Nr. 49/2011 vom 08.12.2011

Revolutionsvoyeurismus?

Einen Reporter, der Gaddafi-Besitz ausstellt.

Von Tobias Müller

Ausgaben des «Grünen Buchs» füllten den Pool des Diktators. Tausende Menschen, Rebellen und Bewohner von Tripolis, schlugen alles kurz und klein, schossen herum und warfen Brandbomben. Das war die Situation, als der niederländische Nahostkorrespondent Harald Doornbos im August nach der Eroberung der Hauptstadt durch die libyschen Rebellen die Villa der Gaddafis betrat. Die BewohnerInnen waren geflohen, Kühlschränke und andere Gebrauchsgegenstände wurden herausgeschleppt – da griff auch Doornbos, tätig für die Agentur Geassocieerde Pers Diensten, kurz entschlossen zu.

Das Ergebnis: achtzehn Kilogramm persönlicher Besitztümer, so viel eben Kameratasche und Rucksack fassen konnten, am libyschen Zoll vorbeigebracht mit der Bemerkung, es handle sich um «Privatgegenstände». Auch der Brandgeruch liess das Vorhaben nicht scheitern: Kleider und Dokumente, Fotos und sonstige Erinnerungsstücke, Aufzeichnungen, Dinge des täglichen Gebrauchs. «Schrott, aber Schrott mit einer Geschichte», so Doornbos, der als Journalist zwischen Beirut und Islamabad pendelt und dieses Jahr insgesamt fünf Monate in Libyen verbrachte.

Um private Souvenirs ging es ihm bei der Plünderung keineswegs. Eher um eine einzigartige zeitgeschichtliche Dokumentation des arabischen Frühlings – die zu zeigen eine andere Dimension haben würde als die Publikation eigener Fotografien und Erlebnisse. So eröffnete Harald Doornbos letzte Woche im Kultur- und Unternehmenszentrum «Kickstart» in der niederländischen Stadt Breda eine Ausstellung mit dem Titel «Dinge aus dem Haus von Gaddafi». Zu libyschen Revolutionsliedern in schmalzigem Gitarrenrock oder Hip-Hop-du-Salon-Stil betrachtet man dort beispielsweise gerahmte Fotos vom Familienbarbecue, man sieht den jungen Diktator mit unschlüssiger Miene in weisser Uniform auf einem Gartenstuhl sitzen, auf Besuch bei Beduinen oder einen Wangenkuss seiner Tochter empfangend.

Neben Gegenständen wie einer Afrikakarte und einem eingerissenen Porträt Gaddafis gibt es in der Ausstellung unter anderem den Tierausweis der Hauskatze Dodi, Registraturnummer 275 2000, zu sehen, Fotos ukrainischer Models aus dem Computer des Sohnes Saif al-Islam, ein Flugticket der Tochter unter dem Namen «Hanaa Miss VIP Leader of Revolution’s Daughter». Die Englischhausaufgaben von Hanaa sind ebenfalls ausgestellt sowie ein Winnie-the-Pooh-Poster und ein Jeansjacken-kompatibler Iron-Maiden-Aufnäher mit Eddie-Zombie.

Der Streifzug durch die Ausstellung von Doornbos ist so bizarr wie intim. Ein zeitgeschichtliches Dokument ist das zweifellos, ausserdem bedient die Ausstellung einen in solcher Form bislang unbekannten Revolutionsvoyeurismus. Dass manche niederländische Medien Doornbos einen «posthumen Stalker» nennen und ihm Diebstahl vorwerfen, geht ihm entschieden zu weit. «Die Dinge sind nichts wert, und ausserdem wären sie ein paar Minuten später in Brand gesteckt worden.»

Bei der Ausstellungseröffnung kündigte er an, die Gegenstände bei Bedarf gerne dem libyschen Staat zu übergeben – etwa einem künftigen Nationalmuseum. Bereits zwei Stunden später erhielt er einen überraschenden Anruf des niederländischen Aussenministeriums. Die libysche Botschaft in Den Haag wolle die Fundstücke zurück. Weitere geplante Stationen der Ausstellung in Köln und New York sind damit infrage gestellt.

Tobias Müller schreibt für die WOZ 
aus Amsterdam.

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