Nr. 48/2011 vom 01.12.2011

Das Camp auf dem Viktoriaplatz

Von Silvia SüessMail an AutorIn

In einem sind sie sich einig: Diese neue politische Mitte ist mal Fisch, mal Vogel. Ansonsten sind sie gar nicht derselben Meinung: Tom Locher, Aktivist auf dem AKW-Ade-Camp vor den Büros der Bernischen Kraftwerke (BKE), und Thomas Fuchs, inzwischen abgewählter Berner SVP-Nationalrat. Die beiden beleibten Herren diskutieren über die (vermeintliche) Sicherheit des Atomkraftwerks Mühleberg.

«77 Tage sind nicht genug» heisst der neue Film des Berner Regisseurs Andreas Berger. Berger dokumentiert seit 25 Jahren die BesetzerInnenkultur in Bern, 1986 mit «Zafferlot», 1991 mit «Berner Beben» und 2011 mit «Zaffaraya 3.0». In «77 Tage …» begleitet er die Anti-AKW-Bewegung in Bern, die sich nach der Atomkatastrophe in Fukushima formiert hat.

Zentrum der Bewegung war das Camp auf dem Viktoriaplatz. Während 77 Tagen wurde die kleine Wiese vor den Büros der BKW in diesem Sommer zum Lebenszentrum verschiedenster AktivistInnen. Berger ist nah bei den Bewegten, begleitet sie bei ihren Aktionen und hat ein Auge für aussagekräftige Einstellungen. So filmt er seine junge Protagonistin Stephanie Schärer beim Handygespräch mit ihrem Vater, in dem sie fragt, ob sie im Camp übernachten dürfe, während hinter ihr die Berner Polizei AktivistInnen daran hindert, der japanischen Botschaft ein «Geschenk» zu übergeben. Starke Szenen sind auch die arrangierten Gespräche zwischen Befürwortern und GegnerInnen, wie etwa jenes zwischen dem älteren Aktivisten Ruedi Jungen und dem FDP-Jungpolitiker Christian Wasserfallen.

Nach 77 Tagen wurde das Camp überraschend geräumt, vom damaligen Widerstand scheint heute nicht viel übrig. Obwohl dieser nötig wäre. Der vom Bundesrat beschlossene «schrittweise Atomausstieg» ist ein Scheinausstieg: Da die Atomkraftwerke in der Schweiz kein Verfallsdatum kennen, bleiben sie am Netz, solange ihre «Sicherheit gewährleistet ist». Um einen wirklichen Ausstieg zu erreichen, sind 77 Tage Widerstand nicht genug.

«77 Tage sind nicht genug – Eine Sommergeschichte aus dem Jahr nach Fukushima» in: Bern Kino in der Reitschule, Fr/Sa, 2./3. Dezember; 
Kino Kunstmuseum, So, 4., Di/Mi 6./7. Dezember; Kellerkino ab 8. Dezember 2011.

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