Nr. 50/2011 vom 15.12.2011

Emanzipation per Telefon

Lotta Suter über neue Medien und alte Miseren.

Von Lotta Suter

«Neue Medien als Antrieb für Demokratisierung und Entwicklung?», fragte das Jahressymposium der Novartis-Stiftung für nachhaltige Entwicklung Anfang Dezember in Basel. Das Fazit der Tagung: Die neuen Medien überwinden alte Miseren. Die Ubiquität der Mobiltelefone macht alles möglich: vorab die flächendeckende Verteilung von Medikamenten der Firma Novartis, aber auch die Ausbreitung von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. Wirtschaftlicher Aufschwung der Entwicklungsländer und Überwindung des Nord-Süd-Gefälles? Anruf genügt.

Die Veranstaltung erinnerte mich sehr an ähnliche Tagungen, die ich vor Jahr und Tag besucht hatte. Nur wurde die Welt damals nicht durch die Wunderwaffe der Kommunikationstechnologie gerettet, sondern durch die Düngemittel der Grünen Revolution und etwas später durch die Segnungen der Gentechnologie. Einer aus dem ansonsten sehr andächtigen Novartis-Publikum wagte in Basel dann doch noch die Frage: Was ist diesmal, bei der Emanzipation per Telefon, so anders? Und was versprechen sich Grosskonzerne wie Novartis von den neuen Medien?

Der Mann wurde ziemlich forsch in die Schranken gewiesen. Erstens komme das Gute diesmal nicht von oben, das Handy stehe für eine horizontale, also demokratische Kommunikation. Die zweite Frage nach dem Interesse der wirtschaftlichen Grossakteure an dieser technologischen Neuerung wies man vom Podium aus schlicht als Beleidigung zurück. Die von der Novartis-Stiftung eingeladenen Entwicklungsfachleute verteidigten entschlossen den Leistungsausweis des Pharmakonzerns und lobten etwa dessen Malariabekämpfung in den höchsten Tönen.

Star der Tagung war jedoch die Kenianerin June Arunga. Die gelernte Juristin und ehemalige BBC-Mitarbeiterin ist heute als CEO im Bereich Informationstechnologie tätig. Mit den Mobiltelefonen, sagt sie, hätten die AfrikanerInnen endlich den Anschluss an die Welt – oder wenigstens an andere AfrikanerInnen – gefunden. Arungas Firma «Open Quest Media Africa» entwickelt digitale Werkzeuge, die auf die informelle Wirtschaftsweise Afrikas zugeschnitten sind. Sie versucht, Informationsasymmetrien zu vermindern und Transaktionskosten zu senken. Alles massgeschneiderte Lösungen für die MikrounternehmerInnen dieses Kontinents. Ihr wirtschaftsfreundliches Plädoyer kam im Novartis-Auditorium natürlich gut an.

Ich weiss aber nicht, wie gut man June Arunga wirklich zugehört hat. Denn ihr Anliegen ist nicht einfach neoliberale Deregulierung. Sie kämpft zum Beispiel für eine Kodifizierung der privaten Eigentumsrechte und vertraglichen Vereinbarungen in Afrika, weil nur so die Rechte der DurchschnittsbürgerInnen gegen Übergriffe der eigenen Regierungen, aber auch von internationalen Firmen geschützt werden können. Auch billigte sie selbst so unorthodoxe Methoden wie Schwarzmärkte und Produktepiraterie, um möglichst vielen mittellosen AfrikanerInnen den Zugang zur neuen Informationstechnologie zu ermöglichen.

In Afrika gebe es Strassenkinder, die sich ein Handy umhängen und so, als «öffentliche Telefone», Leute bedienen, die sich bloss einen Einzelanruf, aber kein eigenes Telefon leisten können. Die unverwüstliche Optimistin Arunga sieht auch in diesem Kleinstbetrieb einen möglichen Beginn von Demokratisierung und Entwicklung.

Lotta Suter ist WOZ-Mitarbeiterin.

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