Ein Armeeangehöriger hat seine Partnerin mit der Dienstwaffe erschossen. Die junge Frau war seit der Abstimmung über die Waffeninitiative mindestens das zweite Armeewaffen-Todesopfer im Land. Ebenfalls in der gleichen Woche ereigneten sich auf Schweizer Fussgängerstreifen mehrere tödliche Verkehrsunfälle, denen Kinder zum Opfer fielen. Dennoch scheint sich der mediale und emotionale Fokus im Land ausschliesslich auf die Feuerwerkskörper in Fussballstadien zu richten.

Wir dürfen annehmen, dass diese – schon seit geraumer Zeit anhaltende – Generalhatz auf Fussballfans denen am meisten nützt, die sie betreiben. Selbst ernannte Fachleute des Anstandes und der Sicherheit können sich profilieren, indem sie die verteufeln, denen sie in ihrem Leben wohl noch nie persönlich begegnet sind und nie begegnen werden. Denn eines ist klar: Es ist einfacher, Fussballfans gesamthaft zu kriminalisieren, als Lösungen zu erarbeiten. Inzwischen werden in der Schweiz ganze politische Karrieren auf dem Hooliganismus aufgebaut. Zwar hat der Law-and-Order-Populismus bis heute überhaupt nichts zur Lösung der Gewaltprobleme im Fussball beigetragen, aber das scheint niemanden gross zu kümmern.

Und so lange in diesem Land eine grosse Anzahl jener, die zwischendurch Lust dazu verspüren, die Partnerin oder sonst wen zu erschiessen, wissen, dass ihr Schiessgerät gut gefettet im Schrank steht, brauchen sie sich, was ihren privaten Frust angeht, keine weiteren Gedanken zu machen.

An einem Fussballspiel in Rom hat sich ein Zürcher Fan mit einer Pyrofackel selbst verstümmelt. Wer jetzt kein generelles Pyroverbot fordert, wird als Mittäter gebrandmarkt. In der Romandie hat eine junge Frau wegen einer Armeewaffe ihr Leben verloren. Wer jetzt kein generelles Waffenverbot fordert, möge mir bitte nie mehr was von Fackeln erzählen.

Pedro Lenz, 46, ist Schriftsteller und 
lebt in Olten. Er plädiert für ein generelles Feuerwerksverbot am 1. August.

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