Nr. 51/2011 vom 22.12.2011

«Die Leute denken wohl, wir leben in Stämmen»

In ihrem neuen Film leuchtet die Zeichnerin und Filmemacherin Marjane Satrapi in ein Familienleben im Teheran der fünfziger Jahre. Die WOZ traf Satrapi zu einem kurzen Gespräch.

Von Johanna Lier

Für Farangisse gibts nur eine Möglichkeit, ihren Mann Nasser Ali glücklich zu sehen: ihm immer wieder ein Poulet «aux prunes» zuzubereiten. Als sie während eines Streits jedoch seine Geige zerschmettert, hilft auch das nicht weiter. Nasser Ali, der begnadete Musiker, findet kein neues Instrument, das seinen Ansprüchen genügt. Und so sieht er nur noch einen Ausweg, einer Zukunft ohne Musik und einer vergifteten Ehe zu entfliehen: Er legt sich ins Bett und beschliesst zu sterben.

Die «Persepolis»-Bücher und der daraus entstandene Film haben die iranische Zeichnerin und Filmemacherin Marjane Satrapi zum Star gemacht. Die Geschichten aus einer bürgerlichen Familie, die in Teheran unter dem Regime der Mullahs eine normale Existenz zu führen versucht, haben die in Europa üblichen Vorstellungen über das Leben im Iran erschüttert. Hatten bis dahin allein Religionskrieger und unterdrückte Frauen das Bild bestimmt, erzählte sie aus dem Leben der jungen Marjane: Ein junges Mädchen aus einer normalen Familie in einem diktatorisch regierten Land verliebt sich, streitet mit den liberalen Eltern, geht zur Uni und emigriert schliesslich nach Paris.

Der neue Film «Poulet aux Prunes», der auf dem gleichnamigen Buch von Marjane Satrapi basiert, spielt im Teheran der fünfziger Jahre. Damals war der Iran noch ein von feudalen Strukturen geprägter Agrarstaat. In Europa interessierte vor allem die Geschichte der Kaiserin Soraya, die wegen Kinderlosigkeit vom Schah verstossen und durch Farah Diba ersetzt worden war – und die für eine ganze Generation europäischer Frauen zur Stilikone wurde.

Zu dieser Zeit spielt auch die Geschichte vom Wundermusiker Nasser Ali (Mathieu Amalric), seiner herrschsüchtigen Mutter (Isabella Rosselini), dem revolutionären Bruder Abdi (Eric Caravaca), der unglücklichen Ehefrau Farangisse (Maria de Medeiros) und der verlorenen Geliebten (Golshifteh Farahani). Das Aufbrechen der lebenslang schmerzenden Liebeswunde lässt Ali zum vollendeten Geiger werden.

Geht es Satrapi nur darum, eine schöne Geschichte zu erzählen, wie sie betont, oder geht es ihr zugleich um diese komplizierte Beziehung zwischen Orient und Okzident? Anlässlich eines kurzen Gesprächs in einem Zürcher Hotel gibt die Künstlerin Auskunft.

WOZ: Warum sprechen die ProtagonistInnen in Ihrem Film Französisch?
Marjane Satrapi: Es wäre in Frankreich schlicht nicht möglich, einen Film zu produzieren, in dem Farsi gesprochen wird – und alle Migranten würden dauernd die Sprache wechseln. Ich liebe Ernst Lubitsch. Seine Geschichten sind geprägt vom Geist der polnischen Schtetl. Seine Filme hingegen sind US-amerikanisch, und alle sprechen Englisch. Diese Mischung ist für mich mystisch. Schon wenn ich mir meine Crew zusammensuche, überlege ich, welche Sprachen wir wohl sprechen werden. Multikulturalität ist der beste Weg, Brücken zu schlagen.

Die Geschichte von «Poulet aux Prunes» spielt in den traditionellen Lehmhäusern mit ihren Innenhöfen und Gärten. Wobei das Haus der Mutter noch gut erhalten ist, der Garten in üppigster Pracht blüht und gedeiht, während das Haus von Nasser Ali recht zerfallen ist.
Die Mutter im Film steht für eine Zeit, in der die Frauen in traditionellen Strukturen lebten, aber dennoch über ein Selbstbewusstsein verfügten. Die Mutter weiss, wer sie ist, und beherrscht ihre Familie, sie hat unverbrüchliche Prinzipien. Innerhalb von zwei Generationen ist diese Art der Identität jedoch zerstört worden. Deshalb lautet der Name der verlorenen Geliebten auch Iran. Die alten Zeiten sind vorbei. Auch wenn sie unsere Vorstellungen noch beherrschen.

Sie erzählen die einzelnen Lebensgeschichten in filmischen Zitaten, deren Stil gleichzeitig Auskunft über das Leben der Protagonisten gibt. Das Leben von Nasser Alis Sohn spielt in einer US-amerikanischen Vorstadt im Stil einer Sitcom, das der Tochter entwickelt sich in einem Milieu zwischen James Bond und Film Noir, Azriel, der Todesengel, erscheint als Comicfigur, Nasser Alis Schicksal wird wie ein zauberhaftes orientalisches Märchen erzählt.
Die Dramaturgie geht in alle Richtungen. Und die Personen werden auf diese Weise innerhalb der Geschichte etabliert. Dahinter steckt aber keine Moral. Alle haben einfach ihre Schicksale. Auch die Ehefrau. Zuerst ist sie abstossend, verhält sich wie eine Hure, aber dann beginnt man sie zu verstehen. Es ist mir ein Anliegen, jede Person zu einem lebendigen Menschen werden zu lassen.

Im Buch «Poulets aux Prunes» spielt Nasser Ali die Tar, ein traditionelles Instrument, im Film ist es eine westliche Geige.
Eine Geige ist international. Jeder kennt sie. Jeder könnte sie spielen.

Gibt es ohne den Schmerz einer grossen, unerfüllten Liebe keine grosse Kunst?
Leide ich zu sehr, kann ich keine Kunst machen. Geht es mir aber zu gut, etwa wenn ich verliebt bin, habe ich keine Lust zu arbeiten. Bin ich zu glücklich, gehe ich raus und will nur Eiscreme essen. Was braucht es? Ein Leben, das gerade gut genug ist. Aber diese bürgerliche Vorstellung von der grossen Kunst, die durch Schmerz entsteht, existiert durchaus in den Köpfen. Und Nasser Ali geschieht es ja auch!

Wie wird Ihre Arbeit in Europa rezipiert?
Als mein erstes Buch erschienen ist, war ich gerade 21 Jahre alt. Damals machte es mich wütend, mit Vorurteilen konfrontiert zu werden. Während einer Lesung fragte mich eine Frau, wo denn der Rest meiner Familie wäre. Ich und meine Familie!? Ich sehe sie kaum. Sie glaubte mir nicht. Die Leute denken wohl, wir leben in Stämmen! Aber durch Kunst und Unterhaltung können wir diese Vorurteile ändern.

Wird «Poulets aux Prunes» im Iran gezeigt?
Nicht offiziell. Es kursieren jedoch DVDs. Zwei Tage nachdem «Persepolis» herauskam, gab es eine DVD-Version mit Untertiteln in Farsi.

Nasser Ali, der in Wirklichkeit Satrapis Grossonkel gewesen ist, ist nicht mehr zu retten, und muss sterben. Das Rezept für Poulet aux Prunes existiert aber noch und ist ganz einfach: Man brate ein Huhn, getrocknete Pflaumen, Zwiebeln und Kurkuma kurz an, fülle die Pfanne mit Wasser und füge Safran hinzu. Auf kleiner Flamme ein bis zwei Stunden köcheln lassen und mit Salz und Pfeffer abschmecken. Es ist wahrhaft eine besondere Musik, die dann auf der Zunge und im Gaumen zu spielen beginnt.

«Poulet aux Prunes». Frankreich / Deutschland 2011. Regie: Marjane Satrapi. Ab 29. Dezember 
in Deutschschweizer Kinos.

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